© MANDEL NGAN / AFP

Österreich
03/25/2020

Die Corona-Chroniken: Die Zeit der Narrischen

Der tägliche profil-Überblick zur Corona-Krise.

von Michael Nikbakhsh

Ausnahmezustand, zehnter Tag: Soweit ich die Wirkweise des Corona-Virus verstanden habe, greift es im Wesentlichen die Lunge an. Dass es einen auch deppert macht, hab ich bisher noch nicht gelesen. So gesehen müssen die Leute, von denen ich Ihnen heute erzählen möchte, schon vorher neben der Spur gewesen sein. In Krisenzeiten haben Verschwörungstheoretiker natürlich Hochkonjunktur, im Falle dieser Krise kommt erschwerend hinzu, dass vielen Leute daheim mittlerweile ein bissl fad im Schädel ist, was den potenziellen Empfängerkreis für Verschwörungsunfug aller Art leider vergrößert (unsere Kollegen vom Wissenschaftsressort arbeiten für die nahende Printausgabe bereits an einem Best of blöd).

Mein aktueller Favorit unter den conspiracies ist allerdings was Politisches. Es segelt unter Kürzel #shaef und sorgt auf Twitter seit Tagen für wilde Postings. Geschrieben von Leuten, die jemanden kennen, der von jemandem weiß, der mit jemandem gesprochen hat, der irgendwo „ganz oben“ sitzt und folgende Geschichte zu erzählen hat: Donald Trump hat eine Invasion Europas angeordnet und bereits tausende US-Soldaten und schweres Gerät auf deutschen US-Stützpunkten einfliegen lassen. Mal heißt es, er will die Russen besiegen, mal ist es die Türkei/der Islam, mal ist es ein Schlag gegen „Deep state“. All das werde aber von den „Propaganda-“, „System-“ und „Fakenews-Medien“ verschwiegen. Ebenso die Tatsache, dass Angela Merkel und der Papst bereits vor einigen Tagen „verhaftet“ wurden (von wem und warum genau, kann ich Ihnen leider nicht sagen) und die deutsche Bundeswehr oder die Amerikaner (so genau habe ich das nicht verstanden) längst die Kontrolle über Berlin übernommen haben. Koordiniert wird das alles übrigens von einer geheimen Geheimorganisation namens SHAEF, dem früheren Oberkommando der Alliierten im Zweiten Weltkrieg, das entgegen anderslautender Darstellungen nie aufhörte zu existieren und nun aus dem Schatten tritt.

Ein lieber Bekannter von mir ist voll darauf reingekippt. Erst vorgestern wollte er mir einreden, dass US-Soldaten zwischenzeitlich auch die Salzburger Schwarzenberg-Kaserne eingenommen hätten (eh friedlich).

Ich sitze derweil in meinem Ausweichbüro und mache das Leben offenbar unnötig schwer, in dem ich – wie sonst auch – Informationen prüfe und prüfe und prüfe, ehe ich sie veröffentliche. Wo wir schon dabei sind: Ich habe einen Kollegen, der hat einen Freund, der hatte gestern einen Anruf, der ihm sagte, dass im Corona-Newsletter von profil total interessante Sache stehen.

Ihnen und allen Verirrten: Bleiben Sie gesund!

Michael Nikbakhsh

Zahlen bitte!

Viele Zahlen, die wir momentan bekommen, sind weniger aussagekräftig, als sie scheinen. Mit Stand 10.15 Uhr waren in Österreich 5469 Infektionen bekannt, 801 mehr als noch vor 24 Stunden (4668) – das bedeutet eine Steigerung um 17,1 Prozent. Die Kurve hat sich also vorerst deutlich abgeflacht.

227 Personen sind in Spitalsbehandlung (68 mehr als gestern, plus 42 Prozent), 26 auf der Intensivstation (um zehn mehr als gestern, plus 62 Prozent), 30 Todesfälle wurden gemeldet (um fünf mehr als gestern, plus 20 Prozent).

