Europawahl 2014: Warum Frauen und Männer unterschiedlich wählen

Europawahl 2014: Warum Frauen und Männer unterschiedlich wählen

Hätte am vergangenen Sonntag nur die weibliche Bevölkerung das Europaparlament gewählt, wäre eine satte linksliberale Mehrheit zustande gekommen – auch in Österreich. Wie erklärt sich dieses Gender Gap?

Ein Gedankenexperiment: Wären EU-weit nur Frauen zwischen 16 und 29 Jahren am 25. Mai ins Wahllokal gegangen und hätten so abgestimmt, wie es österreichische Frauen in dieser Altersgruppe taten, bestünde das EU-Parlament zu zwei Dritteln aus Mandataren der Mitte-Links-Fraktionen. Rechtsnationalistische und stramm-konservative Parteien wären eine Randerscheinung.

54 Prozent der österreichischen Wählerinnen unter 29 Jahren stimmten für Rot oder Grün, 51 Prozent der Männer dieser Altersklasse für Schwarz oder Blau. Die Kluft weitet sich noch, wenn man FPÖ und Grüne isoliert betrachtet: 33 Prozent der Männer wählten die FPÖ, nur elf Prozent Grün. 32 Prozent der Frauen wählten die Grünen, nur 17 Prozent Blau.

Niemals zuvor war der Unterschied der Geschlechter im Wahlverhalten so groß.

Lange Zeit achteten Wahlforscher vor allem darauf, was Arme und Reiche, Arbeiter und Beamte, Ungebildete und Akademiker zur Wahlurne treibt. Das Geschlecht interessierte sie wenig. Dabei blitzten Unterschiede bereits früh auf. In den USA unterstützten überdurchschnittlich viele Frauen US-Präsident Herbert Hoover 1928 für seine Initiative bei der Verteilung von Nahrungsmitteln an die hungernde Bevölkerung und sein Eintreten für die Prohibition. Frauen hielten auch Abstand zu radikalen Parteien. Die NSDAP und die Kommunisten waren in der Zwischenkriegszeit Sammelbecken für männliche Wähler.

In den 1950er-Jahren konnten Demoskopen in den USA und Westeuropa davon ausgehen, dass verheiratete Frauen dasselbe wählen wie ihre Männer. Am liebsten freilich jene Partei, die bereits an der Macht war. Für „Change“ waren Frauen schwer zu begeistern. Autonomer als die Frauen der Mittelschicht trafen Frauen aus dem Arbeitermilieu ihre Wahlentscheidung.

Wechsel durch die 68er-Generation
Frauen waren noch in den 1960er-Jahren eine Stammklientel der Konservativen, weil sie stärker als Männer traditionelle Werte – Familie, Religion, Treue, Sicherheit – hoch hielten. Der Trend war von Forschern so gedeutet worden, dass sich Frauen der Mittelschicht auf Ehe, Kindererziehung und einen kleinen Nebenerwerb eingestellt hatten. Eine eigene Karriere und ein turbulentes Privatleben sah ihr Lebensentwurf nicht vor. Treue war erwünscht, Scheidung eine Katastrophe.
Das änderte sich ziemlich abrupt mit dem Aufbegehren der Generation der 68er. Frauen strebten nun nach höherer Bildung, befreiten sich aus kirchlicher und patriarchaler Bevormundung, verdienten ihr eigenes Geld und entwickelten eigene politische Ansichten. Und die waren jetzt deutlich weniger konservativ.

Österreich erwies sich dabei als Trendsetter. Während es in den meisten europäischen Ländern in den 1970er-Jahren erst einmal zu einer Angleichung im Wahlverhalten der Geschlechter kam, setzte hierzulande ein Linksdrall unter Frauen ein. Die Kreisky-Reformen hatten den Zustrom der Mädchen an die Gymnasien befördert, den Schwangerschaftsabbruch straffrei gestellt und viele verzopfte Bestimmungen abgeschafft: Etwa jene, wonach Frauen, wenn sie einer Erwerbsarbeit nachgehen wollten, das schriftliche Einverständnis ihrer Männer vorlegen mussten. Bereits bei den Nationalratswahlen 1975 wurde die SPÖ von mehr Frauen gewählt als von Männern.

