Christian Kern, Sebastian Kurz

© APA/HANS KLAUS TECHT

#profilarchiv
04/28/2017

Der Kanzler und der Anwärter

Mit Christian Kern und Sebastian Kurz verfügte Österreich im April 2017 über zwei der derzeit interessantesten Politiker Europas. Einer wurde ohne Regierungserfahrung Bundeskanzler, der andere mit 27 Jahren Außenminister. Kern und Kurz im profil-Check.

von Gernot Bauer, Eva Linsinger

Dieser Artikel erschien erstmals im profil Nr. 18 / 2017 vom 28.04.2017

Mit Christian Kern und Sebastian Kurz verfügt Österreich über zwei der derzeit interessantesten Politiker Europas. Der eine wurde ohne Regierungserfahrung Bundeskanzler, der andere mit 27 Jahren Außenminister. Kurz greift nach dem Job, den Kern erst vor einem Jahr eroberte.

Beide wollen aus dem rot-schwarz-blauen Dreikampf ums Kanzleramt ein Duell zwischen SPÖ und ÖVP machen. Warum derjenige siegen wird, der die eigene Partei überwindet. Wie die Bilanzen von Kanzler und Außenminister aussehen. Was sie antreibt. Welche Eigenschaften sie für das wichtigste Amt der Republik qualifizieren - und welche eher nicht. Kern und Kurz im profil-Check.

Die Partei

Man kannte sich, aus dem Fitnessstudio, vom Small Talk auf Terminen, die Chemie stimmte. Anfang Mai 2016 läutete Christian Kerns Handy. Sebastian Kurz recherchierte: "Was passiert in der SPÖ, was wirst du machen?" Wenig später sollte es mit den unverbindlichen Plaudereien der beiden vorbei sein. Und mit vermeintlichen Naturgesetzen der Innenpolitik auch.

Damals vor einem Jahr: SPÖ-und ÖVP-Kandidaten bei den Bundespräsidentenwahlen auf die schmählichen Ränge vier und fünf durchgereicht. Die SPÖ gespalten, der Chef Werner Faymann beim Mai-Aufmarsch von der Tribüne gepfiffen. Die FPÖ in Umfragen auf Platz eins gesetzt.

Heute sitzt SPÖ-Geschäftsführer Georg Niedermühlbichler aufgekratzt in der Parteizentrale. Über ihm ein Bild von Nelson Mandela, vor ihm Feinanalysen, die belegen, dass das Duell der Glamour-Twins Kern und Kurz beide Parteien beflügelt: Kurz punktet, am deutlichsten bei älteren Frauen und Jungwählern, und vermag tief in FPÖ-Terrain einzudringen. Kern strahlt besonders hell in Städten, überzeugt Bessergebildete und Grünaffine und führt die SPÖ auf Tuchfühlung an Platz eins heran.

Unter Faymann war die SPÖ zur Serienwahlverliererin mutiert. Seit Kern schöpft sie Hoffnung, erstmals seit über einem Jahrzehnt ein Plus erleben zu können. Das lässt die Partei erstaunlich stillhalten - bei jeder Rechts-Volte Kerns wieder. Im Grunde wird Ideologie überbewertet, der Deal lautet: Solange dem Chef zugetraut wird, Wahlen zu gewinnen, darf er viel. Kern surft auf der Sehnsuchtswelle nach Anti-Politikern, die er bei Auftritten mit gezielt eingestreuten Sätzen à la "Ich bin relativ neu im Regierungsgeschäft" bedient. Bezeichnenderweise galt Kerns Faible in Frankreich Semi-Quereinsteiger Emmanuele Macron und nicht dem sozialdemokratischen Parteifreund Benoît Hamon.

Macron muss sich nicht mit einer Partei herumschlagen, Kern schon. Die stärkste Landesorganisation Wien zerstritten und gelähmt. In der Studentenstadt Graz ein Desaster-Wahlergebnis von zehn Prozent. In Westösterreich schon länger zur Bedeutungslosigkeit degradiert. Wie sehr braucht Kern seine Partei? Auf diese Frage antwortet SPÖ-Klubobmann Andreas Schieder so: "Das Vertrauen in Parteien schwindet. Kern als Person hat das Zeug, auch wieder Sehnsucht auf Politik zu machen."

