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Bauer sucht Politik: Staffel I, Folge 4
12/18/2021

Erwin Pröll: Eine Weihnachtsgeschichte

Fürst Erwin regierte das Land wie sein eigenes. Seinen Bürgern schenkte er eine Stadt, den ÖVP-Chefs schenkte er ein. Heiligabend feiert er den 75. Geburtstag. Sein Geist weht weiter.

von Gernot Bauer

Erwin Pröll wurde an einem 24. Dezember geboren – wann sonst? Dass an diesem Tag ein heller Stern über Niederösterreich leuchtete, ist nicht überliefert, aber sehr wahrscheinlich. Es war das Jahr 1946, die Not im Land groß. Die Karriere des Erwin Pröll im Schnelldurchlauf: Studium an der Universität für Bodenkultur in Wien, Referent im niederösterreichischen ÖVP-Bauernbund, Landesrat in Niederösterreich, Landeshauptmann von Niederösterreich ab 1992. Nächstes Jahr begeht das Bundesland seinen 100. Geburtstag. 25 Jahre davon wurde es von LH Erwin Pröll regiert.  Am 19. April 2017 trat er nach einem Viertel-Jahrhundert von seinem Amt zurück. Manche im Land feiern das Datum seitdem als niederösterreichischen Unabhängigkeitstag.

Der Geist der gegenwärtigen Weihnacht

Der ORF feierte Prölls 75. Geburtstag vergangenen Donnerstag angemessen mit einer Doku im Hauptabendprogramm auf ORF 2, dem prominentesten Sendeplatz überhaupt. Die Idee dazu stammt wahrscheinlich noch von Alexander Wrabetz. Ein listiger Move, trotzdem wurde es nichts mit Wrabetz‘ Wiederwahl zum ORF-Generaldirektor. Dessen Nachfolger als Rundfunkchef, Roland Weißmann, wurde einst im Landesstudio Niederösterreich sozialisiert. Daher war auch nicht damit zu rechnen, dass die Pröll-Sondersendung ins Nachtprogramm von ORF 3 verschoben würde.

 

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In der TV-Doku beklagt Pröll, die Niederösterreicher hätten früher zu wenig Selbstwertgefühl besessen. Daher schenkte ihnen ihr Landeshauptmann 1997 eine eigene Landeshauptstadt: St. Pölten. Seither verfügt Niederösterreich über zwei Landesheilige: den Hl. Leopold und den Lh. Erwin. „Er ist ein kleiner Sonnengott“, sagt Prölls Freund, der Pianist Rudolf Buchbinder, im ORF. Zur Feier von Prölls 70. Geburtstag im Stift Göttweig fanden sich 3000 Trabanten ein und kreisten um die Sonne.

Der Geist der vergangenen Weihnacht

Neben einer neuen Landeshauptstadt bescherte Pröll seinen Bürgern auch eine neue Autobahn (A5), die Donau-Universität Krems, mehrere Museen, das Musik-Festival Grafenegg und einen neuen Landesanzug (dunkelblauer Loden, grüner Stehkragen, Quetschfalte mit Dragoner). Die Bürger von Niederösterreich dankten es Pröll mit Mehrheiten bei fünf Landtagswahlen. Bürgermeister in Niederösterreich bedankten sich bei Pröll, indem sie Aussichtswarten, Kindergärten und Brücken nach ihm benannten. Man merkt: Dankbarkeit war in Niederösterreich in der Ära Pröll durchaus eine politische Kategorie.

Erwin Prölls Erfolgsgeheimnis bestand in seiner Omnipräsenz. Wo mehr als drei Niederösterreicher versammelt waren, bestand eine große Chance, dass auch ihr LH dort war. Wahrscheinlich verbrachte er mehr Zeit im Dienstwagen als im Büro. Nicht die kleinste Veranstaltung wurde ausgelassen: Eröffnung von Kindergärten, Heurigen, Polizeistationen, Ausstellungen, Biobackstuben. Ein Landeshauptmann wie ein „Flächenbrand“ (Helmut A. Gansterer).

Wie jeder Landeshauptmann sah Pröll seine nobelste Aufgabe darin, das kleine Ganze im Auge zu behalten. Zehn Jahre lang verhinderte er zum Zorn der Steirer den Bau des Semmering-Basistunnels. Umweltministerin Leonore Gewessler könnte diesbezüglich noch einiges von ihm lernen. Und wie jeder schwarze Landeshauptmann sah Pröll seine notwendige Aufgabe darin, dem jeweiligen ÖVP-Bundesparteiobmann das Leben schwer zu machen. Setzte er sich einmal nicht durch, schwänzte er Vorstandssitzungen und blieb trotzig auf Urlaub in Grado.

Der Geist der zukünftigen Weihnacht

Mit seinem Abgang ist Pröll nicht verschwunden. 2017 zählte er zu den Unterstützern von Sebastian Kurz. Dieser umschmeichelte Pröll und dessen Nachfolgerin Johanna Mikl-Leitner, indem er sich einfach zum halben Niederösterreicher erklärte, da seine Großmutter im Waldviertel auf einem Bauernhof lebt.

Heute schwingt Enttäuschung mit, wenn Erwin Pröll in der ORF-Doku über Kurz sagt: „Talent allein macht noch keinen Erfolg.“ Aber immerhin: Statt einer halben Portion aus Niederösterreich bekam die ÖVP-NÖ nun eine ganze. Neo-Kanzler Karl Nehammer arbeitete ab 2009 für die Landespartei. Rekrutiert wurde er von Gerhard Karner, unter Pröll Landesgeschäftsführer der ÖVP-NÖ. Zwölf Jahre später rekrutiert der frühere Pröll-Untergebene Nehammer den früheren Pröll-Untergebenen Karner und macht ihn zum Innenminister. Folgerichtig wird in den Annalen der niederösterreichischen Landesgeschichte einmal zu lesen sein: Anlässlich seines 75. Geburtstages schenkt Altlandeshauptmann Erwin Pröll den Österreicherinnen und Österreichern eine neue Bundesregierung.

Der profil-Redakteur ergründet seit 20 Jahren Wesen und Unwesen der österreichischen Innenpolitik.

 

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