Fake News: Facebook will gegensteuern

Fake News: Facebook will gegensteuern

In Chemnitz, in den USA - und bald bei den EU-Wahlen? Mit Fake News wird die politische Debatte auf Facebook bewusst vergiftet. Was tut das Netzwerk dagegen?

Vermisstenanzeigen können einiges an Unbehagen auslösen - noch dazu, wenn es sich um ein erst neunjähriges Mädchen handelt. Ein schwarz-weißes T-Shirt und eine dunkelblaue, kurze Hose soll Fiona getragen haben, als sie das letzte Mal gesehen wurde. Zum vereinbarten Zeitpunkt kehrte das Mädchen aus Stralsund im Nordosten Deutschlands nicht wieder heim. Die Eltern alarmierten die örtliche Polizei, sofort wurde eine Pressemitteilung mit einem Foto der Vermissten ausgeschickt. Die inoffizielle Website "Polizeinachrichten" übernahm die Vermisstenanzeige und verbreitete sie tags darauf auf Facebook mit dem Aufruf: "BITTE TEILEN!!!" Mehr als 10.000 Mal wurde die Meldung weitergeleitet, bis nach Österreich. So manche User werden sich wohl eine Schauergeschichte zur Abgängigen ausgemalt haben. Dabei war Fiona längst in Sicherheit. Noch am Tag ihres Verschwindens tauchte das Mädchen wieder auf. Die Polizei gab Entwarnung, doch die Vermisstenanzeige verbreitete sich auf Facebook munter weiter.

Seit einem Jahr experimentiert Facebook, wie solche Falschmeldungen eingebremst werden können. Ein Ansatz: Nutzer, denen die Meldung des abgängigen Mädchens in der Timeline eingeblendet wurde, bekamen automatisch auch einen Link des deutschen Faktencheck-Portals "Correctiv" angezeigt: "ENTWARNUNG: Die Meldung ist veraltet. Das Mädchen ist wieder aufgetaucht." Das hilft - sagt Facebook.

Die Kooperation mit den Faktenfindern ist nur eine von mehreren Maßnahmen, mit denen der Internetkonzern aus den USA versucht, seinen Ruf als Fake-News-Beschleuniger abzuschütteln. Lange sah Facebook tatenlos zu und verdiente gut an Hass und Falschinformation. Angetrieben von wachsendem öffentlichen Druck, forciert das Tech-Unternehmen nun Transparenz und Härte gegen Fake Accounts. Aber sind die Maßnahmen auch geeignet, groß angelegte Desinformationskampagnen zu stoppen, wie es sie etwa im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahlen gab?

Fake News führen zu realen Gewalttaten

Wie manipulative Nachrichten im Netz in realen Hass auf der Straße umschlagen können, war in der vergangenen Woche auch in Chemnitz zu beobachten. Ein nächtlicher Konflikt zwischen mehreren Männern hatte den Tod eines 35-Jährigen zur Folge. Ein Syrer und ein Iraker gelten als Tatverdächtige. Rechte Blogger und alternative Medien heizten den Hass in Chemnitz an: Sie streuten das Gerücht, der Getötete sei einer Frau heldenhaft zur Hilfe geeilt, die von den anderen beiden Männern belästigt worden sei. Die Polizei dementierte diese Information. Später machte auf Facebook die Meldung die Runde, dass ein zweiter Mann seinen Verletzungen im Spital erlegen sei - ebenfalls ein Fake, der rasend schnell die Runde machte. Die Wut entlud sich schließlich auf der Straße: Ein Mob von Rechtsradikalen jagte Migranten durch die Stadt. Es ist nicht das erste Mal, dass Fake News im Netz zu realen Gewalttaten führen.

Besonders stark unter Druck steht Facebook auf dem wichtigsten Markt, den USA. Bei der Präsidentschaftswahl 2016 war es auf der Plattform zu massiven Desinformationskampagnen aus Russland gekommen. Jedem vierten Wahlberechtigten wurden in den entscheidenden Wochen vor der Wahl Fake News angezeigt, wie jüngst eine Studie nachweisen konnte. Bei den anstehenden Midterm-Elections will Facebook anonymen Heckenschützen das Leben erschweren. Seit Mai legt das Unternehmen bei politischer Werbung die Financiers und die investierten Beträge offen -allerdings nur in den USA. Ob die Maßnahme vor den EU-Wahlen auch in Europa zum Einsatz kommt? Das könne man "derzeit noch nicht abschätzen", erklärt Facebook auf profil-Anfrage.

