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Heimunterricht: Stress, lass nach
04/07/2020

Heimunterricht in der Corona-Krise: Stress, lass nach

Der Heimunterricht ist aus dem Ruder gelaufen. Die ersten Eltern geben auf. Wäre Corona nicht Lernstoff genug fürs Leben, fragt sich Clemens Neuhold.

von Clemens Neuhold

Es gibt die Privilegierten ("Ich bin momentan freigestellt, sonst würde ich durchdrehen"), die Wütenden ("Aufgabe an die Zwölfjährige: Gleichung umformen mit Wurzelziehen. Das hat sie noch gar nicht gelernt!"), die Überforderten ("Wir werden auf fünf verschiedenen Kanälen bespielt"). Und es gibt Eltern, die nach kurzer Zeit resigniert haben: "Lehrer überschwemmen Kinder mit Aufgaben. Eine Masse, die im normalen Unterricht nicht möglich wäre, aber kaum Feedback. Ständig neuer Stoff, Abgabefristen in den Osterferien. Stoppt den Versuch! Wir sind nicht die Ersatzlehrer." Oder kürzer: "Habe aufgegeben. Unschaffbar." Soweit ein Auszug aus Leser-Reaktionen zum Thema Heimunterricht.

Während das Land bis auf die systemerhaltenden Maßnahmen runtergefahren wurde, um die Corona-Krise einzudämmen, ist in vielen Wohnzimmern die große Hektik ausgebrochen, bis hin zur Burnout-Stimmung, scheint es.

So cool und fortschrittlich sich E-Learning, Homeschooling oder Distance Education ausnehmen, so frenetisch in der Startphase für diese und jene digitale Lernplattform geworben wurde: Eine Wohnzimmerschule aus dem Boden zu stampfen und zu managen, kostet die Eltern neben dem Extrastrom vor allem eines: Nerven. Fragt sich: Warum der ganze Stress? Was ist hier aus dem Ruder gelaufen?

Keine Stopp-Taste

Es gab keine Eingewöhnungsphase. Als die Schulschließung ruchbar wurde, hat niemand im Bildungsministerium und in den Bildungsdirektionen der Länder die Stopp-Taste gedrückt, um zu signalisieren: Atmet durch, richtet euch ein als Familie in der neuen Corona-Welt, redet über das Virus, die Existenz, das Leben, schaut Nachrichten, lest Zeitungen oder spielt einfach Spiele! Und wenn auf eurem ganz persönlichen Familienlehrplan wieder klassische Fächer angesagt sind, legen wir los. Ohne Druck. So locker oder intensiv, wie es für euch passt. Benotet wird nur, was bisher geschah. Bis dahin setzen wir ein technisch übersichtliches System und einen realistischen Fahrplan fürs außerordentliche "Corona-Semester" auf.

Schule des Lebens klingt pathetisch, aber welch spannenderen und wichtigeren Lernstoff gibt es derzeit als Corona mit all seinen epochalen Auswirkungen auf die kleine und große Welt? Wer Corona-News verfolgte und mit seinen Eltern reflektierte, bekam Bildung frei Haus. Von Mathematik (exponentieller Verlauf der Krankheitsfälle), über Biologie (Virenkunde), Chemie (Reagenzien für Corona-Tests), Soziologie ("social distancing"), Wirtschaft (Rezession) bis zu Geschichte (Spanische Grippe).

Es ist absurd, wenn Eltern zwischen Homeoffice und Homeschooling derart aufgerieben werden, dass sie ihre Kinder nicht gebührend im größten Ausnahmezustand seit 1945 begleiten können. Corona? Keine Zeit, muss Gleichungen umformen.

In dieser unklaren Erwartungshaltung ist es für viele Eltern keine Option, sich selbst eine Corona-Pause zu gönnen.

Doch statt der Stopp-Taste wurde für die Eltern der Turbo gezündet, weil das Schuljahr ohne wirkliche Zäsur weiterlief - statt im Klassenzimmer eben im Kinder- oder Wohnzimmer. Schulen und Lehrer legten ohne digitalen Masterplan, der noch in der politischen Schublade liegt, munter los. Bei den Kindern und in der Praxis den Eltern trudelten Aufgaben via Moodle, LMS, unzähligen anderen Lernplattformen, via E-Mail und WhatsApp oder ganz analog als Zettelmappen ein. Vielfach parallel. Den Eltern wurde einerseits vermittelt: Übernehmt euch nicht. Und gleichzeitig signalisiert: Das sind keine Ferien. Die Aufgaben werden zwar nicht benotet, sind aber Teil der Mitarbeit. Und die fließt in die Gesamtnote ein.

In dieser unklaren Erwartungshaltung ist es für viele Eltern keine Option, sich selbst eine Corona-Pause zu gönnen. Denn die Angst, das eigene Kind zu wenig zu fördern, ist ständiger Begleiter in einem Schulsystem, das auf den Einsatz der Eltern mitabstellt. "In Hinblick auf die Wirtschaftsdepression nach der Krise hab ich voll das schlechte Gewissen, dass wir beide Vollzeit arbeiten und uns zu wenig um die schulische Entwicklung des Kleinen kümmern können", erzählt eine Forscherin.

