Farb-Fernsehen bei der ORF-Wahl

ORF-Finanzdirektor Richard Grasl und ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz (v.l.n.r.)

ORF-Finanzdirektor Richard Grasl und ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz (v.l.n.r.)

Tauschen, Tricksen, Tarnen: Das politische Tauziehen um die neue ORF-Führung geht ins Finale. Alexander Wrabetz hat derzeit die besseren Karten als Richard Grasl. Doch Überraschungen und Zusatzkandidaten sind nicht ausgeschlossen.

Am 9. August um 10 Uhr vormittags, wenn im ORF-Fernsehen "Julia - Sturm der Liebe“ und "Soko Kitzbühel“ laufen, tritt eine Sonderkommission der besonderen Art zusammen: Die Stiftungsräte finden sich ein, um den nächsten ORF-Generaldirektor zu küren. Ungefähr zu "Sturm der Liebe, Teil 2509“ wird dann klar sein, ob Alexander Wrabetz das Kunststück gelingt, als erster ORF-Chef in drei Amtsperioden hintereinander gewählt zu werden. Oder ob der bisherige Finanzdirektor Richard Grasl ihn ablöst. Oder überhaupt ein Überraschungskandidat das Rennen um das mächtigste Medienunternehmen des Landes macht.

Drei Wochen sind noch Zeit, um für sich zu werben, bei Parteien und Stiftungsräten mit kleinen Aufmerksamkeiten um Stimmen zu buhlen. Grob geschätzt verfügt Wrabetz derzeit über 16 Stimmen und Grasl über 15 von insgesamt 35 Stimmen - was sich aber laufend ändert. Trotz der Wahlkampfsituation auf dem Küniglberg wirkt Wrabetz aufgeräumt und entspannt: "Vielleicht wird das Ergebnis etwas knapper ausfallen als 2011, aber ich bin zuversichtlich, eine Mehrheit zu bekommen.“ Anders als früher muss sich Wrabetz dieses Mal keine Sorgen um die Unterstützung aus der eigenen Partei machen. So schwierig das Verhältnis zu Werner Faymann war, so gut ist es zum neuen Bundeskanzler und SPÖ-Chef. Christian Kern hat sich klar für eine Vertragsverlängerung von Wrabetz ausgesprochen. Die 13 Mitglieder des roten Freundeskreises im Stiftungsrat muss der Amtsinhaber also nicht mehr überzeugen.


Entscheidend ist, wer die von SPÖ und ÖVP unabhängigen Stiftungsräte kassiert.

Erich Fenninger ist Direktor der Volkshilfe und Leiter des SPÖ-Freundeskreises im ORF und erklärt: "Die ORF-Redakteursräte sagen, dass sie sich noch nie so frei gefühlt haben in der Berichterstattung.“ Auch daher "spricht viel dafür, dass Wrabetz noch eine Chance bekommt“.

Hat sich Herausforderer Grasl verkalkuliert? Medienpolitik ist in der ÖVP eine gemeinsame Sache. Offizieller Mediensprecher ist Generalsekretär Peter McDonald. Geht es um Topthemen wie den neuen ORF-Generaldirektor, hat natürlich auch der Chef, Bundesparteiobmann und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner, etwas mitzureden. Im Falle von Richard Grasl, einst Chefredakteur des ORF Niederösterreich, liegt nahe, dass sich auch Landeshauptmann Erwin Pröll massiv einbringt. Es soll keiner großen Überredungskünste von ÖVP-Seite bedurft haben, um Grasl in die Schlacht gegen Wrabetz zu schicken. Der ORF-Finanzdirektor glaubt noch fest an seine Chance.

Entscheidend ist, wer die von SPÖ und ÖVP unabhängigen Stiftungsräte kassiert: Hans Peter Haselsteiner (NEOS), Ex-Caritas-Präsident Franz Küberl, FPÖ-Stiftungsrat Norbert Steger und Wilfried Embacher (Grüne). Diese Herren werden derzeit sehr umgarnt. So durften sich die Tiroler Festspiele Erl - Hauptsponsor: Haselsteiners Strabag-Baukonzern - über intensive TV-Berichterstattung freuen.


"Niemand wird mir unterstellen, dass ich ständig mit dem Flammenschwert des Weisungsrechts durch das Haus laufe." (Alexander Wrabetz)

An sich gelten Haselsteiner und Embacher als Wrabetz-affin. Dennoch darf sich Grasl noch Hoffnungen machen. In mehreren Interviews kündigte Alexander Wrabetz an, auf einen eigenen Direktor für die TV-Information zu verzichten. Der derzeitigen Direktorin Kathrin Zechner würde nur die TV-Unterhaltung bleiben. Statt bei Zechner würden die Info-Agenden direkt in der Generaldirektion angesiedelt, ein Modell "nach internationalem Vorbild“, wie Wrabetz argumentiert. Dass sämtliche Chefredakteure dann ohne Puffer dem Generaldirektor unterstehen, dürfte freilich Embacher und Haselsteiner irritieren.

