Extremismusforscherin Ebner: "Rechte betreiben richtiges Online-Marketing"

Extremismusforscherin Julia Ebner

Extremismusforscherin Julia Ebner

Extremismusforscherin Julia Ebner über Rechtsextremismus, der sich gesellschaftsfähiger Ideologien bedient, und die Narrenfreiheit in Online-Netzwerken.

INTERVIEW: JAKOB WINTER UND CHRISTA ZÖCHLING

profil: Müssen wir Angst vor rechtsextremem Terror haben?
Ebner: Rechtsextremisten stellen vor allem im Netz eine große und unterschätzte Gefahr dar, die von der Politik nicht ernst genug genommen wird. Dschihadistischer Propaganda wurde schon viel früher und viel effektiver begegnet als rechtsextremer.

profil: Gegen wen richtet sich die Gewalt in den rechtsextremen Online-Netzwerken?
Ebner: Im rechtsextremen Spektrum haben wir es mit ideologisch sehr unterschiedlichen Gruppen zu tun. Teilweise kooperieren sie. Auf Plattformen wie 8chan agitieren sie gegen gemeinsame Feinde: Muslime oder Migranten. Anhänger von Verschwörungstheorien sind meist auch antisemitisch, da werden dann Juden zur Zielscheibe. In anderen Netzwerken sind eher Behörden, das politische Establishment, Journalisten und Linke die ersten Angriffsziele. Es gibt eine ganze Reihe von Feindbildern, die durch die Verbreitung von Verschwörungstheorien und Falschmeldungen verstärkt werden.

profil: Wie wird das Attentat von Christchurch in diesen Gruppen bewertet?
Ebner: In verschlüsselten, privaten Chats im Messengerdienst Telegram etwa wird der Täter glorifiziert. Dieser Terrorakt hat vielen Rechtsextremisten Hoffnung gegeben. In anonymen, aber öffentlichen Foren von 8chan werden verherrlichende Bilder des Attentäters geteilt mit Sätzen wie: „Das ist der Beginn einer größeren, gewaltvollen Revolution.“


Die Einteilung der Welt in Muslime und Nichtmuslime, eine dehumanisierende Sprache wurden durch Politiker vom rechten Rand zweifellos stark befördert.

profil: Die rechtsextremen Identitären haben sich öffentlich von der Tat distanziert, verwenden aber dieselben Begriffe.
Ebner: Für die identitäre Bewegung ist der Terror von Neuseeland im Augenblick ein Problem. Sie wissen, sie waren für den Attentäter eine ideologische Inspiration – mit ihrer Verschwörungstheorie vom „großen Austausch“ der Bevölkerung, mit dem Gerede von „Umvolkung“. Sie haben sich zwar vom Terror distanziert, propagieren aber weiterhin dieselben Ideen und treiben genau diese Ideologie voran. Das macht sie so gefährlich. Wir können das beim Attentäter gut beobachten: Er hat sich der Gewalt geöffnet, weil er an die Durchsetzung rechter Politik nicht mehr glaubt. Ideologische Annäherung kann schnell in Gewalttätigkeit umschlagen.

profil: Auch FPÖ-Minister sprechen von der „Invasion von Muslimen“ und dem „Untergang des Abendlandes“. Fördert solches Denken radikale Tendenzen bei den Rechten?
Ebner: Die Einteilung der Welt in Muslime und Nichtmuslime, eine dehumanisierende Sprache wurden durch Politiker vom rechten Rand zweifellos stark befördert. Nur Tage nach dem Christchurch-Attentat hat US-Präsident Donald Trump für Migranten das gleiche Wort wie der Attentäter verwendet, nämlich „invader“, also Eindringling. Das ist besorgniserregend. Auch der italienische Innenminister Matteo Salvini sagte in Reaktion auf diesen Anschlag, es gebe nur ein extremistisches Problem, und das sei der Islamismus. Das legitimiert rechten Extremismus und spielt ihn gleichzeitig herunter.

profil: Sie beobachten ultrarechte Online-Netzwerke. Sind Ihnen dabei Österreicher aufgefallen?
Ebner: Auf anonymen Plattformen lässt sich meist keine Nationalität herausfinden. Man weiß noch nicht, ob der Attentäter mit österreichischen Rechten Kontakt hatte, doch im Land war er. Was man sagen kann: Martin Sellner, der Co-Leiter der Identitären Bewegung in Österreich, hat großen Einfluss auf die europäischen Netzwerke der Neuen Rechten. Er ist maßgeblich an der Eröffnung von Zweigstellen beteiligt, zuletzt in Großbritannien und Irland. Er treibt die Vernetzung sehr stark voran und hat dafür gesorgt, dass viele der Kampagnen ähnliche Taktiken verfolgen wie die Alt-Right-Bewegung in den USA.


