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Bauer sucht Politik: Staffel I, Folge 3
12/11/2021

Die Nehammers: Vom Kammerdiener zum Kanzler

Die Volkspartei baut die Republik um. Auf Alexander, den Vorübergehenden, folgt Karl, der Stattliche. Dessen Vorfahr hätte Geschichte schreiben können. profil deckt auf, warum daraus nichts wurde. Herbert Kickl wiederum lässt sich derweil viermal boostern.

von Gernot Bauer

Carl Nehammer war ein loyaler Diener. Sein junger Chef, Kronprinz Rudolf, hielt das Herrschaftssystem der Altvorderen für überholt. Er wusste, seine Zeit würde kommen, konnte sie aber trotzdem kaum erwarten. Am Ende ging er als tragische Figur in die Geschichte ein. Sein zweiter Kammerdiener, Carl Nehammer, findet darin gar keine Erwähnung. Am 30. Jänner 1889, als Kronprinz Rudolf auf Schloss Mayerling erst Baroness Mary Vetsera und dann sich selbst erschoss, war er nicht anwesend. Rudolfs erster Kammerdiener, Johann Loschek, der die beiden Leichname gemeinsam mit Josef Graf Hoyos-Sprinzenstein fand, bekam hingegen sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag.

Im Redoutensaaltrakt der Wiener Hofburg, wo vielleicht Kronprinz Rudolf als kleiner Bub herumtollte, erkundigte ich mich vergangenen Donnerstag bei Karl Nehammer, ob er mit Carl Nehammer, dem Kammerdiener, verwandt sei. Treffer! Es handelt sich um einen direkten Vorfahren. Aus Nehammer, dem Kammerdiener, wurde Nehammer, der Bundeskanzler. So muss Republik!

Junge Habsburger sind heute keine Kronprinzen mehr, sondern Autorennfahrer, wenn auch nicht die Allerschnellsten. Gelegentlich darf der Ex-Adel – mit Ausnahme derer von Gudenus – sogar politisch mitreden. Graf Schallenberg war sogar, wenn auch nur kurz und eher unwillig, Bundeskanzler. Für die Neos sitzt Graf Douglas Hoyos im Nationalrat. Hoyos ist ein Abkömmling jenes Grafen Hoyos-Sprinzenstein, der in Mayerling die Leichen finden konnte, weil Karl Nehammers Vorfahr nicht anwesend war. Zufall?

Sie lesen Folge 3 einer Serie von Gernot Bauer über die heimische Innenpolitik. Alle bisher erschienen Teile von “Bauer sucht Politik” können Sie hier nachlesen.

Platzsuche im Parlament

Vergangenen Donnerstag, sitzen die Herren Nehammer, Schallenberg, Hoyos, sowie die übrigen Regierungsmitglieder und 182 weitere Abgeordnete im Parlamentsausweichquartier in der Wiener Hofburg. Der Bundeskanzler stellt sich und sein frisch angelobtes Team dem Nationalrat vor. Die neuen Minister wirken etwas unsicher und suchen auf der langen Regierungsbank ihre Plätze wie Gäste zu Beginn einer Hochzeitsfeier. Nur der neue Innenminister aus Niederösterreich, Gerhard Karner, fühlt sich gleich wie ein Fisch in der Traisen. Im Gegensatz zu Engelbert Dollfuß schätzt Karner das Parlament. Schließlich wimmelt es dort vor niederösterreichischen ÖVP-Abgeordneten.

Alle Regierungsmitglieder tragen FFP2-Masken, Verteidigungsministerin Klaudia Tanner hat bei der Heeresbekleidungsanstalt sogar eine rot-weiß-rote ausgefasst. Der neue Bildungsminister, Martin Polaschek, hat die Haare schön, lang und breit wie Prinz Eisenherz. Wiewohl man auch Männer nicht an Äußerlichkeiten messen sollte. Beklagenswerterweise etwa wurde der Zwei-Meter-Mann Heinz Faßmann ständig auf seine Größe reduziert.

Der Kanzler beginnt seine Rede. Bei Oscar-Verleihungen ist es den Preisträgern seit Jahren verboten, sich minutenlang bei allen möglichen Wegbegleitern zu bedanken und so die Veranstaltung unnötig in die Länge zu ziehen. Es wäre überlegenswert, diese Regelung in die Geschäftsordnung des Nationalrats zu übernehmen. Nehammer beginnt mit einem Dank an den Bundespräsidenten für dessen Umsicht bei der Regierungsumbildung und endet 15 lange Minuten später mit Dank an „die Kinder dieses Landes, die in der Pandemie auf ihre Großeltern aufpassen“. Im Zivilberuf ist Nehammer gelernter Rhetoriktrainer, aber bekanntlich können auch viele Fußballtrainer nicht kicken. Als Spezialist für politische Kommunikation weiß Nehammer ohnehin, dass der äußere Eindruck zählt. Und da punktet er: Unser neuer Bundeskanzler ist ein staatlicher Mann, breite Schultern, George-Clooney-Haar, flammende, dunkle Augen. In Italien schauen so die Carabinieri aus.

Neuer Finanzminister ist Magnus Brunner, wie Nehammer Jahrgang 1972. Der Vorarlberger startete seine Karriere 1999 als Büroleiter des damaligen Vorarlberger Landeshauptmanns Herbert Sausgruber. Über diesen schrieb Rosemarie Schwaiger im profil, er sei „ein Mann von so feurigem Temperament, dass allein die Betrachtung eines Fotos von ihm blutdrucksenkend wirkt“. Anders als Sausgruber versprüht Magnus Brunner im Parlament alemannischen Charme. In seiner Rede riskiert er sogar einen Witz auf eigene Kosten. Ein Finanzminister aus Vorarlberg sei gar keine schlechte Idee, da die Vorarlberger bekanntlich über „eine gewisse Grundsparsamkeit“ verfügen. Gaudium magnum im Plenum.

Auch Herbert Kickl ist wieder da, gänzlich genesen und wieder voll im Saft. Nach seiner Rede erhält er gleich vier Ordnungsrufe vom Nationalratspräsidenten, was bei ihm einen immunverstärkenden Effekt hat, vergleichbar mit Booster-Impfungen. Unter anderem hat Kickl die Regierung als „politisches Laufhaus“ bezeichnet. Der FPÖ-Abgeordnete Erwin Angerer protestiert gegen den Ordnungsruf. Laufhäuser seien Unternehmen, die brav ihre Steuern zahlen, Kickls Vergleich könne daher keine Herabwürdigung darstellen.

Über Erwin Angerers Vorfahren ist nichts bekannt. Er kommt aus der Kärntner Gemeinde Mühldorf, die nach den Mühlen am Mühldorfer Bach benannt ist.

Der profil-Redakteur ergründet seit 20 Jahren Wesen und Unwesen der österreichischen Innenpolitik.

 

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