Von 1986 an öffnete sich der Gender Gap noch einmal. Dem rechtspopulistischen Kurs der FPÖ unter Jörg Haider folgten überdurchschnittlich viele junge Männer. Schon 1995 hätte ein österreichisches Parlament, wäre es nur von Frauen gewählt worden, eine linke Mehrheit (SPÖ, Grüne, Liberale) und ein Männerparlament eine noch stärkere rechte Mehrheit (ÖVP, FPÖ) gehabt.

Inzwischen zieht sich der kleine Unterschied quer durch das westliche Europa, wie eine aktuelle Untersuchung von Simone Abendschön und Stephanie Steinmetz zeigt. Die Forscherinnen versuchen erstmals, den Gender Gap über 25 Länder-Grenzen hinweg zu erklären. Deutlich ausgeprägt ist er in Skandinavien, den Benelux-Ländern und in der Schweiz. Danach folgt schon Österreich, und dahinter, etwas abgeschlagen, Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien. Der Befund ist angesichts gestiegener Frauenerwerbsquoten nicht überraschend. Nicht erklären können die Forscherinnen den kaum wahrnehmbaren Unterschied im männlichen und weiblichen Wahlverhalten in Finnland, einem Land mit langer Tradition in der Gleichberechtigung, und den Backlash in Irland: Seit der Bankenkrise wählen die Frauen dort wieder konservativ.

Umgekehrter Gender Gap im Osten
In Ländern des ehemaligen Ostblocks existiert ein umgekehrter Gender Gap. Frauen wählen hier – wie in den 1960er-Jahren in Westeuropa – konservativer als Männer. In den Zeiten des Sozialismus war ihnen neben der Arbeit auch noch die Verantwortung für Kinder und Haushalt geblieben. Man kann nun vermuten, dass die nachfolgende Generation auf diese Art der Emanzipation pfeift und lieber in die existenzsichernde Ehe mit einem reichen Mann investiert.

Frauen wählen Frauen. Das war nicht immer so. In den autoritätsfixierten Nachkriegsjahren waren Politikerinnen kein Zugpferd. Heute wählen Frauen links, nicht zuletzt weil Mitte-Links-Parteien Frauenquoten haben und sie sich repräsentiert fühlen. Auch der Merkel-Effekt ist so zu erklären: Bei den vergangenen EU-Wahlen in Deutschland wählten in der großen Altersgruppe 60plus um fünf Prozent mehr Frauen CDU/CSU als Männer. Die älteren Anhängerinnen von Angela Merkel bescheren der Union unterm Strich einen Frauenbonus: 34 Prozent der Männer und 36 Prozent der Frauen haben sie am 25. Mai gewählt. Ansonsten verläuft der Geschlechter-Graben nach westeuropäischem Muster: Junge Frauen stimmten zu 21 Prozent für Grün (Männer 13 Prozent), ihre männlichen Pendants versammelten sich bei der europakritischen AfD (zehn Prozent Männer versus fünf Prozent Frauen).
In der übergroßen Mehrheit sind es jedoch noch immer Männer, die der weiblichen Wählerschaft als Politiker und Funktionäre gegenübertreten. Laut einer Gender-Erhebung des EU-Policy Departement waren mit Stand Februar 2014 in den Parlamenten der 28 EU-Mitgliedstaaten nur 27 Prozent der Abgeordneten weiblich. Die Quoten schwanken zwischen Schweden (45 Prozent) und Ungarn (neun Prozent). Zum Vergleich: Das inzwischen neu gewählte EU-Parlament kommt auf 36 Prozent weibliche Abgeordnete, doppelt so viele wie bei seiner Gründung 1979.

Kernwähler am rechten Rand ist männlich
Für die Wählerinnen und Wähler von Rechtsparteien scheint es hingegen nicht wichtig zu sein, ob eine Frau oder ein Mann an der Spitze steht. Hier zählt eher harter oder weicher Stil. Die Anhänger der norwegischen Fortschrittspartei unter Siv Jensen oder der Dansk Folkeparti (Dänische Volkspartei) sind zu zwei Dritteln männlich, obwohl in diesen Parteien Frauen eine große Rolle spielen. Laut Eva Zeglovits vom Meinungsforschungsunternehmen Ifes wurde die FPÖ-Anhängerschaft besonders männlich, wenn die Partei einen angriffigen Wahlkampfstil pflegte, der junge Männer begeistert und Wählerinnen verschreckt.
In Italien hatte die Democrazia Cristiana lange Zeit eine eher weibliche Anhängerschaft, die Kommunisten wurden mehrheitlich von Männern gewählt, was – so der Politikwissenschafter Anton Pelinka – „vor allem damit zu tun hatte, wie gemäßigt oder extrem ihr Auftreten wahrgenommen wurde“. Inzwischen ging die Kommunistische Partei in der gemäßigten Linkspartei Partito Democratico auf: „Vermutlich wird sie stark von Frauen gewählt, während die Männer stärker zur Lega Nord tendieren“ (Pelinka).

