ERSTER FPÖ-CHEF REINTHALLER (ANFANG DER 1950er-JAHRE): Alte Loyalitäten hielten.

Der Gründungsmythos der FPÖ

Angeblich wurde die FPÖ am Küchentisch der Haider-Familie im oberösterreichischen Bad Goisern gegründet, von ehemaligen Nazis, die sich "Idealisten" wähnten.

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Es ist nicht nur der berühmte "Einzelfall", ein Hitler-Gruß hier, eine rassistische Bemerkung dort, der den Freiheitlichen seit jeher zu schaffen macht. Es ist die Geschichte ihrer Gründung, ihr historischer Daseinszweck, das Wesen der Partei. Um ehemalige Nationalsozialisten buhlten nach der Befreiung 1945 auch andere Parteien. Doch in der FPÖ und ihrer Vorläuferorganisation VDU sammelten sich jene, die für die Ideen des Nationalsozialismus und sein Verbrecherregime gebrannt hatten, die oft schon in der illegalen Zeit bei SA und SS aktiv gewesen, die "ihrer Überzeugung treu geblieben waren" - wie der langjährige FPÖ-Chef Jörg Haider bei einem Treffen vor Veteranen der Waffen-SS gesagt hatte. Das war am Vorabend des alljährlichen Ulrichsberg-Treffens des Jahres 1995 gewesen und Haider hatte seinen Aufritt mit einem Zitat von Wilhelm Busch gekrönt: "Ist der Ruf erst mal ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert." Der Saal brach in hysterisches Gelächter aus. Die Szene ist auf Video gebannt.

Haider hatte dort auch von seinen Eltern gesprochen. Wie die meisten ihrer Freunde und Verwandten waren sie überzeugte Nationalsozialisten gewesen. Haiders Vater, Robert Haider, war schon im Alter von 16 Jahren dem Ruf der SA gefolgt und hatte sich am erfolgslosen Nazi-Putsch im Juli 1934 beteiligt. 1938 tauchte er als Gaujugendwalter in Oberösterreich wieder auf. 1939 meldete er sich freiwillig an die Front.

"Nur ein dummer Esel ..."

Auf eine Funktionärskarriere im NS-Staat hatten es Robert und Dorothea Haider, die kurz vor Kriegsende 1945 heirateten, nicht abgesehen. Die unmittelbare Nachkriegszeit war für sie bitter, doch alte Loyalitäten hielten, ein Netzwerk war da. Sie wohnten jetzt in Bad Goisern, im Haus von Haiders verstorbener Mutter. Im Frühjahr 1945 wurde Robert Haider verhaftet und kam ins amerikanische Kriegsgefangenenlager Glasenbach. Nach Erzählung eines Verwandten habe er damals gefürchtet, wegen seiner Putschbeteiligung im Jahr 1934 - bei der ein Polizist ums Leben gekommen war - vielleicht zum Tode verurteilt zu werden. Auf die Frage, wie er über die NS-Verbrechen denke, soll er gesagt haben: "Nur ein dummer Esel geht ein zweites Mal aufs Eis."

Politisch betätigen wollte er sich trotzdem. In Glasenbach hatte man sich zusammengefunden: Stefan Schachermeyer, ehemals NS-Gauinspektor in Oberösterreich; Anton Reinthaller, illegaler Nazi, SS-Oberführer, der 1938 in Ministerämter aufstieg; Hermann Foppa, ein enger Freund der Familie Haider, NS-Reichsratsmitglied, NS-Schulinspektor in Oberösterreich; Foppa war 1950 Jörg Haiders Taufpate; Friedrich Peter, SS-Obersturmbannführer, Kriegsdienst in einer Mordbrigade. Sie alle hatten in der NS-Zeit in Oberösterreich miteinander zu tun gehabt oder sich in Glasenbach kennengelernt. Sie waren an der Gründung des VDU im Jahr 1949 beteiligt und kritisierten bald schon seine liberale Ausrichtung, vor allem Bundesobmann Herbert Kraus.

"Historische Ecke" in Haider-Küche

Reinthaller, der es aus dieser Gruppe im NS-Regime am weitesten gebracht hatte, wurde 1950 in einem Volksgerichtsprozess verurteilt, allerdings schon 1953 begnadigt. Für den VDU wollte er sich nicht engagieren. Er meinte, seine Vergangenheit sei für die neue Partei eine Belastung. Solche Bedenken waren bald verflogen. Am Mittagstisch im Hause Haider in Bad Goisern soll er sich umstimmen haben lassen. 1956 wurde er am Gründungsparteitag der FPÖ zum neuen Vorsitzenden gewählt. Dorothea Haider schreibt in ihren Erinnerungen "Mein Sohn Jörg" (im Leopold Stocker Verlag 2009 erschienen): "1955 hat sich der VDU aufgelöst, nachdem die beiden Gründer Herbert Kraus und Viktor Reimann total zerstritten waren. Anton Reinthaller und Friedrich Peter waren damals bei uns in Goisern und haben mit meinem Mann besprochen, wie sie jetzt weiter vorgehen sollten. Sie sagten: 'Sollen wir es lassen, sollen wir die Gruppe auflösen oder machen wir es weiter?' Da hat mein Mann geantwortet: ,Aufgelöst ist es schnell, aber dann sind wir weg von Fenster.' Anton Reinthaller hat meinem Mann zugestimmt und Friedrich Peter schließlich auch. Und da haben sie dann in dieser Ecke an unserem Küchentisch beschlossen, die FPÖ zu gründen. Das ist hier in meiner Küche sozusagen eine historische Ecke."

Es war ein Rechtsrutsch. Die Historikerin Margit Reiter, die an einer Studie über die Anfänge der FPÖ arbeitet, sagt: "Das liberale Segment war im VdU sowohl in personeller als auch in inhaltlicher Hinsicht von Beginn an eher marginal." Viele "Ehemalige" hätten sich "oft nur vordergründig an die demokratische Grundordnung angepasst", seien "im Grunde ihren Überzeugungen treu geblieben und taten sich immer wieder durch einschlägige Aussagen oder Aktivitäten hervor, die die FPÖ wiederholt in die Nähe zum Rechtsextremismus rückten".

Der verstorbene freiheitliche Parteihistoriker Kurt Piringer urteilte noch krasser: "Das liberale Lager gab es 1949 nicht einmal ansatzweise." Als die Liberalen wie VDU-Gründer Herbert Kraus "bei den Resten des alten Liberalismus anknüpfen wollten, griffen sie gleichsam ins Leere". Kraus selbst hatte in seiner Abschiedspressekonferenz von einer "lange vorbereiteten Machtübernahme durch einen kleinen Kreis von Rechtsextremisten und NS-Führern" gesprochen.

Christa   Zöchling

Christa Zöchling

war bis 2023 in der profil-Innenpolitik