Bundesheer

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Österreich
04/27/2009

Anlageobjekte

Das Bundesheer demontiert im Mostviertel die letzten seiner einst hochgeheimen Panzerabwehr-Bunker aus dem Kalten Krieg. Im Ernstfall wäre hier das Schicksal Österreichs entschieden worden - und ein wenig auch jenes des Westens.

von Gernot Bauer

Wo alles begann, hätte es auch enden können. Neuhofen an der Ybbs im Bezirk Amstetten gilt als Wiege Österreichs. Prunkstück des örtlichen Kulturhofs ist eine Kopie der Urkunde, in der "Ostarrichi" 996 namentlich das erste Mal erwähnt wurde. Das Österreich-Millennium 1000 Jahre später beging man hier besonders feierlich. Heuer zeigt eine Sonderausstellung des Kulturhofs die besonderen Beziehungen zwischen den Regionen Südböhmen und Mostviertel. Zur Eröffnung Samstag vergangener Woche tanzte die Gruppe Kovárovan auf.

Dreißig Jahre zuvor hätten Tschechen auf Besuch im westlichen Mostviertel nicht Tracht, sondern eher Uniform getragen. Sie hätten nicht getanzt, sondern geschossen. Die Südböhmen wären keine Freunde, sondern Feinde gewesen.

Für ihre Bewohner war die liebliche Region mit sanften Hügeln zwischen Wieselburg, Scheibbs und Amstetten schon immer ein Paradies mit Birnblüte, für die Strategen des österreichischen Bundesheers im Kalten Krieg schlicht die "Schlüsselzone 35": ein nur 15 Kilometer breiter topografischer Flaschenhals zwischen der Donau im Norden und den Alpenausläufern im Süden. Auf ihrem Weg nach Bayern hätten die Truppen des Warschauer Pakts - Sowjets, Tschechoslowaken, Ungarn - das Mostviertel durchqueren müssen, und die Schlüsselzone 35 war der am besten geeignete Ort für Widerstand. "Hier wäre mit Sicherheit nahezu die Hälfte der Kräfte des Bundesheers konzentriert gewesen. Es war die strategisch entscheidende Stelle", sagt Generalleutnant Christian Segur-Cabanac, heute einer der ranghöchsten Offiziere im Bundesheer und Leiter der Einsatzsektion im Verteidigungsministerium.
 

Anfang der achtziger Jahre hatte der junge Major des Generalstabs eine streng geheime Mission. Segur-Cabanac war im Armeekommando für die so genannten Festen Anlagen (FAn) verantwortlich - Kleinbunker, geschützt mit meterdickem Stahl und bestückt mit abgesägten Panzertürmen samt 10,5-Zentimeter-Kanone, die den Vorstoß feindlicher Panzer und Truppen hätten stoppen sollen. Einige Soldaten hätten im Bunker die Kanone bedient, außerhalb so genannte Sperrjäger die Anlage gesichert. 500 FAn waren - von Ost nach West, im Alpenvorland wie im Gebirge - im Bundesgebiet verteilt, 80 davon in der Schlüsselzone 35.

Die FAn waren streng geheim und entsprechend getarnt: als Bienenhaus, Geräteschuppen oder Waldhütten. Sie lagen im Wald, auf Wiesen, direkt im Berg oder bei Tunneleinfahrten. Die Grundstücke gehörten dem Heer oder wurden gepachtet. Bescheid wussten meist nur Anrainer und Bauern, auf deren Boden die Bunker standen.

Im Gedenkjahr 2009, zwanzig Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, demontiert das Heer die noch verbliebenen Bunker und lüftet einige der letzten Geheimnisse.

Hühnerstall

Was in den beiden Schuppen nahe ihres Bauernhofs verborgen ist, wusste Susanne Lothspieler schon als Mädchen. Ihr Vater hatte seinerzeit den Grund an das Heer verpachtet. Heute ist sie 35 und Chefin am Straßbauer-Hof bei Steinakirchen am Forst im Bezirk Scheibbs: 80 Maststiere, Schweine, blühende Mostbirnbäume, Garten, Fremdenzimmer, ideal für den Urlaub am Bauernhof. In den vergangenen Jahren, sagt Lothspieler, war nur selten Bundesheerpersonal auf Besuch, im Unterschied zu früher. Da wurde bei Übungen des Militärs der Hof der Lothspielers als Kommandostand genutzt. Doch nun hat der Straßbauer als dislozierte Bundesheer-Einrichtung endgültig ausgedient. Das Dach des einen Schuppens, hundert Meter vom Haus entfernt, hat der Winterorkan Kyrill im Jänner 2007 teilweise abgedeckt. Der zweite Schuppen wird heute als Hühnerstall genutzt - trotz des geheimen Inhalts.

Aus der Salzburger Schwarzenberg-Kaserne ist vergangenen Montag Vizeleutnant Karl Pangger angereist. Der Unteroffizier war schon dabei, als der Bunker beim Straßbauer vor zwanzig Jahren als einer der letzten überhaupt angelegt wurde. Die Demontage geht schnell. Rekruten zerlegen mit Kreissägen den Tarnschuppen. Der abgesägte Panzerturm vom Typ Centurion liegt da wie ein zertretener Käfer. Scharf geschossen zur Übung wurde hier nie, ein Waffenmeister gab nur hin und wieder Kaltschüsse ab. Der Wallmeister, verantwortlich für die FAn der Zone, öffnet eine schwere Falltür, die Soldaten steigen eine Stiege in den Bunker hinab: drei kleine Räume, einer davon mit Schaumgummi zum Schallschutz ausgelegt, Pritschen, ein Luftschacht und der Zugang zur Kanone. Von innen schrauben die Soldaten den Turm ab.