Was ironischerweise Mut macht, sind – wie bereits zuvor im Newsletter erwähnt – Berechnungen über die Dunkelziffer. Nach einer Studie, die vergangene Woche im Magazin „Science“ veröffentlicht wurde, könnte sie beim Fünf- bis Zehnfachen der bekannten Fälle liegen. Sprich: In Österreich könnten bereits mehr als 50.000 Menschen unbemerkt mit Corona infiziert sein. Warum das Mut macht? Weil es heißt, dass die Krankheit in noch viel höherem Ausmaß milde verläuft, als es die Ergebnisse anhand der Testungen vermuten lässt, und daher mittlerweile auch viel mehr Personen immun sind.

Am häufigsten infizierte sind übrigens die 45-64-Jährigen; aus dieser Altersgruppe kommen fast 40 Prozent der positiv getesteten Personen.

Weltweit wurden bisher insgesamt 423.121 bestätigte Fälle bekannt gegeben, 108.619 Menschen haben sich von COVID-19 wieder erholt.

Nachrichten aus den vergangenen 24 Stunden

Die guten … + Italiens „Patient Nummer 1“ ist wieder gesund: Der 38-Jährige, der als erste Person in Italien positiv auf Corona getestet wurde und schwerst erkrankte, hat sich mit einer Audiobotschaft gemeldet und konnte inzwischen aus dem Spital entlassen werden + Die US-Regierung hat das größte Konjunkturpaket in der Geschichte verabschiedet und stellt zwei Billionen Dollar für die Abfederung der wirtschaftlichen Folgen der Epidemie zur Verfügung

Die schlechten … - Inzwischen breitet sich das Virus auch in Afrika aus: Bereits aus 40 Staaten werden Erkrankungen gemeldet - In New York spricht Gouverneur Andrew Cuomo von „astronomischen“ Zuwächsen bei den Fallzahlen: Die Kurve verlaufe deutlich steiler und das früher als erwartet. Inzwischen haben Stadtflüchtlinge das Virus auch auf Long Island, dem Refugium der betuchten New Yorker, eingeschleppt - In China und Südkorea kommt es immer wieder zu – zahlenmäßig allerdings geringen – Neuansteckungen durch Rückkehrer aus dem Ausland - Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro hat das Coronavirus als „Fantasie“ bezeichnet, vor „Hysterie“ gewarnt und die Bürgermeister der abgeriegelten Städte Rio de Janeiro und Sao Paulo aufgefordert, „zur Normalität zurückzukehren“.

Tiroler Corona-Fälle: Klage bei Menschenrechtsgerichtshof "sehr realistisch"

Der Verfassungsrechtler Theo Öhlinger meint im Gespräch mit STEFAN MELICHAR, durch zu späte Lokalschließungen könnte das "Recht auf Leben" verletzt worden sein.

Während - seiner Ansicht nach - die von der Bundesregierung gesetzten Maßnahmen zur Bekämpfung der Coronavirus-Epidemie im Großen und Ganzen verhältnismäßig seien, sieht der prominente Verfassungsrechtler Theo Öhlinger auf das Land Tirol Probleme zukommen. Dabei gehe es vor allem um unterlassene Maßnahmen mit Blick auf das grundrechtlich geschützte "Recht auf Leben".

Haben das Land Tirol beziehungsweise die dortigen Behörden nicht genug getan, um die Gesundheit der Menschen zu schützen? Dass Sperren von Lokalen rechtzeitig erfolgt seien, könne man durchaus bezweifeln, sagt Öhlinger im profil-Podcast. "Und da kann ich mir schon vorstellen, dass die Frage auftaucht, ob hier nicht das Recht auf Leben, so wie es vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verstanden wird, betroffen ist und allenfalls bei einer 'Klage' ... Schadenersatz begehrt werden kann." Öhlinger hält das für "durchaus sehr realistisch".

profil veröffentlicht in den kommenden Tagen mehrere Podcasts mit hochrangigen Experten zum Thema Grund- und Menschenrechten in der Coronavirus-Krise.

