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Österreich
11/27/2021

Covid-Intensivstation: Das Virus wurde aggressiver. Die Angehörigen auch.

Die Intensivmedizinerin Stephanie Neuhold behandelt in Wiens wichtigstem Corona-Spital Kranke, die mit dem Tod ringen. profil ist mit der Ärztin seit Beginn der Pandemie in Kontakt. [E-Paper]

von Edith Meinhart

Ein unscheinbarer, kleiner Tisch im High Tech-Universum der „Intensivstation C12“ am Klinikum Wien-Favoriten. Jemand hat ein weißes Tuch ausgebreitet – darauf ein Dutzend Spritzen. Jede davon ist mit Flüssigkeit gefüllt. Wenn die Tagschicht anbricht, wird eine Pflegeperson in voller Schutzmontur in das Krankenzimmer treten, die Spritzen in die dafür vorgesehenen Perfusoren – übereinander montierte Spritzenpumpen – einspannen. Der Medikamenten-Cocktail wird die bäuchlings im Bett gelagerte Patientin bei stabilem Kreislauf im Tiefschlaf halten. Zwölf Stunden später wird der Nachtdienst das Tischchen neu decken. Mit frisch gefüllten Spritzen.

Das kleine Möbelstück mit den Infusionen erzählt vielleicht am besten, mit welchem Einsatz in Wiens wichtigstem Corona-Spital um das Überleben von Covid-Patienten gekämpft wird.

profil: „Diese Dosis kriegt jeder alle zwölf Stunden?“
Stephanie Neuhold: „Das ist noch harmlos, in schwierigen Fällen ist es mehr. Es dauert ganz schön lange, alle Substanzen aufzuziehen, die es alleine braucht, damit unsere Patientinnen und Patienten den Beatmungsschlauch tolerieren. Antibiotika und Cortison zur Behandlung der Erkrankung kommen noch dazu.“
 
Stephanie Neuhold, 47, war für die Organisation Ärzte ohne Grenzen im Sudan, wo damals das Ebola-Virus wütete. Nach ihrer Habilitation heuerte sie für einen Einsatz in Abidjan, Elfenbeinküste, an. Seit einigen Jahren leitet sie an der 4. Medizinischen Abteilung des   ehemaligen Kaiser-Franz-Josef-Spitals die Intensivstation, wo in normalen Zeiten Patienten mit Sepsis, Lungenentzündung oder Nierenversagen an den Geräten hängen. 2014 war dort eine Frau, die sich in Saudi-Arabien eine MERS-Infektion zugezogen hatte, behandelt worden. Und am 27. Februar 2020 landete hier der erste Wiener Covid-Patient, ein älterer Herr, der eine Weile intubiert war und gesund entlassen wurde. Das Klinikum Favoriten  wurde in der Pandemie zum Krankenhaus Nummer eins in Wien. Alle Patienten, die nach einer Infektion mit dem Virus in der Zwei Millionen-Metropole stationär behandelt werden müssen, landen hier. Erst wenn sämtliche Betten – sowohl in der Intensivmedizin als auch an den Normalstationen  – voll sind, übernehmen andere Spitäler. Bis heute wurden an Neuholds Abteilung über 400 Corona-Erkrankte behandelt. Etwa ein Drittel von ihnen starben.
profil: Ist inzwischen klar, was das Virus im Körper alles anstellt?
Neuhold: Man hat vieles ausprobiert. Es war wie im wilden Westen. Mittlerweile ist das in geordnete Bahnen zurückgekehrt. Covid-19 ist die vielleicht am besten erforschte Krankheit aller Zeiten. Trotzdem lernen wir immer noch dazu. Manches wurde verworfen, manches modifiziert. Vieles von dem, was wir anfangs dachten, war jedenfalls nicht ganz falsch.
 
Im April 2020 fand das erste von mittlerweile drei Gesprächen mit der Intensivmedizinerin statt. In der chinesischen Provinz Hubei war eine Epidemie ausgebrochen. Gebannt verfolgten Infektiologen die rasende Verbreitung eines „neuartigen Virus“ rund um den Globus. Die von Neuhold geleitete Intensivstation war bereits voll mit Patienten, die sich angesteckt hatten. Quer durch das Land verwandelten sich normale Spitalsabteilungen in Covid-Stationen. Neuhold und ihre Kollegen steckten in OP-Mänteln, schützten sich mit Masken und Visieren, zogen mehrere Paar Handschuhe übereinander, stopften ihre Hosen in die Socken, desinfizierten Schuhe, Griffe, Türklinken, Gerätschaften, denn es war noch nicht restlos geklärt, ob sich der Krankheitserreger nur über Aerosole verbreitet oder es auch zu Schmierinfektionen kommt. Größer als die Angst, sich beim Intubieren anzustecken, war nur die Ungewissheit. Es wurde auf Teufel komm raus geforscht. Sediert. Beatmet. Ausprobiert. Ein globales Wettrennen um Medikamente und Impfstoffe hatte eingesetzt. Neun Monate später fragte profil wieder bei der Intensivärztin nach. Die Pandemie hatte - im Jänner 2021 - erneut zu immer neuen Rekorden an Infizierten und Erkrankten geführt, Impfstoff war damals noch Mangelware.
 
Neuhold blickte im Jänner 2021 auf ein „anstrengendes und trauriges Jahr“ zurück. Ihre Patienten hatten sich verändert. Die ersten, die auf ihrer Station landeten, waren gut situiert gewesen, hatten sich bei der Jagdmesse, auf Geschäftsreise oder beim Schifahren in Lech am Arlberg infiziert. Nun, im Lockdown 3 Anfang des Jahres, kursierte das Virus unter Lagerarbeitern und in Postverteilungszentren - in Berufen, wo Homeoffice nicht möglich war. Die Forschung produzierte Papers und Studien, Vakzine waren zugelassen, Impfungen für Hochbetagte und medizinisches Personal angelaufen. Neuhold suchte weiter nach Antworten, „wann genau wir intubieren und wie konkret wir beatmen sollen“, ihre Hoffnung auf ein Wundermittel war allerdings geschwunden.
 
profil: Wer liegt nun, im November 2021, auf der Intensivstation? Woran sterben Patienten letztlich?

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