Politik ist die Kunst des richtigen Timings. Oder wie es der steirische ÖVP-Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer formuliert: "Sebastian Kurz ist ein Trumpfass, man muss sich aber sehr genau überlegen, wann man es ausspielt." Die Kartenspiel-Metaphorik dürfte Kurz missfallen. Das Ass will nicht ausgespielt werden, sondern selbst entscheiden, wann es ins Spiel kommt. Und da lautet die erste Botschaft: keinesfalls zu früh. Und die zweite: falls überhaupt.

Dass Kurz jede Ambition auf Obmannschaft und Spitzenkandidatur genervt zurückweist, ist verständlich. Um die mühsamen Fragen abzuwehren, greift das Kurz-Umfeld neuerdings zu einer interessanten Argumentation: Das Lob der mächtigen Chefs von ÖVP-Landesparteien und Teilorganisationen sei zwar ernst gemeint. In Wahrheit würden sich diese aber keinen starken Bundesparteiobmann wünschen und auch unter Kurz weitermachen wie bisher. Das mag so sein. Eine Partei, die serienweise Obmänner verbraucht und dafür allein die Obmänner verantwortlich macht, wird offenbar auch aus Totalschäden nicht klug. Die ÖVP war seit jeher eine Organisation, in der das Ganze weniger ist als die Summe seiner Teile; in der Nationalratsabgeordnete ihrem Landeshauptmann gehorchen und nicht dem Klubchef; deren Bündechefs auf ihr natürliches Recht auf die Besetzung von Ministerposten beharren.

Die schwarzen Machthaber mögen nur bedingt lernfähig sein - aber noch weniger können sie sich die absehbare Versenkung ihrer Partei wünschen. Ohne Kurz wird die ÖVP bei der kommenden Wahl wohl in der Todeszone unter 20 Prozent landen. Das gibt dem stellvertretenden Obmann die Macht, Forderungen nach neuen Spielregeln zu stellen. Offen ist, wie er die spätere Einhaltung neuer Spielregeln sicherstellen will. Eines weiß der stellvertretende Bundesparteiobmann aus der jüngeren Parteigeschichte: Nichts verschafft einem ÖVP-Obmann mehr Beinfreiheit als die Eroberung des Kanzleramts. Und der in der Volkspartei derzeit stattfindende Generationenwechsel bringt kooperativere Charaktere als Erwin Pröll in die Parteiführung.

Die Regierung

In seiner Diplomarbeit beschrieb cand. mag. phil Kern vor 30 Jahren das Phänomen der Überflieger in der Politik, den Fall, der Euphorie folgen kann, und schlussfolgerte sarkastisch: Ein Regierungschef, der beliebt bleiben wolle, sollte am besten gleich nach der Angelobung zurücktreten.

In der Praxis bekam Kern bei jedem Koalitionsscharmützel Schrammen ab, auch deshalb, weil er wenig aktive Mitstreiter an seiner Seite hat. Im ÖVP-Regierungsteam gibt es wortgewaltige Alpha-Persönlichkeiten, allen voran Innenminister Wolfgang Sobotka und Finanzminister Hans Jörg Schelling, die sich bei Konflikten in Stellung bringen. Kerns Team ist stiller (Infrastrukturminister Jörg Leichtfried), unerfahrener (Gesundheits-und Frauenministerin Pamela Rendi-Wagner) und ausschließlich auf das eigene Ressort konzentriert (Bildungsministerin Sonja Hammerschmid) - daher muss Kern bei fast jedem Konflikt selbst aufs Feld, und er verlässt es selten ohne Blessuren. Ein Grund, warum Kurz in den Imagewerten haushoch vor Kern liegt (siehe Umfrage Seite 19).

Einige Punkte kann Kern nach einem Jahr auf der Haben-Seite verbuchen: den Ausbau der Ganztagsschulen etwa, mehr Arbeitsplätze für die Generation 50 plus und ein Investitionspaket für Gemeinden. Alles läuft aber zäher als erhofft, der Neustart der Koalition währte stets nur Nanosekunden.