Das Virus und die Nazis

Behörden fürchten, dass rechte Extremisten die Corona-Krise für ihre Zwecke nutzen könnten. Der US-Heimatschutz warnt bereits vor der gezielten Verbreitung des Virus.

Von Michael Nikbakhsh

Es ist ein Phänomen, das Polizeibehörden und Geheimdienste seit geraumer Zeit beschäftigt: Rechte „Prepper“-Gruppierungen, die sich in Chatgruppen international solidarisieren und organisieren, Waffen- und Vorratslager anlegen, Trainingscamps abhalten und sogar „Todeslisten“ führen. All das mit Blick auf den „Tag X“, also den Tag, an welchem die Gesellschaftsordnung zusammenbricht.

In Deutschland stieß das Bundeskriminalamt schon 2017 auf das „Hannibal“-Netzwerk, einen Verbund aus rechten Chat-Gruppen, in welchem ein ehemaliger deutscher Elitesoldat eine zentrale Rolle spielte. Zu den Mitgliedern zählten unter anderem aktive und ehemalige Bundeswehr-Soldaten und Polizisten. Und wie „Der Standard“ 2019 unter Berufung auf das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung berichtete, waren/sind auch Österreicher Teil dieses Netzwerks.

Erst vorgestern meldeten die deutschen Behörden einen „Schlag gegen internationale Waffenhändler“. Bei Hausdurchsuchungen im rechten Milieu in Brandenburg wurden kürzlich mehrere Waffenlager ausgehoben. Drei Deutsche im Alter zwischen 19 und 39 hatten nebst Nazidevotionalien unter anderem Maschinenpistolen, Revolver, Munition sowie eine Panzerfaust und Granaten aus dem Zweiten Weltkrieg gehortet. Laut einer Presseaussendung der Staatsanwaltschaft Frankfurt Oder wurden dabei auch „zwei gesuchte Maschinenpistolen aus Österreich“ sichergestellt.

Die Sorge, dass rechte Randgruppen aus dem Corona-Chaos Kapital zu schlagen versuchen, erscheint nicht ganz unberechtigt. In den USA ist diese Bedrohungslage offenbar konkret. Das US-Heimatschutzministerium warnt bereits davor, dass „White Racially Motivated Violent Extremists“ das Corona-Virus zu „bioterroristischen Zwecken“ einsetzen könnten.

In einer profil vorliegenden Analyse des Federal Protective Service (das ist so etwas wie der Sicherheitsdienst von Homeland Security) wird auf rezente Kommunikation in einschlägigen Telegram-Chats verwiesen. Demnach könnten rechte Extremisten eine Infektion mit SARS-CoV2 gezielt anstreben, um anschließend als Seuchenherde durch die Gegend zu wandeln. Der „Weekly Intelligence Brief“ nennt auch gleich mehrere in den Chats „empfohlene Methoden“ zur Verbreitung des Coronavirus:

+ So viel Zeit wie möglich an öffentlichen Plätzen inmitten der „Feinde“ verbringen, auch und gerade in „nicht-weißen Nachbarschaften“. + FBI-Büros besuchen und Speichel auf Türklinken und in Aufzügen hinterlassen. + Polizeibeamten Speichel ins Gesicht sprühen (aus Sprühflaschen). + Verbrechen begehen und verseuchte Beweismittel am Tatort hinterlassen.

So irre das klingen mag, so sehr warnt Homeland Security vor einer „möglichen Bedrohung“. Die Analysten gingen zum Zeitpunkt der Erstellung des Berichts Mitte Februar sogar davon aus, dass gewaltbereite US-Extremisten womöglich extra nach China reisen könnten, um sich nur ja anzustecken und das Virus in die USA einzuschleppen.