Den Lehrern den Schwarzen Peter für den Fehlstart ins Corona -Schulsemester zuzuschieben, wäre zu kurz gegriffen. Wer Druck spürt, gibt ihn weiter. "Die meisten von uns haben Angst, zu wenig zu machen, weil wir unsere Vorgaben von oben haben, weil wir alles genau dokumentieren müssen, und weil es in der Öffentlichkeit sonst wieder heißt: Die Lehrer hackeln nix", schildert eine Lehrerin eines Wiener Gymnasiums nächtelange Kopierorgien und das ehrliche Bemühen, die Kinder bestmöglich zu betreuen. Eltern erzählen sehr wohl begeistert von Lehrern, die Kinder beim Video-Meeting motivieren. Von Kindern, die in ihre Apps reinkippen. Andere klagen weniger begeistert von Lehrern, die eine Latte an Aufgaben durchmailen und dann für Tage und Wochen abtauchen.

Kinder, Lehrer und Eltern springen höchst unterschiedlich stark auf den Technik-Zug des E-Learnings auf. Und manche sehen den Zug zum ersten Mal.

Chaos per E-Mail

Ein Lehrer einer Neuen Mittelschule in Favoriten (er will anonym bleiben) hatte seinen zwölf-bis 13-jährigen Kindern zwar einen Leitfaden geschickt, wie man E-Mails versendet, dennoch haben nur 20 Prozent geantwortet. Und dann musste er feststellen, dass die Smartphone-Generation nicht automatisch auch E-Mails versenden kann. So landeten Aufgaben als Ganzes in der Betreffzeile oder wurden - Chaos pur - kurzerhand abfotografiert und per WhatsApp retourniert. Im Unterschied zu anderen Brennpunktschulen sind seine Schüler privilegiert, weil sie mittlerweile mit Tablets ausgestattet wurden.

Doch den fehlenden Einsatz der Eltern im Heimunterricht kann die Schule nicht kompensieren. So vergrößert die "Privatisierung" der Bildung in Zeiten von Heimunterricht die Kluft zwischen den sozialen Schichten massiv.

Während auf der einen Seite des sozialen Spektrums Klassen auf geteilten Bildschirmen mit dem Lehrer skypen, wird in Schulen für sozial Schwächere ein Ablagesystem für Übungsblätter vor Ort eingerichtet. Ohne den nötigen Druck im Klassenzimmer ist das Schuljahr an diesem Ende des sozialen Spektrums vielfach gelaufen, macht sich so mancher Lehrer keine Illusionen. Am Ende werden an Brennpunktschulen mehr Schüler in die nächste Schulstufe aufsteigen dürfen, die zwischen vier und fünf standen, als in regulären Jahren.

Die Corona-Krise zeitigt derart viele soziale Verwerfungen - die weiter wachsende Kluft bei den Jüngsten könnte als Kollateralschaden hingenommen werden. Man könnte aber auch bewusst die Gegenrichtung einschlagen.

Zu 20 Prozent kein Kontakt

Derzeit werden Schulpsychologen losgeschickt, um Kinder aufzuspüren, zu denen seit dem Schul-Schluss noch immer kein Kontakt besteht. Laut einer Erhebung von "Teach for Austria" waren das in der vergangenen Woche 20 Prozent.

Warum werden diese und andere besonders lernschwache Schüler nicht vorzeitig zurück in die Schule beordert und gezielt in den Hauptfächern Deutsch, Rechnen, Grüßen, Konzentrieren beschult? Unter penibler Wahrung des Abstandsgebots, wohlgemerkt. Und ist es völlig undenkbar, mit dem Sonderunterricht im Juli fortzufahren?

Die soziale Kluft könnte sich ein Stück weit schließen, wenn die fitteren Schüler bis zu den Sommerferien weiter daheim lernten, und zwar nur jenen Stoff, den sie ohne Hilfe der Eltern bewältigen können. Das Bildungssystem würde als Nebenprodukt einen ehrlichen Blick darauf gewinnen, was im Zusammenspiel zwischen Lehrern und Schülern tatsächlich erlernbar ist - ohne Eltern -, und was nicht.

Dem Bildungsminister ist das Brodeln in den Wohnzimmerklassen nicht entgangen. "Die Corona-Krise ist nicht die Zeit, schulischen Leistungsdruck zu Hause zu entfalten", stieg er am vergangenen Dienstag auf die Bremse. Gleichzeitig kündigte er jedoch an, er wolle die Entscheidung, ob auch neuer Stoff begonnen wird, der Autonomie der Schulen überlassen.

Somit ist wohl der nächste Turbo gezündet. Denn welche Schule will riskieren, beim nächsten Leistungsvergleich schlechter abzuschneiden? So mancher Schulleiter stellt seine Lehrer schon jetzt auf Homeschooling bis Sommer ein. Bleibt den Eltern zu wünschen, dass sie sich mittlerweile gut eingerichtet haben im Wohnklassenzimmer und ihre Kinder virtuos zwischen den Lernplattformen herumspringen. Damit noch genügend Luft für die Krise bleibt.