Heimfahrt nach Kärnten: Ruhe nach dem Sturm

EU-MANDATAR EUGEN FREUND: "Mehrsprachigkeit wäre heute ein Asset."

EU-MANDATAR EUGEN FREUND: "Mehrsprachigkeit wäre heute ein Asset."

Die Manie der Kärntner Haider-Jahre ist einer stillen Depression gewichen. Christa Zöchling über sporadisches Heimkehren und Ausharren.

Was ist los in Kärnten? Was liest man in der Gratiszeitung, die vor der Tür liegt? Ein Bär plündert Bienenstöcke. Eine Frau stürzt eine Stiege hinunter. Zwei Autos kollidieren auf einer Kreuzung. Ein gebürtiger Iraner ist zum schönsten Mann des Landes gekürt worden. Die FPÖ-Jugend regt das auf, weil er "kein echter Kärntner" ist.

Den Menschen scheint es gut zu gehen. Die Armut sieht man nicht. An Jörg Haiders Unfallstelle stehen wie immer frische Blumen und Grablichter.

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Die Adresse macht den Unterschied. Früher einmal war es die Sprache gewesen. Das ist vorbei. Das Slowenische hat längst verloren. Heute geht es um das Eigenheim - darum, wo es steht und was es wert ist. Die Preise für Grundstücke am Wörthersee sind in den vergangenen Jahren geradezu explodiert. Glücklich, wer vor Jahrzehnten gekauft hat oder sich in den Haider-Hype-und Hypo-Jahren bei der öffentlichen Hand günstig bedienen durfte.

Andreas Mölzer, gebürtiger Steirer mit Kärntner Verwandtschaft, lebt seit 1980 am Ossiachersee bei Villach. Ein Haus in zweiter Reihe, eine betagte Schönheit mit Giebeln und Schnitzwerk, durch hohe Zäune geschützt. Mölzer befällt "ein flaues Gefühl", wenn er an Kärnten denkt. "Brav verwaltet, visionslos", meint er. Unter Haider habe Kärnten die Illusion vermittelt bekommen, es sei der "Nabel der Welt" mit allem Drum und Dran: "Gigantomanie, Fehlplanungen und mutmaßlicher Korruption." Doch war zumindest ein Wollen da, sagt Mölzer. Haiders Event-Kultur habe gut zur landesüblichen Aufgedrehtheit gepasst. Schon der braune Jetset habe sich in der Nazi-Zeit am Wörthersee vergnügt. Dass die Familien Porsche und Piëch bis zum heutigen Tag hier residierten, sei kein Zufall. - "Die schöne Segel-Yacht, die Adolf Hitler dem Ferdinand Porsche geschenkt hat, ist erst vor drei Jahren abgebrannt", erzählt Mölzer.

RECHTSTIDEOLOGE ANDREAS MÖLZER: "Im Tunnel musst du aufpassen."

RECHTSTIDEOLOGE ANDREAS MÖLZER: "Im Tunnel musst du aufpassen."

Der rechte Ideologe sieht Kärnten als Sonderfall: immer Provinz, von außen regiert, jetzt auch betroffen von Migrationsströmen. Es gebe Interessen, Europa zu verändern, sagt Mölzer kryptisch. Vor drei Jahren endete seine Karriere als EU-Parlamentarier abrupt, nachdem bekannt geworden war, dass er in einem Vortrag die Bevölkerung der Europäischen Union als "Negerkonglomerat" bezeichnet hatte. Heute sagt er: "Wenn man ins Kanaltal fährt, sieht man rudelweise Schwarzafrikaner, die zu Fuß heraufkommen. Im Tunnel musst du aufpassen."

In der FPÖ ist Mölzer wohlgelitten, in Kärnten ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft.

