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Österreich
07/19/2020

Ökonom Karl Steininger: "Verzicht ist nicht nötig"

Karl Steininger ist Ökonom am Wegner Center der Uni Graz. Gegen Wachstum hat er nichts. Der Umbau zu einer klimaneutralen Gesellschaft gehe damit vielleicht sogar schneller. Wenn man ihn denn angeht.

von Edith Meinhart

profil: Als Klima-Ökonom ist Ihnen Wachstumskritik nicht fremd. Wundern Sie sich ein bisschen, wie viele Mitstreiter Sie neuerdings haben?

Steininger: Eigentlich nicht. Die Wirtschaftstheorie kennt an sich keinen inneren Wachstumszwang. Allerdings: Man kann leichter umverteilen, wenn die Wirtschaft wächst. Völlig anders stellt sich die Lage im Geldsystem dar.

profil: Inwiefern?

Steininger: Einen Kredit bekommt man leichter, wenn die Rückzahlung zu erwarten ist. Dafür braucht es sehr wohl Wachstum. Zumindest in der Phase des Übergangs hin zu einer nicht mehr wachsenden Wirtschaft müsste man sich mit der Verschuldensfrage beschäftigen. Setzt man auf Genossenschaften statt auf gewinnorientierte, börsennotierte Unternehmen, ist der Druck draußen, weil Genossenschaften die Ziele eher im Sinne des Gemeinwohls anschieben.

"Das Wirtschaftssystem ist kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, um Ziele zu erfüllen"

profil: Ist das wünschenswert?

Steininger: Das muss die Gesellschaft entscheiden. Das Wirtschaftssystem ist kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, um Ziele zu erfüllen. Ich persönlich halte den Verzicht auf Wachstum im Sinne des Klimaschutzes nicht für unbedingt nötig. Im Gegenteil. Wir verlieren nur wertvolle Zeit, wenn wir darauf warten, bis wir die Debatte zu Ende geführt haben. Außerdem geht der Umbau in einer wachsenden Gesellschaft – wenn die Richtung stimmt – wahrscheinlich sogar schneller. Wenn man ihn denn angeht.

profil: Die Ansichten, wovon wir künftig mehr haben wollen, gehen freilich weit auseinander.

Steininger: Der materielle Durchfluss kann nicht weiter steigen. Wir haben gesehen, dass wir in vielen Bereichen über dem Limit dessen sind, was unser Natursystem unterstützen kann. Für die Wertschätzung etwa eines Theaterstückes hingegen gibt es keine physikalische Grenze. Das Umschwenken in eine klimaneutrale Gesellschaft ist nicht einfach, aber machbar.

profil: Halten Sie die Corona-Krise für eine Chance, die alten Wirtschaftsmodelle zu hinterfragen?

Steininger: Wir haben die Verletzlichkeit unseres globalen Wirtschaftssystems gespürt, das dringend nötige Güter nicht mehr zur Verfügung stellte. Das führte zu grundsätzlichen Überlegungen. Einige davon könnten von Dauer sein, etwa dass der Lebensmittelhandel verstärkt auf regionale Produkte setzt. Viele Menschen haben begonnen, das Hamsterrad zu hinterfragen, in dem sie sich bewegen. Betriebe kamen an die Grenzen ihrer Finanzierbarkeit.

profil: Bei der Bewältigung der Pandemie und ihrer Folgen ist der Staat gefragt. Soll er diesen starken Part weiter spielen oder sich zurücknehmen?

Steininger: Der Staat ist mehr denn je gefragt, zu investieren und Ausfallshaftungen für Kredite zu übernehmen. Selbst Parteien, die ihn früher immer zurückstutzen wollten, anerkennen seine wichtige Rolle beim Schaffen von Rahmenbedingungen. Was jetzt an staatlicher Nachfrage und Garantien gewährt wird, sollte einem Klimacheck standhalten, um eine Infrastruktur und eine Wirtschaft zu ermöglichen, die CO2-neutral ist. Es geht um klimaneutrale Gebäude, Kreislaufwirtschaft in der industriellen Produktion, fossilfreie Infrastruktur für den Verkehr, aber auch Steuerpolitik und Ordnungsrecht, CO2-Bepreisung, Raumplanung, Flächenwidmung, Bauordnung, Regulierung des Energiemarktes.

profil: Der Staat ist derzeit damit beschäftigt, Existenzen abzusichern und die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Könnte der Klimaschutz ins Hintertreffen kommen?

Steininger: Im direkten Klimaschutz habe ich diese Sorge nicht, weil die Investitionen sogar gestiegen sind. Die Förderung für erneuerbare Energie ist so hoch wie schon lange nicht. Auch bei der Infrastruktur für eine klimaneutrale Zukunft ist der Staat durchaus aktiv. Eine jedoch sehr große Gefahr ist, den Klimaschutz nicht bei allen staatlichen Aktivitäten mitzudenken. Darauf ist jetzt unbedingt zu achten, sonst bauen wir Strukturen auf, die langfristig nicht nur nutzlos sind, sondern uns zunehmend hohe Kosten bescheren.

profil: Welche Maßnahmen wäre jetzt vordringlich?

Steininger: Neben den erwähnten Investitionen vor allem eine CO2-Bepreisung. Dass die EU mit CO2-Zöllen hier vorangeht, ist ein gutes Signal.

 

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