ONLINE TIPP: Virtuelle Ordination

Sprechen wir’s an: Besser, es zwickt jetzt nirgendwo. Arztbesuche sind eine komplizierte Sache geworden in diesen Tagen. Wer will sich schon mit Anderen in ein Wartezimmer setzen? Das Unbehagen teilen auch die Mediziner. Ärztekammer-Chef Thomas Szekeres beklagte erst vor wenigen Tagen, dass es den niedergelassenen Kollegen reihum an Schutzausrüstung fehle. Eine Alternative: Die digitale Arztpraxis. Der Wiener Unternehmer Martin Pansy hat die bereits bestehende und bisher auf psychologische Beratung ausgerichtete Plattform instahelp.me (wissenschaftliche Leitung: der Wiener Universitätsprofessor und Facharzt und Psychiatrie und Neurologie Ernst Berger) adaptiert und erweitert. Via instadoc.at können ab sofort auch andere Fachrichtungen online ordinieren und das vorerst kostenlos: Nach Anmeldung und Freischaltung können Ärzte sich via Video, Audio oder Chat mit Patienten in Verbindung setzen und Rezepte in das Elga System einspielen (Kassenärzte rechnen dabei wie sonst auch über die Krankenkasse ab). Die Kommunikation ist Ende-zu-Ende-verschlüsselt und laut Anbieter DSGVO-konform (die Server stehen in Deutschland). Mittlerweile haben sich mehr als 50 Ärzte und Kliniken angemeldet, darunter das das Wiener Primärversorgungszentrum Mariahilf und die Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am AKH.

Countersound: Mira Lu Kovacs covert „Only Time“ von Enya

Philip Dulle findet Musik gegen Corona.

Die Wiener Musikern Mira Lu Kovacs – früher mit Schmieds Puls, heute mit 5K HD erfolgreich – hat jetzt in bester #bleibdaheim-Manier ein Lieblingslied aus Kindheitstagen gecovert. Um den Text von „Only Time“ habe sich Kovacs, wie sie auf Instagram schreibt, nie Gedanken gemacht, der Song sei auch so voller Magie.

Jetzt, 20 Jahre nach Erscheinen des Klassikers, die Erleuchtung: „Who can say where the road goes / Where the day flows / Only time“, heißt es bei der irischen New-Age-Sängerin Enya. Ein kleiner Trost in Tagen ohne Struktur, ohne Pläne, an denen nur das Frühstück und die Gitarre Halt geben, wie die gebürtige Burgenländerin Kovacs weiter schreibt. Für weitere magische Momente wird man indes direkt bei Kovacs fündig. 2019 hat sie mit Band das famose 5K HD-Album „High Performer“ aufgenommen.

Alles wird gut.

Schöne Grüße aus dem Elfenbeinturm!

Wolfgang Paterno macht sich auf die Suche nach Sätzen, die helfen.

„,Wir gehen doch noch nicht nach Hause‘, sagte Zazie.“

Vor etwas mehr als 60 Jahren ließ Raymond Queneau seine neunmalkluge Provinzgöre auf die Hauptstadt Frankreichs los. „Zazie in der Metro“ ist ein Roman, der auf das Innigste mit Paris verflochten ist, mit den Farben und Formen, Wegen und Irrwegen, Häusern und Avenues der Metropole. Die schlechte Nachricht: Zazies Herzenswunsch, einmal in ihrem jungen Leben mit der Metro zu fahren, erfüllte sich in zahllosen Buchausgaben und Übersetzungen des Romans während Jahrzehnten nicht. Die gute Nachricht: Im Vorjahr erschien eine erweiterte, von Queneau einst gestrichene Fassung in deutscher Übersetzung, in der Zazie endlich in der Untergrundbahn ankommt. Die wahrhaft tröstliche Botschaft? Sich bald wieder in Paris zu verlieren, ohne einen einzigen Gedanken ans Nach-Hause-Gehen zu verschwenden.

Raymond Queneau: Zazie in der Metro. Aus dem Französischen von Frank Heibert. Suhrkamp 2019

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