Analyse: Warum begeistert Kanzler Kurz mit seinen Reden?

Analyse: Warum begeistert Kanzler Kurz mit seinen Reden?

Kein anderer Spitzenpolitiker redet so nüchtern, ohne rhetorische Kunstgriffe und Emotionen wie Sebastian Kurz. Warum begeistert er trotzdem, fragt Christa Zöchling.

Bundeskanzler Sebastian Kurz hält immer öfter staatstragende Reden. Das bringen Amt und Verantwortung mit sich; vorbei die Zeit der launigen Wahlkampfauftritte vor Anhängern, die weniger ein Ohr als einen Blick für den jungen Kanzler hatten. Seine Rede steht jetzt auf dem Prüfstand. Europa hört mit. Mit dem, was er sagt, werden im weiten Feld der Politik symbolische Pflöcke eingeschlagen.

Am vergangenen Dienstag stellte sich Sebastian Kurz den Abgeordneten im Straßburger Europaparlament. Er gab eine Tour d’Horizon zu den anstehenden Problemen während der österreichischen Ratspräsidentschaft.

Anfangs sprach Kurz vor einem peinlich leeren Plenarsaal, und hätte nicht hin und wieder EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker einen gütigen Altersblick auf den jungen Politiker geworfen und Wohlwollen verströmt („Lieber Sebastian, ich weiß, dass du viel arbeitest und dich einfühlen kannst in die Befindlichkeit anderer“), hätte man denken können, dieser Politiker steht auf verlorenem Posten. Doch das tut er nicht.

Kurz surft mit natürlicher Sicherheit auf den Wellen des Zeitgeists. Und dieser Zeitgeist ist pragmatisch und kalt, hält sich nicht auf mit Tränen über ertrunkene Menschen im Mittelmeer und verdrängt Gewissensbisse, um das Ziel – Eindämmung der Migration – zu erreichen.

Wer dem Kanzler seine Kaltschnäuzigkeit vorhält, wird von ihm belehrt: Der bisherige Weg in der Migrationspolitik „klingt menschlich und beruhigt das Gewissen“, führe jedoch zu Tausenden Toten im Mittelmeer und vielleicht noch mehr in der Sahara, sagt Kurz. Selbst Anhänger von Kurz’ Entschiedenheitspolitik vermissen Empathie.

Der Mangel macht sich in Kurz’ Sprache bemerkbar. Sie ist abstrakt, unliterarisch. Und wenn er einmal anschaulich formuliert, kommen schreckliche Bilder zum Vorschein. Kurz sagt gern, er wolle verhindern, dass sich die Menschen „an den Grenzen stapeln“. Stapeln tun sich Leichen.


Kurz verwendet nie ausgefallene Worte, gewagte Formulierungen, rhetorische Kunststückchen.

Die normale Rede des jungen Kanzlers ist so derart ohne jeden rhetorischen Glanz, dass es auf lange Sicht wehtut. Allerdings waren und sind die meisten großen Politiker so, in dem Sinne, dass sie ohne Rhetorik auskommen. Rhetorik ist Luxus. Für das Kommunizieren komplexer Sachverhalte nur hinderlich. Rhetorik ruft Misstrauen hervor. Wer sich ihrer Künste bedient, stehe im Ruf, zu blenden und zu täuschen. Davor hat schon Cicero, der Begründer der Redekunst, gewarnt.

Kurz’ Reden sind meist langweilig. Warum wirken sie trotzdem grundlegend anders und neu?

Nun, er redet verständlich. Manchmal streut er Reihungen ein, verwendet dreimal oder öfter dasselbe Verb, etwa: „Was wir brauchen, sind … Was wir brauchen, sind aber auch … Und was wir schließlich brauchen, sind vor allem …“

Von seinen ersten drei Minuten im Europaparlament hat man nur das Wort „fokussieren“ im Ohr: „Daher wollen wir als Ratsvorsitz einen Fokus auf die großen Fragen legen. Wir glauben, fest im Sinne der Subsidiarität, dass es notwendig ist, auf die großen Fragen zu fokussieren. (…) Wir sind uns sicherlich nicht überall einer Meinung, aber ich habe (…) festgestellt, dass auch alle Fraktionen im Europäischen Parlament nicht immer einer Meinung sind. Aber vielleicht ist es auch genau das, was auch ein Stück weit uns in Europa ausmacht, dass wir es uns leisten können, unterschiedlicher Meinung zu sein und gleichzeitig aber auch wissen müssen, dass wir darauf fokussieren sollten, wo wir einer Meinung sind, auf die Ziele auch fokussieren, wo wir Kompromisse erzielen können. Das ist das Ziel unseres Ratsvorsitzes. Wir wollen Brückenbauer sein und auf Themen fokussieren, wo es gemeinsam möglich ist, unsere EU voranzubringen. Wir stellen den Ratsvorsitz unter das Motto ‚Ein Europa, das schützt‘. Wir wollen auf Herausforderungen fokussieren, die in unserer Zeit gerade aktuell sind, die den Wohlstand in Europa sichern, und wir wollen das nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb unserer Grenzen tun.“

Die Rede von Sebastian Kurz vor dem EU-Parlament (3. Juli)

Gedruckt klingt das elend. Es ist wohl mehr als beruhigender Sound gedacht, als ein Vorbeirauschen. So mancher denkt dabei an einen Sängerknaben. Interessant ist seine Satzmelodie, also Timing und Höhe seiner Stimme, gewissermaßen die Tonhöhe und -folge. Leicht variiert um einen Grundton spielend, wirkt sie beruhigend bis betäubend.Grundsätzlich gebraucht Kurz deeskalierende Formulierungen bei Problembeschreibungen oder bei Abwertungen. Er würde nie sagen: Kollege X verhält sich wie ein Schuft, sondern: Kollege X hat ein Verhalten, das sich von meinem letztendlich ein Stück weit unterscheidet.

