Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit starb Ronnie Spector vor wenigen Tagen, 78-jährig und nach kurzem Kampf gegen ihre Krebserkrankung. (Bild: 2010)

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profil-Morgenpost
01/17/2022

Be My Baby!

Kleine Erinnerung an die große Veronica: Wer war Ronnie Spector? Und wie schaffte sie es, derart mitreißend zu klingen?

von Stefan Grissemann

Ich hätte Sie ja heute gerne mit amüsanteren Themen behelligt als mit dem traditionell etwas beklemmenden Phänomen des Ablebens; aber wenn man sich dieser Tage auch nur kursorisch mit den Aktualitäten in Kunst und Kultur auseinander setzt, kommt man nicht umhin festzustellen, dass die Bilanz der Verluste großer kreativer Geister sich praktisch im Stundentakt erhöht. (Mit dem unerfreulichen Virus, dessen Name niemand mehr lesen, hören oder nennen mag, hat dieser Kahlschlag, soweit bekannt, nichts zu tun, nur mit den Zumutungen des hohen Alters.)

Tatsächlich scheinen wir uns gerade wieder in einer dieser Hochkonjunkturen des kulturellen Rückbaus zu befinden. In den vergangenen elf Tagen sind, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, Größen wie der amerikanische Schauspieler und Bürgerrechtler Sidney Poitier, der bayerische Eigenbrötler Herbert Achternbusch, der österreichische Architekt Friedrich Kurrent sowie der US-Regisseur und -Autor Peter Bogdanovich verstorben –  allesamt hochbetagt, nach ereignisreichen und, wenigstens von außen betrachtet, auch verhältnismäßig glücklichen Leben.

Die Juke-Box in uns

Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit starb vor wenigen Tagen eine weitere Größe des Kulturbetriebs, 78-jährig und nach kurzem Kampf gegen ihre Krebserkrankung – eine Meisterin des amerikanischen Sixties-Pop. Ihr Name: Ronnie Spector. Sagt Ihnen nichts? Doch. Die Songs, die sie einspielte, haben sich mit allergrößter Wahrscheinlichkeit längst in Ihr Unbewusstes gegraben, wo sie wie in einer Juke-Box nur darauf warten, ausgewählt und angespielt zu werden: „Be My Baby“. „I Can Hear Music“, Walking in the Rain“, „Baby, I Love You“ – man kennt all diese Stücke, auch wenn man vielleicht nicht weiß, woher genau.

Ronnie Spector, geboren 1943 in New York City als Veronica Yvette Bennett, wirkte als Sängerin des Trios The Ronettes, das sie mit ihrer Schwester Estelle und ihrer Cousine Nedra bildete, an nichts Geringerem mit als an der Schöpfung des perfect pop song. Sie war eine der maßgeblichen Inspirationen für spätere musikalische Superstars wie Debbie Harry, Chefin der Post-Punk-Combo Blondie, oder Amy Winehouse. Ein paar Jahre lang waren die Ronettes, die das damals noch gültige Keuschheitsgebot des weiblichen Pop-Betriebs mit subtil gesetzter Bad-Girl-Attitüde unterliefen und mit den Beatles durch die Clubs zogen, so berühmt, dass sogar die Rolling Stones sich bereit erklärten, bei Konzerten als ihre Vorgruppe auftreten.

„Be My Baby“, erschienen im Sommer 1963 (da war die Sängerin gerade 20 Jahre alt), blieb der größte, die Zeiten überdauernde Hit der Ronettes; er taucht in Filmen wie Martin Scorseses Frühwerk „Mean Streets“ (1973) (hier der von den Ronettes motorisierte Vorspann) und „Dirty Dancing“ (1987) auf. Am besten aber klingt die Nummer immer noch, wenn man den Ronettes selbst dabei zusehen kann, wie sie diese mit größter Leichtigkeit über die Bühne brachten – wie die legendäre Live-Aufnahme aus dem Moulin Rouge Club am Sunset Boulevard in Los Angeles anno 1965 beweist.

Mascara & Madness

Ihre 1990 erschienen Memoiren nannte Ronnie Spector natürlich auch nach dem Song, der sie berühmt gemacht hatte; den Untertitel des Buchs aber formulierte sie mit der ihr eigenen Ironie so: „How I Survived Mascara, Miniskirts, and Madness, Or, My Life as a Fabulous Ronette“. Eine Überlebende war sie wirklich, das war keine Übertreibung, denn nach dem Ende der Band, zwischen 1968 und 1974, war sie mit dem Songwriter, Musikproduzenten und späteren Mörder Phil Spector verheiratet, dem die Ronettes zwar die berühmte Wall of Sound verdankten, die ihre Musik so unverwechselbar klingen ließ, dessen verstörte Psyche aber Ronnies Leben zur Hölle machte: Er sperrte sie daheim ein, kontrollierte jeden Schritt, den sie tat, bedrohte sie auch mit dem Tod. Ronnie Spector gelang es, sich aus dem Würgegriff dieser fatalen Ehe zu befreien und ihre Karriere, auf bescheidenerem Niveau als in den hysterischen Tagen ihres frühen Ruhms, fortzusetzen. In dem Eddie-Money-Hit „Take Me Home Tonight“ hatte sie 1986, auch dank der Hilfe des noch frischen Senders MTV, einen schönen Auftritt vor den Augen der Welt, in heavy rotation. 2007 wurden die Ronettes schließlich in die ehrwürdige Rock and Roll Hall of Fame, in die Ruhmeshalle der populären Musik aufgenommen: das Ende eines sinistren Märchens, in dem der helle Glanz unwiderstehlicher Popmelodien über das Schattenreich von Schmerz und Gewalt zu triumphieren vermochte.

Einen in diesem Sinne beschwingten Montag wünscht Ihnen die profil-Redaktion!

Stefan Grissemann

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