Kern sitzt ein wenig nachdenklich in seinem Büro und sinniert: "Manchmal habe ich den Eindruck, dass bewusst Nebelwände aufgebaut werden. Aus Angst davor, dass die Regierung Erfolge haben könnte, haben Einzelne gezielt sabotiert." Einmal, im Jänner, als Sobotka das neuverhandelte Regierungsprogramm nicht unterschreiben wollte, stand die Koalition ernsthaft auf der Kippe - und der frisch angelobte Bundespräsident Alexander Van der Bellen brauchte ob des Schocks über diese Nachricht dringend eine Zigarette.

"Ich bin der vielleicht altmodischen Überzeugung, dass man sich an Vereinbarungen halten muss", sagt Kern. "Und die SPÖ hat mit der ÖVP einen Regierungsvertrag bis Herbst 2018 unterzeichnet. Wenn es mir nur um Taktik ginge, hätte ich wahrscheinlich gleich nach Amtsantritt Wahlen vom Zaum brechen müssen. Aber mit Neuwahlen spielt man nicht." Zusatz: "Wenn diese Regierung scheitert, dann ist klar, dass die Fortsetzung dieser Koalitionsvariante nicht mehr vorstellbar ist. Jedem, der die Koalition aufkündigt, muss aber bewusst sein, dass damit potenziell der rote Teppich für die FPÖ ausgerollt wird."

Als Außenminister ist Sebastian Kurz so gut wie unberührbar: die Schließung der Westbalkan-Route, sein Widerstand gegen eine Vertiefung der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei, selbst seine Forderung nach Flüchtlings-Auffanglagern außerhalb der EU sind mittlerweile allgemeine Regierungslinie. Widerstand kommt maximal von Opposition, Kirche und NGOs. Zudem vermarktete Kurz Wien erfolgreich als diplomatisches Zentrum: von den Syrien- und Libyengesprächen bis zu den Verhandlungen zum iranischen Atom-Programm. Die Schnappschüsse von Kurz mit dem damaligen US-Außenminister John Kerry werden im Wahlkampf wieder zu sehen sein. Als turnusmäßiger Vorsitzender des Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa OECD steht Kurz derzeit wieder im internationalen Fokus.

In der Integrationspolitik einigte sich die Regierung Ende März auf ein neues Maßnahmenpaket. Die darin enthaltenen Verschärfungen (verpflichtendes Integrationsjahr, mehr Wertekurse, gemeinnützige Arbeit für Asylberechtigte, Burkaverbot) entsprechen eher den schwarzen als den ursprünglichen roten Vorstellungen.

Christian Kern hatte bei Amtsantritt Staatssekretärin Muna Duzdar in sein Team geholt. Im Gegensatz zum forschen Kurs des Integrationsministers strebte Duzdar weichere Maßnahmen an, da die Integrationspolitik zu sehr "von Sanktionen dominiert" sei. Das ständige "Wegnehmen und Kürzen" wolle sie nicht mehr akzeptieren. Wenn Kerns Plan darin bestand, Duzdar als Kurz' Gegenspielerin zu positionieren, ging er schief. Der Integrationsminister zieht seine Linie unbeirrbar durch. Umso heftiger fiel der Konflikt aus, als Kurz Ende März Rettungsaktionen von Hilfsorganisationen im Mittelmeer vor der libyschen Küste als Arbeits-Erleichterung für Schlepper und "NGO-Wahnsinn" bezeichnet hatte. Der Tadel des Kanzler folgte prompt: "Wenn es dann darum geht, Menschen aus dem Meer vor dem Ertrinken zu retten, dann geht das vor jede politische Überlegung." NGOs würden einen "unglaublich großartigen Beitrag" leisten. Generalssekretär Werner Amon rückte zur Ehrenrettung des Außenministers aus. Es sei eines Kanzlers "unwürdig", Kurz zu unterstellen, "dass er für das Ertrinken von Menschen wäre".

