Warum der Amokfahrer-Prozess niemals in Graz hätte stattfinden dürfen

Der Angeklagte Alen R. vor Beginn des Prozesses im Straflandesgericht in Graz.

Der Angeklagte Alen R. vor Beginn des Prozesses im Straflandesgericht in Graz.

Christa Zöchling über den Amokfahrer-Prozess, der als Therapie für die Opfer gedacht war und der dennoch niemals in Graz hätte stattfinden dürfen.

Alen R. wurde am Donnerstag vergangener Woche von einem Geschworenengericht für zurechnungsfähig erklärt und zu einer lebenslangen Haftstrafe mit Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher verurteilt. Das Urteil war schnell gefällt. Einstimmig. Es war das, was sich alle gewünscht hatten: Richter, Opferanwälte, Zuschauer, und insgeheim wohl auch die Staatsanwälte. Sie hatten zuletzt an die Geschworenen appelliert: Sie mögen sich an ihr "Bauchgefühl" halten. Bürgermeister Siegfried Nagl sprach von "Genugtuung" und dankte den Geschworenen, dass sie sich vom Amokfahrer im Unschuldsanzug nicht hatten "blenden lassen".

Eine nervöse Unruhe hatte in den Tagen zuvor die Stadt beherrscht. In öffentlichen Verkehrsmitteln wurde gefachsimpelt. Man empörte sich über den "Simulanten". In einem eigens für Zuschauer reservierten Saal, in den die Verhandlung über Videowall übertragen wurde, herrschte bisweilen eine Stimmung wie bei einem Länderspiel, allerdings mit nur einem Fanclub. Wer anderer Meinung war, meist Jus-Studenten, hielt besser den Mund. Die Volksseele war am Überkochen. Der deutsche Psychiatrie-Gutachter Jürgen Müller wurde angepöbelt, nachdem er ausgeführt hatte, warum er Alen R. für einen schwerkranken Menschen hält, der an paranoider Schizophrenie leidet und sich zum Zeitpunkt seiner Amokfahrt in einem akuten Wahn befunden hätte. "Skandal!", schrie man ihm noch auf der Straße nach, wie profil beobachtete.


In Graz stand von Anfang an fest, dass Alen R. zurechnungsfähig und im juristischen Sinn schuldig gesprochen werden musste.

Die Amokfahrt vom 20. Juni 2015 hat Graz traumatisiert. Mehr als 100 Zeugen waren geladen. Der Prozess war auch als Therapie gedacht. Jeder wurde gehört: Wer einen Angehörigen verloren hat, wer selbst schwer verletzt wurde, wer noch rechtzeitig zur Seite springen konnte. Sie erzählten von Schreien, Blut und einem aufheulenden Motor und wie das ihr Leben veränderte; wie sie zusehen mussten, dass ein spielendes Kind erfasst und unter das Auto gezogen wurde. Die Amokfahrt hat ein neues Wir-Gefühl geschaffen. Graz ist heute anders als zuvor. Es ist verletzlich und auf Rache aus. Man kann das verstehen, aber man muss das nicht gutheißen.

In Graz stand von Anfang an fest, dass Alen R. zurechnungsfähig und im juristischen Sinn schuldig gesprochen werden musste. Richter Andreas Rom hatte in einem seiner ersten Statements die Richtung vorgegeben: "Ich denke, das war der schrecklichste Tag Ihres Lebens: Die Ehe im Bruch, Frau und Kinder im Frauenhaus, die Liebschaft, die Sie am Griesplatz hatten treffen wollen, erscheint nicht, das bringt das Fass zum Überlaufen. Sie wollten der Gesellschaft zeigen: Ich habe noch Macht." Ein paar Tage später sagt es Rom noch deutlicher: "Kann es sein, er wollte zeigen: Graz -ich kann dich in die Knie zwingen?"

Alen R. sagte bei der Verhandlung nicht viel. Er stand unter Psychopharmaka und wiederholte monoton und ungerührt: Er sei in Panik geraten und selbst ein Opfer. Wenn es um seine Wahnvorstellungen ging, wiegelte er ab. Nein, er habe sich nicht "von den Amerikanern" bedroht gefühlt, sondern von Hackern. Von Marsmenschen, wie seine Ex-Frau berichtet hatte? - "Das war nur Spaß." Gesprächiger war Alen R. kurz nach der Amokfahrt gewesen und während seiner Odyssee von der Gefängniszelle über die Klinik in die Sonderanstalt Göllersdorf, konfrontiert mit einem guten Dutzend an Ärzten und Gutachtern. Wir wissen nun, dass Alen R. im Alter von vier Jahren als bosnischer Kriegsflüchtling nach Österreich kam, die Familie anfangs in Ebensee lebte, dann in Schwanenstadt, in Wels und Graz und 2006 im Süden von Graz, in Kalsdorf, ein unfertiges, heute noch heruntergekommenes Einfamilienhaus erwarb.


Alen R. hatte schon im Jahr 2009 Psychiater aufgesucht, die Medikamente jedoch nicht genommen.