Allerdings: Es war schon immer ein hoher Trumpf des mittlerweile 56-Jährigen, dass man ihn leicht unterschätzt. Alexander Wrabetz ist ein umgänglicher Typ und deutlich weniger eitel als manch anderes Alphatier in der Medienbranche. Oft wurde ihm vorgehalten, dass er entscheidungsschwach und allzu harmoniebedürftig sei. Aber selbst aus dieser Kritik lässt sich etwas Positives machen: "Niemand wird mir unterstellen, dass ich ständig mit dem Flammenschwert des Weisungsrechts durch das Haus laufe“, erklärt Wrabetz.

Er war in den vergangenen Monaten jedenfalls ziemlich umtriebig bei dem Versuch, noch unschlüssige Stiftungsräte von seinen Vorzügen zu überzeugen. Das neue Frühstücksfernsehen "Guten Morgen Österreich“ etwa kommt beim breiten Publikum nicht sonderlich gut an, freut aber wegen der regionalen Berichterstattung die Politiker in den Landesregierungen. Weil neun Stiftungsräte von den Bundesländern entsandt werden, ist das aus Wrabetz’ Sicht bestimmt kein Schaden. Mitte Mai präsentierte er wiederum gemeinsam mit dem früheren ORF-Chefredakteur Walter Seledec die TV-Dokumentation "Verbunkert, vergraben, vergessen - Das Bundesheer im Kalten Krieg.“ Seledec ist bekennender FPÖ-Mann, und der Festakt fand in der Wiener Landesverteidigungsakademie vor ziemlich viel blauer Prominenz statt. Dem freiheitlichen Stiftungsrat Norbert Steger hat das sicher gefallen.


Manch Stiftungsrat stoßen die Tauschgeschäfte und Anbiederungen im Vorfeld der Wahl sauer auf.

Profiteur im Kampf um Stegers Stimme dürfte der FPÖ-nahe Thomas Prantner sein. Der frühere Online-Direktor und derzeitige Vizechef in der Technikdirektion verantwortete in den vergangenen Jahren die TVthek und orf.at. Prantner beansprucht selbstbewusst einen Platz im Direktorium. Jüngst ließ er via Twitter Sympathien für beide Kandidaten erkennen: "Für Wrabetz spricht die Erfahrung, für Grasl die zeitgemäße Direktionsstruktur mit TV, Radio und Online. Wäre positiv.“ Kurz davor bedankte er sich ausdrücklich via Twitter "bei Ex-ÖBB-Chef Kern und Wrabetz für die ORF-TVthek in allen Railjets“. Sicher ist sicher.

Manch Stiftungsrat stoßen die Tauschgeschäfte und Anbiederungen im Vorfeld der Wahl sauer auf. Auch deshalb wollen die Gerüchte über mögliche zusätzliche Bewerber von innerhalb oder außerhalb des ORF nicht verstummen - Kathrin Zechner etwa hält sich bisher bedeckt.


Mit Überraschungen ist bis 9. August durchaus zu rechnen.

Der Grazer Verfassungsjurist Klaus Poier, der für die Steiermark im Stiftungsrat sitzt und als Vertrauter von ÖVP-Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer gilt, legt Wert auf die Feststellung: "Ich persönlich habe mich noch nicht entschieden, wen ich wähle. Das gilt nicht nur für mich: Niemand kann sich einer Stimme sicher sein.“ Poier hätte gerne mehr Auswahl: "Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Kandidaten dazukommen. Es wäre schade, wenn sich um eine derart attraktive Stelle nur zwei Personen bewerben. Ich würde nicht ausschließen, dass sich insbesondere aus dem Ausland noch Wunderwuzzis bewerben.“

Ein derartiger Kandidat wäre der Österreicher Michael Grabner, langjähriger Geschäftsführer der großen deutschen Verlagsgruppe Holtzbrinck und nun deren Aufsichtsratspräsident. Grabner sagt zu profil: "Mir wurde schon zwei Mal die Frage nach der ORF-Führung gestellt. Aber für den - höchst unwahrscheinlichen - Fall, dass sich mehrheitsfähige Teile des Stiftungsrates einen, unpolitischen‘ Medienfachmann als CEO vorstellen können, komme sicher nicht nur ich infrage.“

Ein Dementi klingt anders. Mit Überraschungen ist bis 9. August durchaus zu rechnen.