Seine Stärken

Anfang April, der Ringturm in der Wiener Innenstadt, Anzüge, Krawatten und vereinzelte Kostüme im Publikum, Christian Kern am Podium. Er begrüßt die "Ex-Kollegen"-CEOs, parliert, gespickt mit Fachvokabeln und Anglizismen, über Technologisierung, den Standort Österreich, das aufkommende Wirtschaftswachstum und die leicht gesunkene Arbeitslosigkeit. Kern charmiert, nennt die Firmeneigentümer und Unternehmensvorstände beim Namen, stimmt ihnen zu -"Sie haben Recht, wir brauchen die dritte Flughafenpiste" - und fachsimpelt mit dem Uber-Chef über den Charme selbstfahrender Autos.

Das ist Kerns Terrain: Detailwissen zu Ökostromgesetz und anderen Fachbereichen kann er genauso locker abrufen wie Textbausteine aus dem Managersprech. Wirtschaftskompetenz stellte eine Leerstelle in der SPÖ dar, der technologieaffine und zahlengläubige Kern befüllt sie. Und versucht, spät, aber doch, die Partei ins Internet-Zeitalter zu führen: Kern twittert selbst, verkündet in Facebook-Videos, unbehelligt von lästigen Journalistenfragen, seine Botschaften und lässt auf Instagram Cool-Kanzler-Fotos zeigen, etwa jenes, auf dem er einen Probeeinsatz der Polizei-Eliteeinheit Cobra bewundert.

Für Kontrollfreaks wie Kern eine ideale Form, die eigene Inszenierung zu steuern. Allzu viel Tiefgang darf man sich auf Facebook offensichtlich nicht erwarten: Der Quotenrenner der jüngsten Zeit war ein Ostergruß von Kern mit dem Hund eines Mitarbeiters. Ein Posting über die Ausbildungspflicht bis 18 Jahre stank dagegen nachgerade ab.

Hauptsache, modern und nahbar: Diese Erwartungen bedient Kern, auch mit seiner Rhetorik. Er tourt emsig durchs Land, trifft Funktionäre, hält Reden, lässt Charme und Menschenfischer-Qualitäten spielen, gibt Serieninterviews und ist wahrscheinlich schon in dem einen Jahr öfter bei Diskussionen aufgetreten als Faymann in mehrjähriger Kanzlerschaft. "Er wirkt frisch und unkompliziert und spricht eine andere Sprache als ein Großteil der Politiker", bilanziert Salzburgs SPÖ-Chef Walter Steidl. Und: "Kern wirkt in Schichten hinein, die wir schon längst verloren haben."

Ein Landesfunktionär beschreibt es so: "Wenn man Leute zum Prospekte-Verteilen um sieben Uhr früh einteilen will, macht jeder ein langes Gesicht. Wenn es sich um Sebastian-Kurz-Prospekte handelt, gibt es lauter freiwillige Meldungen." In der ÖVP-Führung herrscht die feste Überzeugung, mit Kurz als Spitzenkandidat Erster werden zu können. Eine Begründung: Die aktuellen Umfragen, die der Volkspartei unter Kurz ohnehin gute Ergebnisse prophezeien, hätten den innerparteilichen Kurz-Effekt noch nicht eingepreist. Für den JVP-Chef würden die schwarzen Funktionäre landauf, landab rennen, ohne groß motiviert werden zu müssen. Kurz seinerseits weiß, dass Funktionärspflege unumgänglich ist. Stehen andere ÖVP-Vorstandsmitglieder bei der Klubklausur im steirischen Pöllauberg schon unter ihresgleichen an der Bar, setzt er sich noch mit lokalen Kleinfunktionären auf einen Plausch zusammen. Dahinter steckt nicht nur Empathie, sondern auch Disziplin. Politik ist Kommunikation und Kommunikation ist harte Arbeit. Kurz trifft an einem Tag Top-Managerinnen zum Gedankenaustausch, telefoniert mit dem US-Außenminister und referiert am Abend beim Start-up-Festival. In deutschen Talk-Shows ist er ebenso gern gesehener Gast wie auf Parteiveranstaltungen von CDU und CSU.