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Für die Schriftstellerin Lydia Mischkulnig ist Kärnten eine prekäre Angelegenheit, geflutet mit Melancholie. Sie ist gern im Haus ihrer Eltern in Velden, doch lang hält sie es dort nicht aus. Sie schreibt lieber an Orten, die flüchtig und anonym sind. Im Einkaufszentrum am Stadtrand von Villach zum Beispiel: "Es war gedroschen voll. Eine Ansammlung von Kulinarik: Käse aus einem Tal, Speck aus einem anderen, gefüllte Nudeln, Kasnudeln, Fleischnudeln, Kletzennudeln, bis zur Original-Cremeschnitte aus Bled und Parmigiani - das alles unter dem großen Titel , Consumare senza confini'." Kehliges Lachen, leicht verzweifelt. Mischkulnig sieht Kärnten als ein heterotopes Gebilde, weil die Dinge immer an der falschen Stelle auftreten. "Ich weiß nicht, was weh tut, aber es tut etwas weh, wenn ich nach Kärnten komme", sagt sie: "Es hat wohl mit der Geschichte meiner Eltern zu tun. Als Volksschullehrer waren sie ihrer Herkunft enthoben. Ich war das einzige Kind in der ersten Klasse Volksschule, das noch slowenischen Unterricht gekriegt hat."

SCHRIFTSTELLERIN LYDIA MISCHKULNIG: "Eine unheimliche Bindung - von mir zu dieser Gegend".

SCHRIFTSTELLERIN LYDIA MISCHKULNIG: "Eine unheimliche Bindung - von mir zu dieser Gegend".

Sie habe "mit allem hier brechen müssen. Das bedeutet, große Verluste hinzunehmen. Schriftstellerin zu werden, auf Deutsch zu schreiben, daran habe ich lange nicht geglaubt. Das hat etwas zu tun mit einer Unsicherheit - ein subkutanes Erbe."

Jetzt sei sie in Wien zu Hause, sagt Mischkulnig: "Das macht mir Schuldgefühle. Wenn ich durch diese Gegend fahre, in der die ganze Verwandtschaft hauste und wo auf den Friedhöfen unterirdisch alles zusammenfließt zu irgendeinem Styx und die Erinnerung daran einsetzt, wie man einmal gewesen war und was aus einem auch hätte werden können, löst das eine unheimliche Bindung aus - von mir zu dieser Gegend."

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Als Fremdlinge könnten Elisabeth und Wilfried Prantner hier gesehen werden, in den Bergen oberhalb des Wörthersees. Ein Künstlerpaar, das seit Mitte der 1980er-Jahre in Berlin lebt und arbeitet. Doch wenn die Nachbarin kommt, gibt es eine innige Umarmung, und wenn die beiden im Wirtshaus hören, dass man einen "kleinen Hitler" herbeiwünscht, laufen sie nicht gleich wutentbrannt aus der Stube. Seit Elisabeth von ihrer Mutter ein uraltes Bauernhäuschen geerbt hat, verbringen sie die Sommer hier. Beide stammen aus Kärnten, Wilfried aus dem Drautal, Elisabeth ist in Klagenfurt aufgewachsen. Die Modedesignerin und ihr Mann, ein Übersetzer, haben sich in der Kunstwelt durch kritische Performances einen Namen gemacht, zuletzt den Verein "Bis es mir vom Leibe fällt" ins Leben gerufen, eine Intervention gegen die Wegwerfmentalität.

In Kärnten wird den Prantners bewusst, wie arm ihre Vorfahren gewesen waren - mit vielen unehelichen Kindern in der Familie, weil Mägde und Knechte kein Geld zum Heiraten hatten - und wie sehr die Ablehnung alles Slowenischen mit Aufstiegswillen und Anpassung zu tun hatte.

"Wir sind irgendwie versöhnt mit Kärnten, aber damit setzt auch das Konservative ein, das plötzliche Einverstanden-Sein", sagt Elisabeth. Wilfried protestiert.