Bei Deeskalationen ist Kurz eine Art Meister. Es fügt sich gut ein in sein grundsätzlich höfliches, wohlerzogenes, gutmeinendes und ehrliches Image.

Sein Beharren und sich selbst Reduzieren auf wenige und einfache Gedanken hat durchaus Methode. Kurz glaubt nicht an Programme. Es gehe in der Politik und im Leben um etwas anderes, sagte er beim Wahlkampfauftakt vor einem Jahr in der Wiener Stadthalle, nämlich um Tatkraft, Standfestigkeit und Ausdauer. Bei diesem Event hat er übrigens einen Rekord in eigener Sache aufgestellt: gleich neunmal hintereinander bedankte er sich beim Publikum, dass es gekommen war. Geplant war dieser Dankbarkeitsrausch bestimmt nicht, so etwas steht in keinem Manuskript.

Kurz’ Phonetik, also seine Aussprache der Wörter, ist sicher, fehlerfrei und natürlich. Er nuschelt niemals. Er spricht die Endsilben aus, ohne dass es gekünstelt wirkt. Man könnte sagen, er spricht auf natürliche Weise wohlerzogen. Spricht er auf Englisch, ist es ein Schulenglisch, das all jene kennen, die keine teuren Native-Speaker-Sommerkurse im Ausland finanziert bekamen.
Kurz spricht am Anfang jeder Rede langsam, um die Zuhörer in aller Ruhe einzufangen. Gelegentlich beginnt er mit einer kleinen Abweichung, einem Scherz, einer scheinbaren oder minimalen Tabuverletzung, mit etwas Persönlichem, mit etwas, was nicht politisch ist und eigentlich nicht zum Thema der Rede gehört.

Seine Körperhaltung beim Reden ist äußerst gerade, locker und angespannt zugleich, wie bei einem guten Tänzer oder einem Sportler beim Wettkampf. Er wirkt „wie aus dem Ei gepellt“ angezogen, stets der gleiche nachtblaue Anzug, jugendlich auf Taille geschnitten, immer das gleiche schneeweiße Herrenoberhemd, die gleichen spitz zulaufenden schwarzen Schuhe. Die Haare glänzend, stark geschminkt.


Er ist nie bei sich, sondern bei den anderen, als könne er sich selbst zuhören und sich am Gesagten beglücken.

Die Handbewegungen beim Sprechen sind sparsam. Manchmal geht der linke Daumen hoch, nur für eine Millisekunde, während die Hand eine wegwerfende Geste von innen nach außen zu machen scheint. Das gibt dem Satz noch mehr Energie. Im EU-Parlament umfasste er mit beiden Händen immer wieder, fast zärtlich, die Mikrofone, die sich ihm wie Blumenkelche entgegenreckten. Und immer scheint er während des Sprechens gedanklich bei den Zuhörern zu sein. Er ist nie bei sich, sondern bei den anderen, als könne er sich selbst zuhören und sich am Gesagten beglücken. Dieses zugewandte, aufmerksame, irgendwie hocherfreute Einreden auf das Publikum wirkt auf seine Anhängerschaft echt, auf seine Gegner dagegen künstlich und verlogen. Es scheint hier keine Wahrheit zu geben.
Warum wirkt Vizekanzler Heinz-Christian Strache wie der glücklichste Mensch auf Erden, wenn ihn Kurz bei öffentlichen Auftritten von der Seite her betrachtet, bis er zu Ende gesprochen hat? Es ist ein Mirakel.

Kurz vertraute einmal einem Freund an, Wahlkampfauftritte würden ihm gefallen, da er Menschen einfach möge. Vielleicht ist es ja wirklich so. Aber die anderen, die nicht seine Anhänger sind, die mag er nicht. Das lässt er sie spüren. Im Umgang mit Journalisten, die ihre Aufgabe darin sehen, die Aura der Bewunderung zu brechen, neigt Kurz zu Untergriffen.

Kurz’ Stärke ist nicht die öffentliche Rede; vielleicht liegt sie in Kulissengesprächen. Beim vergangenen EU-Gipfel soll er in Zwei-Augen-Gesprächen mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron und dem italienischen Premier Giuseppe Conte mitgeholfen haben, die stockenden Verhandlungen wieder flottzukriegen.

Eine Prognose darf man jetzt schon wagen: Eine Rede, mit der er in das kollektive Gedächtnis eingehen wird, ist von Kurz eher nicht zu erwarten.