Trotz seiner Jugend verfügt Kurz über viel politische Erfahrung. Er weiß, wie man in einer Partei Machtcluster organisiert. Kurz-Vertraute sitzen im Bundesparteivorstand, im Parlamentsklub und in den Landesorganisationen. Sein jüngster Coup bestand in der Übernahme der Präsidentschaft der ÖVP-Parteiakademie, in der ÖVP-Funktionäre ausgebildet und politische Grundsatzthemen aufbereitet werden. Kurz ist damit gewissermaßen Personalchef und Entwicklungsvorstand der Volkspartei.

Jugend und adrette Außenwirkung bedeuten im Medienzeitalter einen unverdienten Vorteil. Der nun 30-jährige Kurz wirkt inzwischen weniger bubihaft als noch vor zwei Jahren. Wenn es nicht ganz täuscht, wurde auch seine etwas hohe Stimme letzthin tiefer. Dass er professionell trainiert hätte, wird ÖVP-intern nicht bestätigt. Es könnte schlicht an seiner Pollenallergie liegen.
 

Seine Schwächen

"Gar nicht so viele Leute da", ist eine junge Frau überrascht. Sie kann sich einen Sitzplatz aussuchen. Die Hype-Zeiten, als jeder Auftritt Kerns für Massenansturm sorgte, scheinen vorbei. An diesem Märzabend diskutiert der Kanzler im Wiener Radiokulturhaus mit Christine Nöstlinger. Die Kinderbuchschriftstellerin ist in der Wolle gefärbte Rote - und wird derzeit von einer Frage angetrieben: "Vor 40 Jahren wusste ich, was richtig und falsch ist. Das kommt mir immer mehr abhanden." Kern kann ihr nicht recht weiterhelfen an diesem Abend.

Und auch sonst nicht. Welche Flüchtlingspolitik kann, soll, muss die SPÖ machen? Mit der Frage tut sich Kern seit einem Jahr schwer -und gibt immer restriktivere Antworten. Manch Funktionär der SPÖ Wien versuchte schon zu drängen, den Rechts-Ruck einzubremsen, und zeigte sich danach erstaunt, wie seltsam unbeteiligt der Parteichef reagierte. Wenn ihm das berühmte Willy-Brandt- Zitat -"Es hat keinen Sinn, eine Mehrheit für die Sozialdemokraten zu erringen, wenn der Preis dafür ist, kein Sozialdemokrat mehr zu sein" - vorgehalten wird, kontert Kern mit dem Hinweis, dass er ohnehin stets eher Helmut-Schmidt-Fan gewesen sei.

Im Grunde will Kern bei dem Thema nur eines: Es schnellst ad acta legen, fast egal wie. Er sagt zu profil: "Wir müssen das Thema Migration lösen, damit wir überhaupt in der Lage sind, über andere Dinge zu diskutieren. Wenn die Menschen das Gefühl haben, wir sind in der Frage nicht engagiert, dann können wir die besten Antworten haben gegen Arbeitslosigkeit, für Bildung - aber es wird uns keiner zuhören." Zusatz: "Wir haben eine totale Verengung der Politik auf das einzig dominante Thema Migration. Auch die Medien sind total auf das Thema fixiert."

Klagen darüber, von der Welt im Allgemeinen und den Medien im Besondren ungerecht behandelt zu werden, gehören zum Standardrepertoire Kerns, dem ein Glaskinn nachgesagt wird. Diese Eigenschaft war bekannt, eher überrascht zeigte sich mancher Genosse von den handwerklichen Fehlern, die Kern im Regierungsalltag passieren, wohl auch getrieben von ein wenig Hybris. In der Gemengelage passieren dann peinliche Patzer wie das Pizza-Video, über das PR-Fachmann Rudi Fussi in vier Wörtern urteilt: "Gute Idee, subuptimal umgesetzt."