Am nächsten Tag ist Vizeleutnant Pangger mit seinem Kran im Einsatz. Der 13 Tonnen schwere Turm wird angehoben und verladen. Der letzte Weg führt nach Wels. Dort wird der Turm zerschnitten und an Schrotthändler verkauft werden. Das Loch am Grund der Lothspielers wird zubetoniert. Was mit dem Bunker passiert, ist noch nicht ganz klar. Laut Vertrag muss das Heer den Urzustand wiederherstellen, und so will es auch Susanne Lothspieler.

Meistens nutzen die Bauern die aufgelassenen Bunker als Lagerkeller, für Erdäpfel zum Beispiel. "Das Schwierigste ist es, einem Bauern Grund und Boden abzukaufen. Aber es war seinerzeit verhältnismäßig einfach, den Bauern nach zwei Stamperln Schnaps ein Packerl Tausender auf den Tisch zu legen und ihren Grund für 99 Jahre zu pachten", sagt Generalleutnant Segur-Cabanac. Und nebenbei - ganz ohne Besoldung - passten die Bauern auch auf die Bunker auf. Schlichen verdächtige Gestalten mit Fotoapparaten um die Festen Anlagen, wurde die Gendarmerie gerufen. Denn für die Aufklärung der Oststaaten waren die Bundesheer-Bunker durchaus ein Top-Ziel.

So registrierte die Abwehr des Bundesheers in den siebziger und achtziger Jahren ein interessantes Phänomen aus dem Bereich des internationalen Schwerverkehrs. Überraschend häufig verfuhren sich Lenker ungarischer und tschechischer Lkws in abgelegene Ortschaften des Donautals - am Volant häufig Offiziere in Zivil. Die Ergebnisse der Erkundungen blieben freilich - ex post betrachtet - militärisch wertlos. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs klärten die österreichischen Generäle ihre ungarischen Kameraden darüber auf, dass auf den ungarischen Karten nicht die tatsächlichen Bunker, sondern zumeist nur Attrappen und Scheinanlagen des Bundesheers verzeichnet waren. Bei einer Übung des Warschauer Pakts - Manövername "Sojus" - in den achtziger Jahren war die Schlüsselzone 35 zu Übungszwecken sogar eigens nachgebaut worden. Die ungarische Armeeführung rechnete laut Militärhistorikern in der Schlüsselzone 35 mit hohen Verlusten unter ihren Truppen.

Mastermind der rot-weiß-roten Verteidigungsstrategie war der legendäre Armeekommandant Emil Spannocchi. Der General entwickelte in den siebziger Jahren die Doktrin der Raumverteidigung. Statt in großen Schlachten sollten Invasoren in den schwer befestigten Schlüsselzonen aufgehalten und in so genannten Raumsicherungszonen in Kleingefechten bekämpft werden. Der dadurch drohende Zeitverlust sollte die Warschauer-Pakt-Armeen davon abhalten, die NATO auch über Österreich anzugreifen. In der Schlüsselzone 35 war sogar die Donau Teil des Verteidigungskonzepts. Durch gezielte Sprengungen von Dämmen und das Öffnen von Schleusen wären weite Landstriche überflutet und damit unpassierbar geworden. Die Drau hingegen sollte im Ernstfall aufgestaut werden, um den feindlichen Vormarsch durch Morastbänke zu behindern.
 

Wehrmachts-Know-how

Als Erfinder der Festen Anlagen im Bundesheer gilt Max Stiotta, der bereits in der Ersten Republik als Berufsoffizier gedient hatte. Im Zweiten Weltkrieg war Stiotta bis zum Generalmajor aufgestiegen. Aufgrund seines hohen Rangs in der Wehrmacht konnte er nicht in das neue Bundesheer übernommen werden. Auf sein Wissen als Bunkerbauspezialist wollte das Verteidigungsministerium freilich nicht verzichten. Die österreichische Lösung: Stiotta wurde auf Werkvertragsbasis als Berater engagiert und entwarf von 1957 bis 1962, gestützt auf seine Kriegserfahrungen, die österreichischen Befestigungsanlagen.

Andreas Scherer, 42, heute Oberstleutnant im Verteidigungsministerium, hätte im Ernstfall als Kommandant Fester Anlagen im Dreiländereck am Kärntner Wurzenpass gedient: "Natürlich wäre der Einsatz unter Umständen ein Himmelfahrtskommando gewesen." Nach Expertenschätzungen wären etwa 15 Schuss aus den Panzerabwehrkanonen der Festen Anlagen abgegeben worden, bevor die Stellung durch feindlichen Beschuss ausgefallen wäre. Christian Segur-Cabanac: "Vom strategischen Denken war das Konzept der Festen Anlagen durchaus viel versprechend, aber natürlich zwangsläufig mit einer entsprechenden Verlusteerwartung verbunden." Am Wurzenpass bleiben die Panzerabwehrkanonen der FAn erhalten - in einem Bunkermuseum, das Andreas Scherer in Eigeninitiative gegründet hat.

Die noch vorhandenen Anlagen werden nun sukzessive abgebaut. Der Ernstfall blieb aus. Und so kam die einzige Attacke gegen die FAn ausgerechnet von innen. In den achtziger Jahren hatten österreichische Pazifisten die Grundbücher ländlicher Gemeinden nach unscheinbaren Eintragungen des Verteidigungsministeriums durchforstet und damit so manche streng geheime Stellung öffentlich gemacht.

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