Da war Alen R., der laut Testung überdurchschnittlich intelligent ist, in der Schule bereits drei Mal durchgefallen. Er hatte weder Freunde noch eine Lehre absolviert. Über Vermittlung des AMS probierte er zwei, drei Dutzend verschiedene Jobs. Nirgendwo hielt es ihn. Die Familie lebte mehr schlecht als recht vom Handel mit schrottreifen Autos. Im Alter von etwa 18 Jahren begann er unter Verfolgungsideen zu leiden. Er behauptete, man wolle ihn vergiften. Seine Mutter plagten dieselben Ängste. Das berichtete Alen R.s zweite Ehefrau.

Die kleine, zierliche Bosnierin, die Alen R. nach einer gescheiterten, nur am Papier bestandenen ersten Ehe im Jahr 2011 geheiratet hatte, erzählte dem Gericht von einer Ehehölle und einer schrecklichen Familie. Wie eine Sklavin sei sie gehalten, von ihrem Mann, aber auch von der Schwiegermutter geschlagen worden. Man werde sie töten, wenn sie davonliefe, habe man ihr gedroht. Drei Wochen vor der Amokfahrt, im Mai 2015, hatte sie mithilfe ihrer Mutter die Polizei alarmiert und war ins Frauenhaus geflüchtet. Sie sagte : Alen lüge und spiele alles vor. Sie meinte die Vergiftungsund Verfolgungsideen, die jeder Grundlage entbehrten.

Ein Psychiater der Sigmund-Freud-Klinik in Graz, der Alen R. im Juni 2016 eine Woche lang betreut und auch dessen Mutter kennengelernt hatte, wies das Gericht darauf hin, dass Alen R.s Eltern, ja die gesamte Familie in das Wahnsystem einbezogen waren.

Alen R. hatte schon im Jahr 2009 Psychiater aufgesucht, die Medikamente jedoch nicht genommen. Stattdessen fing er an, Marihuana zu inhalieren, was seine Wutausbrüche und Ängste noch verschlimmerte. Auch das wissen wir von seiner Ex-Frau. Er begann Stimmen zu hören und empfing Botschaften über das Internet. Er verklebte Kameras an Computer und Handy. Er fuhr mit einer Machete bewaffnet in die Stadt. Beim AMS sah er Verfolger, die ihm auflauerten. Am Tag seiner Amokfahrt will er sie am Straßenrand erkannt haben, sie hätten bedrohliche Zeichen gemacht, in der Herrengasse sei er direkt auf sie zugefahren, um sie zu stellen, er habe Schüsse gehört, man habe ihn töten wollen, er habe bei der Polizei in der Schmiedgasse Schutz gesucht.


Alen R. habe es nicht ausgehalten, als Erzeuger, Ernährer und Beschützer zu versagen.

Alen R. variierte: Einmal waren es dunkle Männer, Türken, auch Frauen, dann sein Schwiegervater. Aber immer Verfolger. Am sechsten Prozesstag stellte sich heraus, dass sein Großvater mütterlicherseits in Bosnien als "der Verrückte" galt und auch seine Mutter an der Sigmund-Freud-Klinik stationär behandelt worden war. Und da geschieht etwas Unerhörtes: Die Krankenakte der Frau wird beschafft und im Gerichtssaal vorgelesen. Man muss annehmen, ohne ihr Einverständnis. Einer der Opferanwälte meinte dann noch: Alen R.s Mutter sei wohl nur deshalb in die Sigmund-Freud-Klinik gegangen, um die Invaliditätspension zu kriegen. Das kenne man doch. Bei Invaliditätsanträgen machen das 1000 Leute am Tag.

"Schizo" ist als Beleidigung längst in die Alltagssprache eingegangen. Das tut dem Verständnis dieser Geisteskrankheit, von der etwa ein Prozent der Bevölkerung -quer durch alle Kulturen und alle Schichten -betroffen ist, nicht besonders gut. Viele denken dabei an eine Tobende mit Schaum vor dem Mund oder an einen, der glaubt, er sei Napoleon. Die stilleren Ausformungen der Krankheit, Depressionen, Halluzinationen, das Bemühen, den Wahn in den Alltag zu integrieren, die Wahnarbeit, die jahrelange Quälerei bis zum Ausbruch einer Psychose sind für einen Laien kaum zu erkennen.

Die Geschworenen fragten: Wie könne einer, der im Wahn handle, ein Auto lenken und Hindernissen ausweichen? Wer garantiere, dass Alen R. die Symptome nicht im Internet nachgelesen habe und nun allen etwas vorspiele? Eine beisitzende Richterin urgierte gar einen Beweis für die Diagnose Schizophrenie, einen Test. Die Psychiater konnten nur auf ihre Erfahrung und ihr Expertentum verweisen. Sie konnten keine Röntgenbilder seiner Seele vorlegen.

Und weil alles mit allem zusammenhängt, hatten es jene Experten leichter, die in Alen R. das Böse schlechthin und Graz im Mittelpunkt des Geschehens sahen. Gutachter Manfred Walzl meinte, Alen R. habe Graz für sein Scheitern verantwortlich gemacht und mit der Amokfahrt seine Macht demonstrieren wollen. Die Psychologin Anita Reiger sprach den -auch kulturell geprägten -Männlichkeitswahn an. Alen R. habe es nicht ausgehalten, als Erzeuger, Ernährer und Beschützer zu versagen. So hat am Ende das Bauchgefühl gesiegt, das, was jeder aus seinem Alltag kennt. Und so wäre also auch dieses Ereignis nicht völlig jeden Sinns enthoben. Anders wäre es schwerer auszuhalten.