Neun von zehn Österreichern würden einen Abend im Gasthaus wohl lieber mit dem Wiener Sebastian Kurz als mit dem Oberösterreicher Reinhold Mitterlehner verbringen - obwohl es mit dem zu Sarkasmus neigenden ÖVP-Bundesparteiobmann vielleicht sogar lustiger wäre als mit seinem Stellvertreter. Es gibt gewiss unterhaltsamere Meidlinger als Sebastian Kurz. Er beherrscht zwar die Kunst, vor mittelgroßem Publikum launig Anekdoten zum Besten zu geben. Diese wiederholen sich aber und haben oft denselben Inhalt: Kurz' Alter und die damit verbundenen Missverständnisse. Hinter seiner diesbezüglichen Ironie steckt zudem immer auch ein Schuss Koketterie.

Dass er auch die große Form der politischen Rhetorik beherrscht, muss Kurz erst beweisen. Als Vorredner für Bundesparteiobmänner konnte er punkten. Wer ganz an die Spitze will, muss aber über Bierzelt-Tauglichkeit und die Fähigkeit verfügen, auch ein skeptisches Publikum in einer programmatischen Rede eine Stunde lang zu fesseln -und nicht nur eine gewogene Zuhörerschar.

Für einen Kanzlerkandidaten fehlt Kurz noch die inhaltliche Breite. Zweifellos punktet er mit seinen ureigenen Themen Migration und Integration. Von einem möglichen Regierungschef wollen die Bürger aber wissen, wie er Arbeitsplätze sichert und die Wirtschaft in Schwung bringt. Kurz will dazu partout nichts sagen, weil fachlich nicht zuständig.

An der Politischen Akademie werden allerdings Papiere zur Wirtschafts-und Sozialpolitik erstellt. Und er sucht hinter den Kulissen intensiv Kontakte zu Unternehmern und Spitzenmanagern. Bisweilen agierte er dabei zu aktiv -zum Ärger von Reinhold Mitterlehner, der als Wirtschaftsminister der eigentlich Verantwortliche ist. Kurz' Verbindungsfrau zur Wirtschaftselite des Landes ist Antonella Mei-Pochtler, die Leiterin der Wiener Niederlassung der Boston Consulting Group. In der ÖVP lässt er sich von Wirtschaftsstaatssekretär Harald Mahrer coachen.

Die größte Gefahr für Kurz besteht derzeit in den Heilserwartungen der eigenen Partei, die sich ganz auf ihn zu verlassen scheint. Ein Messias, der keine Wunder wirkt, wird schnell zur Enttäuschung. Kein Wunder, dass sich Kurz gegenüber Medien zur ÖVP nicht äußern will.

Sein Weltbild

Im kühlen Technokraten-Zweckbau Austria-Center, das den Anticharme der 1980er-Jahre versprüht, gibt es an diesem feuchten Märzabend Würstel und Bier - davor aber eine Wien-Etappe der Plan-A-Tour. Kern kommt, pünktlich und ohne Krawatte, und gibt den Klassenkämpfer: "Milliarden waren da, um die Banken zu retten, aber der Verputz an Schulen bröckelt." Er redet über Mindestlöhne, Erbschaftssteuern und die "Katastrophe", dass sich Industrie-Lehrlinge fürs Wurstsemmel-Kaufen die Arbeitermontur ausziehen, weil sie sich dafür genieren.

Was will Kern sein - ein Arbeiterführer, der auf Umverteilung drängt, oder ein hipper Start-up-Buddy? Links? Rechts? Aus seinem programmatischen Plan A lässt sich daraus die vage Antwort "von allem ein bisschen" destillieren. Kern war stets eher Pragmatiker als Feuerkopf. Wofür brennt er wirklich?

Er selbst gibt diese Antwort: "Ich verwende das Wort New Deal nicht mehr, aber Roosevelt wäre begeistert von dem, was wir tun. Wir machen eine Wirtschaftspolitik, die progressiver ist als alles, was meine Vorgänger gemacht haben. Und zwar inklusive der Ära Kreisky. Mich hat Günter Nennings Zitat ,Die Arbeiter leben vom Heute und nicht vom künftigen Wohlstand' sehr beeindruckt. Das halte ich für das Wesen von Politik: Ergebnisse zu produzieren und die Lebensverhältnisse der Menschen wirklich zu verändern. Weder durch Obergrenzen noch durch Demonstrationsverbote verdient eine Verkäuferin einen Euro mehr, gibt's einen Job oder einen Kindergartenplatz mehr."

