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Österreich
04/22/2022

Bald 20 Millionen Impfdosen ohne Abnehmer

Die großen Mengen wurden bereits 2021 bestellt – nicht zuletzt wegen der damals geplanten Impfpflicht. Eine Reduktion ist nicht mehr möglich.

von Clemens Neuhold

In der Vorwoche ließen sich quer durch Österreich rund 2000 Menschen pro Tag gegen Covid-19 impfen. Der Großteil zum dritten Mal, der Anteil der Erstimpfungen lag bei nur noch fünf Prozent oder rund 100 Stichen. Angesichts der stark sinkenden infektionszahlen dürfte das Impfgeschehen bis zum Sommer praktisch zum Erliegen kommen. Nicht so die Impfstoffbestellung. Österreich wird mit Impfstoff geradezu überschwemmt. In diesem Jahr wurden bereits zehn Millionen Dosen geliefert. Auf Lager befinden sich aktuell 16 Millionen Dosen. Im zweiten Quartal kommen weitere 6,5 Millionen Dosen hinzu. Zwei Millionen Dosen werden an andere Staaten gespendet. Bleiben rund 20 Millionen Impfdosen, die bis zum Sommer auf Halde liegen - bei verschwindender Nachfrage. Und für das dritte Quartal sind laut Gesundheitsministerium weitere 8,2 Millionen Impfdosen bestellt. Zur Einordnung: Seit den ersten Impfungen im Jahr 2021 wurden insgesamt 18 Millionen Impfdosen verabreicht.

Pacta sunt servanda

„Die Beschaffungen für das Jahr 2022 mussten schon mit viel zeitlichem Vorlauf – meistens bereits im Sommer 2021 – getätigt werden. Der Impfstoff wurde daher im Sinne eines Risikoportfolios für eine ungünstige Entwicklung der Pandemie und danach im Lichte der gesetzlichen Impfpflicht angeschafft“, heißt es aus dem Gesundheitsministerium. Diese „Sicherheitsrechnung“ sei mit der aktuellen Omikron-Variante nicht eingetreten. Und man muss hinzufügen: Die Impfpflicht ist ebenfalls Geschichte. Für die Hersteller, allen voran Pfizer, bleibt die Rechnung unverändert. Denn die Reduktion der Mengen ist nicht mehr möglich. „Es handelt sich um europaweit gültige Verträge mit internationalen Unternehmen. Grundsätzlich sind bestehende Verträge einzuhalten“, betont man im Gesundheitsministerium, „die Impfstoffe müssen abgenommen werden“.

Ein Überangebot an Impfstoffen gebe es mittlerweile in allen EU-Ländern. Deswegen fänden auf EU-Ebene Verhandlungen statt, die Mengen fürs zweite auf das dritte oder vierte Quartal zu verschieben.

Verfällt der Impfstoff?

Der Impfstoff von Pfizer hält grundsätzlich zwölf Monate, das am zweithäufigsten bestellte Serum von Moderna neun Monate. Droht eine Corona-Herbstwelle und steigt die Impfbereitschaft wieder, könnte der Impfstoff somit noch verimpft werden. Doch selbst dann wird das Angebot von über 25 Millionen Impfdosen die Nachfrage um ein Vielfaches übersteigen. Die Abneigung jener 1,2 Millionen Impfverweigerer, sich den ersten Stich zu holen, hat sich durch die Omikronvariante eher noch verfestigt. Viele haben sich infiziert und fühlen sich nun „natürlich“ immunisiert. Und auch von den 4,8 Million Dreifachgeimpften könnten einige die vierte Impfung auslassen, wenn sie zusätzlich genesen sind. Ein weiterer Haken an der Herbst-Rechnung: Kommt bis dahin ein neuer Impfstoff auf den Markt, der an Omikron oder Folgevarianten angepasst ist, schauen Millionen Impfdosen alt aus. Sie drohen zum Ladenhüter zu werden.

Ob es bis Herbst einen angepassten Impfstoff brauche oder gebe, sei keineswegs gesichert, heißt es aus dem Ministerium. Man wolle jedenfalls gerüstet sein, falls es im weiteren Verlauf der Pandemie wieder rasch großen Bedarf nach Impfstoff gebe. „Die Versorgungssicherheit hat die höchste Priorität. Der finanzielle Schaden ist im Vergleich zu den möglichen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen von Engpässen bei Impfstoffen gering.“ Die Kosten der Impfstoffbestellung beliefen sich 2021 auf über 300 Millionen Euro. Für dieses Jahr ist mit einer ähnlichen Summe zu rechnen. Dazu kommen die Kosten für die Lagerung und Kühlung.

Eine Umwegrentabilität für den heimischen Wirtschaftsstandort ergibt sich durch die Bestellung von 1,17 Millionen Dosen von Valneva. Der österreichisch-französische Hersteller eines klassischen Totimpfstoffes, der auch bei Impfskeptikern höheres Vertrauen genießt, unterhält einen Produktionsstandort in Wien.