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Franc Kucovica, 83, war früher einmal ein Sozialdemokrat. In einem Flugblatt, das demnächst an die Haushalte in der Gemeinde Sittersdorf/Žitara vas gehen wird, sagt er: "Ich empfinde ein Gefühl der Pflicht zum Widerstand." Und das hat seine Gründe. Als Kind war Kucovica an der Hand seines Vaters zu geheimen Treffen der Partisanen mitgenommen worden. So war es unauffälliger. Nach dem Krieg erfuhr Kucovica, was mit den vertriebenen Kärntner Slowenen geschehen war: Viele waren in Lagern ermordet und zu Tode geschunden worden, etwa die Mutter des berühmten Kärntner Dichters und Schriftstellers Florjan Lipuš, die in Ravensbrück starb. Lipuš und Kucovica sind Nachbarn. Beide haben viele Jahre als Volksschullehrer gearbeitet und sich dabei aufgerieben, das Slowenische am Leben zu halten.

Florjan LipuŠ ist 80 Jahre alt. Er schreibt in slowenischer Sprache. Vor einem Jahr verwehrte man ihm deshalb den Staatspreis für österreichische Literatur. Der Protest von Peter Handke änderte nichts daran.

"Die Kärntner sind schon ein seltsames Völkchen"

Auch im Dorf ist man unerbittlich. Im Ortsteil Sielach, wo Kucovica und Lipus leben, gibt es keine zweisprachige Ortstafel. Die Mehrheit der Haushalte wäre dafür. Doch der Bürgermeister und Landtagsabgeordnete Jakob Strauß, ein Sozialdemokrat, sagt: "Wir wollen keine neue Debatte. Heute ist es Sielach, morgen ein anderer Ort."

Vergangenen Donnerstag las LipuŠ im Wiener Museums-Quartier aus seiner neuen Erzählung "Seelenruhig" (Verlag Jung und Jung) - auf Deutsch. Er tut das selten. Er würde sich freuen über eine zweisprachige Ortstafel in dem Ort, in dem er seit Jahrzehnten lebt. "Die Kärntner sind schon ein seltsames Völkchen", sagt er resigniert.

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1986 riefen Gerhard Pilgram und Emil Krištof die Kulturund Kunstinitiative "Unikum" ins Leben. Sie galten als Nestbeschmutzer. "Unsere Rolle bestand auch darin, stellvertretend für andere das Wort zu erheben", sagt Pilgram.

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Seit die Sozialdemokratin Melitta Trunk aus dem Nationalrat ausschied, hat der Schuldienst sie wieder. Sie beobachtet eine gewisse Entspannung, doch das notwendige Krisenmanagement lasse kaum Energien frei für neue Anstrengungen. Was besser wurde?"Es nützt dir nichts mehr, wenn du jemanden aus der Blase kennst."

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Der ehemalige ORF-Auslandsredakteur Eugen Freund ist weit gereist. Seit drei Jahren sitzt er für die SPÖ im EU-Parlament. In St. Kanzian am Klopeinersee fühlt er sich am ehesten daheim. "Weil es nie einen Bruch gab." Freund kennt hier so gut wie jede Familie. Sein Vater war der Arzt im Dorf, seine Mutter betrieb eine Galerie.

Entscheidend für seine Entwicklung sei der Ortstafelsturm im Jahr 1972 gewesen. Jenes berühmte Foto, das zeigt, wie eine zweisprachige Ortstafel aus dem Fundament gerissen wird, stammte aus St. Kanzian. "Eine schreckliche Zeit", erinnert sich Freund: "Mein Nachbar, der mich immer zum Bahnhof mitgenommen hatte, sagte: ,Wenn's wieder einen Hitler gibt, du bist der Erste, der drankommt.'"

Freund spricht nicht slowenisch, doch ein Satz hat sich ihm fürs Leben eingeprägt: "Trikat na dan."(Dreimal täglich.) So hatte sich sein Vater mit Patienten verständigt, die kein Deutsch sprachen, und das waren in St. Kanzian viele.

Bis heute gibt es dort keine zweisprachige Ortstafel. Generationen von SPÖ-Bürgermeistern wussten dies zu verhindern. Freund: "Da ist vieles ist falsch gelaufen. Mehrsprachigkeit wäre heute ein Asset."