Rechtsextremisten versuchen, aus Soldatenkreisen zu rekrutieren.

profil: Warum taucht Österreich immer wieder in diesen Manifesten auf? Sowohl der Norweger Anders Breivik als auch der neuseeländische Attentäter bezogen sich auf die Türkenkriege und auf Österreich.
Ebner: Rechtsextremisten beziehen sich gern auf die osmanische Belagerung von Wien oder auf die Reconquista im spanischen Andalusien. Sie stellen eine Parallele zur heutigen Zuwanderung aus muslimischen Ländern her. Der zweite Grund liegt darin, dass die Identitäre Bewegung Österreich in globalen Netzwerken sehr präsent ist.

profil: Sehen Sie im Fall Christchurch einen Zusammenhang mit einem aufgedeckten rechtsradikalen Netzwerk ehemaliger Soldaten in Deutschland und Österreich?
Ebner: Eines ist gewiss: Rechtsextremisten versuchen, aus Soldatenkreisen zu rekrutieren. Sehr oft sind traumatisierte Soldaten eine anfällige Zielgruppe. Sie werden als wichtiges Instrument im heraufbeschworenen Krieg zwischen Rassen oder Kulturen betrachtet. Es würde auch zum Schema des Christchurch-Attentäters passen, dass er andere Soldaten auf der ganzen Welt mobilisieren wollte.

profil: Sind solche Täter „einsame Wölfe“ oder bewegen sie sich in einer Struktur?
Ebner: Auf dschihadistischer Seite gibt es klar definierte Gruppen – vom IS bis zur Al Kaida. Im rechtsextremistischen Spektrum sind die Netzwerke zwar international, aber viel flexibler. In diesen Online-Echokammern entwickeln sie eine gemeinsame Identität und ein gemeinsames Vokabular – auch Insiderwitze und kulturelle Elemente, eine Art Gegenkultur, wie wir das von der neuen Rechten kennen. Die Gewalt geht dann von Einzelnen aus, die durch diese Ideologie inspiriert wurden.


Rechtsextremisten umgehen bestehende Gesetze, indem sie mit Ironie arbeiten.

profil: Wie rekrutieren rechte Online-Netzwerke neue Mitstreiter?
Ebner: In ihrer Propaganda passen sich Rechtsextreme an unterschiedliche Subkulturen an, zum Beispiel an die Gaming-Community. Oder sie sprechen das Thema Meinungsfreiheit in ultralibertären Kreisen an. Oder sie arbeiten mit Verschwörungstheorien in Kreisen, in denen es schon solche Ansätze gibt – da stülpen sie noch ihre Ideologie drauf. Teilweise operieren sie auch mit sehr spielerischen Elementen, um apolitische Menschen anzusprechen und dann langsam in die verschlüsselten Netzwerke zu führen, wo die Radikalisierung stattfindet und extremistische Videos oder Holocaust leugnende Inhalte gepostet werden. Die Rechten kennen ihre Zielgruppen sehr genau. Sie betreiben richtiges Online-Marketing, teils so gut wie große Marketingunternehmen.

profil: Wie können Staatsschützer das überwachen?
Ebner: Wirklich gewaltvolle Inhalte müssten schnell entfernt werden, doch oft fehlt das Wissen, welche Plattformen und alternativen sozialen Medien von extremistischen Gruppen genutzt werden. Der Christchurch-Angriff hat gezeigt, dass dieser Aspekt sträflich vernachlässigt wurde. Solche Plattformen haben keine gesetzliche Verantwortung, gewaltverherrlichende Inhalte zu entfernen. In der Vergangenheit habe ich beispielsweise einen expliziten Aufruf zu Gewalt gegen das ARD-Hauptstadtstudio entdeckt. Auch der Angreifer der Synagoge in Pittsburg war auf einer dieser alternativen Plattformen aktiv. All diese alternativen Netzwerke bleiben völlig unangetastet. Deshalb werden sie teilweise von Rechtsextremisten gekapert. Vieles fällt allerdings in den Grauzonenbereich, weil man nicht alles verbieten kann. Rechtsextremisten umgehen bestehende Gesetze, indem sie mit Ironie arbeiten. Da muss man im Bildungssystem ansetzen, digitale Zivilcourage fördern. Man sollte aber nicht in die Falle der Überzensur tappen.