Und was treibt ihn an?"Unser Ziel ist: Wachstum und Wohlstand zu schaffen, gerecht zu verteilen und Zukunftschancen wahrzunehmen. Roboterisierung und Automatisierung werden eine Vielzahl traditioneller Jobs in Handel, Banken, in der Industrie und selbst bei Rechtsanwälten kosten. Das wird alle Bereiche von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik durchdringen. Das trifft die Mittelschicht. Unsere Welt wird in zehn Jahren eine radikal andere sein. Und diesen rasanten Umbau gestalten wir entweder als SPÖ mit - oder er wird ohne uns passieren. Und zur größten Umverteilungsaktion von unten nach oben in der Geschichte der Menschheit werden. Diese Umverteilungsaktion will ich verhindern."

Sebastian Kurz ist der Immaculatus unter Österreichs Spitzenpolitikern, ein Unbefleckter, der innenpolitische Auseinandersetzungen in zentralen politischen Glaubensfragen meidet. Was er über Gesamtschule, Homo-Ehe, Wehrpflicht oder Donald Trump denkt, ist unbekannt. Auch gegenüber profil ließ er entsprechende Anfragen unbeantwortet. Man äußere sich nur zu Sachthemen, die Außen-und Integrationsministerium betreffen, hieß es aus seinem Büro. Allerdings existiert der Politiker Kurz nicht nur als Außenminister und OSZE-Vorsitzender, sondern auch als Obmann der Jungen Volkspartei, Bundesparteiobmann-Stellvertreter der ÖVP und Präsident der Politischen Akademie der Volkspartei - Funktionen, die klare Bekenntnisse erwarten lassen. Im Programm der Jungen Volkspartei findet sich Erwartbares: "Kraft des Individuums"; "Leistung zählt";"christlich soziales Weltbild";"Kinder und Familie";"Ehrenamt". Parteifreunde beschreiben Kurz als pragmatischen Konservativen. Er legt dagegen Wert auf die Bezeichnung "liberal" und "bürgerlich". Von ihm sind keine Äußerungen bekannt, die an seiner Bereitschaft zu einer Koalition mit der FPÖ Zweifel aufkommen lassen. Zu einer Empfehlung für Alexander Van der Bellen bei der Bundespräsidenten-Wahl vergangenes Jahr konnte er sich nicht durchringen. Kurz bekennt sich zur Europäischen Union, musste sich von Parteifreunden wie dem Abgeordneten Othmar Karas aber bereits vorhalten lassen, ihm wäre die europäische Solidarität "wurscht".

Mit Kurz' bequemer Zurückhaltung wird es spätestens vor den nächsten Nationalratswahlen vorbei sein. Der Wiener Meinungsforscher Peter Hajek von Unique research: "Ist Kurz einmal Spitzenkandidat, muss er zu allen möglichen Themen Stellung nehmen, was die Anzahl der politischen Fallgruben erhöht."

Wer sich noch an den Wahlkampf 2013 erinnert, an den matten Wettstreit zwischen Werner Faymann und Michael Spindelegger, wird sich schon jetzt auf den nächsten Wahlkampf freuen, wann immer dieser beginnt. Mit Christian Kern und (mutmaßlich) Sebastian Kurz verfügen SPÖ und ÖVP über eloquente Spitzenkandidaten, bei deren Auftritten der Fremdschämfaktor gering ausfällt. Beiden hört man gerne zu, beide sind sendungsbewusst und meinungsstark, beide beherrschen die Kunst des Argumentierens und des Agenda-Settings. Eitelkeit ist beiden nicht fremd. In einem anderen Leben hätten sie ziemlich beste Freunde werden können. Dass sie Kanzler und Vizekanzler in einer rot-schwarzen oder schwarz-roten Regierung werden, erscheint allerdings reichlich unwahrscheinlich.