In ihrem Buch "Lügen im Netz" beschrieb profil-Kolumnistin Ingrid Brodnig die Mechanismen der Manipulation im Internet. "Facebook macht derzeit am meisten von allen Plattform gegen Desinformation. Das liegt auch daran, dass es die wichtigste Plattform für politische Kommunikation vor Wahlen ist", sagt Brodnig. Die Transparenz bei politischer Werbung in den USA bewertet die Digitalexpertin positiv. "Zum Teil macht Facebook auch Dinge, bei denen man sich fragen muss: Ist das so behaglich? Zum Beispiel bewertet es die Vertrauenswürdigkeit von Usern, und man weiß nicht, nach welchen Kriterien Facebook da vorgeht."

Rechtsgerichtete Troll-Armeen

Obwohl das Netzwerk im vergangenen Halbjahr über eine Milliarde Fake Accounts löschte und den Anteil von Moderatoren bis Ende des Jahres auf 20.000 erhöhen will, bleibt Facebook höchst attraktiv für Manipulatoren. Julia Ebner schleuste sich bereits in islamistische und rechtsextreme Onlineforen ein, um deren Propagandastrategien im Netz zu ergründen. Die Extremismusforscherin vom Londoner Institute for Strategic Dialogue beobachtet, dass rechtsgerichtete Troll-Armeen im Vorfeld politischer Wahlen aktiv werden: "Wir sehen, wie rechtsextreme Gruppen Statistiken aus dem Kontext reißen und Korrelationen herstellen, die so nicht stimmen - etwa Vergewaltigungsraten. Und dann gibt es auch wirklich frei erfundene Zitate von Politikern, die für Empörung sorgen sollen." Durch die konzertierte Verbreitung der Beiträge werden sie vom Algorithmus als interessanter eingestuft und einem größeren Adressatenkreis eingeblendet. Ebner geht davon aus, dass dubiose Akteure wie der frühere Trump-Vertraute Steve Bannon bereits Desinformationskampagnen im Hinblick auf die EU-Wahl 2019 aushecken.

Treffen könnte das insbesondere Österreich, denn hier hat Facebook noch keinen Kooperationspartner zum Faktenchecken. Dabei gäbe es mit dem Verein Mimikama, der sich seit Jahren gegen Missbrauch im Netz engagiert, einen natürlichen Ansprechpartner. Schon heute gehen dort täglich Hunderte Anfragen ein. "Facebook hat noch nicht einmal ansatzweise Kontakt mit uns aufgenommen", sagt Andre Wolf von Mimikama, der aber auch zugesteht, dass die Ressourcen seines Vereins begrenzt sind. Facebooks Maßnahmen bewertet Wolf als "halbherzig":"Dass jetzt Faktenchecker-Artikel eingeblendet werden, ist zwar gut, der Umfang ist nur viel zu gering."

Und selbst dort, wo es Faktenchecker gibt, läuft nicht alles rund. In Deutschland müssen die menschlichen Lügendetektoren aus einem Wust von Fakes die bösartigsten herausfiltern und richtigstellen. Karolin Schwarz ist eine von ihnen. In der Vorwoche schrieb sie für das Onlinemagazin "Vice" einen Gastbeitrag, in dem sie - wiewohl Facebook-Vertragspartnerin - auf blinde Flecken beim Kampf gegen Fakes hinwies. Facebooks Tools seien nur darauf ausgelegt, falsche Links richtigzustellen. Allein: Die meisten Falschmeldungen zu Chemnitz wurden auf Facebook zusammen mit Bildern oder Videos veröffentlicht, erklärt Schwarz: "Solche Bild- oder Video-Posts können bisher weder von Facebook-Nutzern als Falschmeldung gemeldet noch von Facebooks deutschen Faktencheck-Partnern geprüft werden. Zwar hatte das Unternehmen im Juni angekündigt, eine entsprechende Funktion einführen zu wollen, umgesetzt wurde das bisher aber noch nicht."