Die französische Front National war eine recht männliche Veranstaltung, bis Marine Le Pen, Tochter des Gründers Jean-Marie Le Pen, das Ruder übernahm. Bei den Präsidentenwahlen 2012 errang sie 21 Prozent bei die Männern, 15 Prozent bei den Frauen. Bei den vergangenen EU-Wahlen, bei denen die Front National auf 24,9 Prozent kam, herrschte laut Wahlforschern von Ipsos erstmals fast Gleichstand: 26 Prozent Männer, 24 Prozent Frauen. Die inhaltlichen Positionen der FN-Chefin sind unverändert hart, ihr Auftreten ist weicher. Die weibliche Wählerschaft spricht sie mit ihrer Gegnerschaft zum Islam an. Mit ähnlicher Rhetorik gerieren sich Geert Wilders in den Niederlanden und rechte Parteien in Schweden, Norwegen und Dänemark als Verteidigerinnen von Frauenrechten.

Doch der Kernwähler am rechten Rand ist männlich, kommt aus dem Industriesektor, der durch die Globalisierung unter Druck geriet, stark auf eine Sündenbock-Rhetorik anspricht und irrationalen Sehnsüchten nach den Zuständen der Vergangenheit anhängt. Die ungarische, rechtsextreme Jobbik wurde bei den vergangenen Parlamentswahlen von zwölf Prozent der Männer, aber nur sechs Prozent der Frauen gewählt. Es spricht einiges dafür, dass Frauen rationaler, mehr nach ihren Interessen wählen als Männer. So finden rechtsnationalistische Parteien verstärkt Zuspruch bei Hausfrauen, deren Schicksal an der Arbeit ihrer Männer hängt. Arbeitende Frauen wiederum haben kein Interesse an einer harten Austeritätspolitik.
Der Mehrheit der arbeitenden Frauen muss der Erhalt staatlicher Transferleistungen am Herzen liegen. Sie sind es in der Regel, die ihre Karriere wegen der Kindererziehung unterbrechen, sie sind häufiger prekär oder in Teilzeit beschäftigt und können der von Neoliberalen und Konservativen hochgehaltenen Tüchtigkeit des Einzelnen wenig abgewinnen. „Das führt dazu, dass es Frauen mit einer unsicheren ökonomischen Basis politisch ins Mitte-Links-Spektrum zieht“, analysiert Christoph Hofinger vom Meinungsforschungsinstitut Sora.

Wird das auch so sein, sollten junge Frauen es nicht mehr schaffen, sich ökonomisch auf eigene Beine zu stellen? Laut einer langfristig angelegten Studie zur Lebensqualität gab es 1995 in Wien 24 Prozent Paar-Haushalte mit Doppelverdienern. Inzwischen ging ihre Zahl auf 15 Prozent zurück. Bisher haben sich Frauendomänen in den Dienstleistungsbranchen als erstaunlich resistent gegen den Globalisierungsdruck erwiesen.

Industriearbeitsplätze wanderten nach China oder Indien ab, Pflegen, Unterrichten und Betreuen ist jedoch nur vor Ort möglich. Dennoch kämpfen mittlerweile auch junge Frauen mit Statusverlusten, weil ihr Universitätsstudium nicht den Wert hält, den es versprach, und Einstellungsstopps im öffentlichen Dienst ihre Jobchancen beschneiden. Davon profitieren derzeit die Grünen als urbane Protestpartei. Doch neue Verwerfungen könnten auf den Wahlzetteln der Zukunft noch unbekannte Spuren hinterlassen.

Infobox

Sowohl in Amerika als auch im westlichen Europa wählten Frauen jahrzehntelang eher konservativ. In den 1970er-Jahren änderte
sich dies – mit unterschiedlicher Geschwindigkeit – in nahezu allen Ländern Westeuropas. Heute öffnet sich eine immer größere Kluft zwischen dem Wahlverhalten von Frauen und Männern. Österreich war eines der ersten Länder, in ­denen sich die Wählerinnen nach links entwickelten. In den Gesellschaften des früheren Ostblocks wählen Frauen überdurchschnittlich Mitte-Rechts-Parteien.