Recht extrem: So provozieren die Identitären

UNVERDÄCHTIG: Optisch gibt sich Martin Sellner, Chef der österreichischen Identitären, hip. Seine Ideologie kaschiert er.

UNVERDÄCHTIG: Optisch gibt sich Martin Sellner, Chef der österreichischen Identitären, hip. Seine Ideologie kaschiert er.

Martin Sellner ist Wortführer der rechtsextremen Identitären. Mit gezielten Provokationen drängt er sich in den Diskurs. Nun will er ein Boot chartern, um Hilfsaktionen im Mittelmeer zu stören. Ist der Mann noch zu retten?

Der Mann wähnt sich im Krieg. Martin Sellner, 28, die schwarzen Haare zur Seite gebürstet, ist Anführer der als rechtsextrem eingestuften Identitären Bewegung. Er lehnt vergangenen Donnerstagnachmittag an einer Säule des Theseustempels im Wiener Volksgarten. Sellner trägt kurze Hose und ein gelbes T-Shirt mit dem Aufdruck "Reconquista". Wie zum Beleg seiner Radikalität ist der Schriftzug mit einem Regiment an Speerkämpfern umstellt. Nicht zufällig spielt der Jus-und Philosophiestudent auf die Rückeroberung Iberiens durch christliche Heere gegen die muslimischen Mauren im Mittelalter an. Mit dieser Analogie möchte Sellner seine Islamfeindlichkeit historisch legitimieren: "Europa wird heute nicht militärisch angegriffen. Unsere Verteidigung ist ein Infokrieg", sagt er und redet sich immer mehr in Rage.

Er schimpft über "Meinungsterror", "Globalisten" und "Multikulti". All seine Argumentationsstränge führen stets zu derselben Verschwörungstheorie: dem "großen Austausch" der "autochthonen Bevölkerung" durch Zuwanderung. Den Begriff hat er sich vom französischen Schriftsteller Renaud Camus abgeschaut, der als Vordenker des Front National gilt.

Sellners Agenda: Mit geschliffener Rhetorik und unverdächtigem Erscheinungsbild versucht er seit Jahren, rechtsextremes Gedankengut salonfähig zu machen. Er ist einer jener Männer, der die französische Rechtsaußen-Jugendbewegung Génération Identitaire als Identitäre Bewegung 2012 nach Österreich importierte. Auch wenn die Bewegung nur ein Grüppchen von maximal 100 bis 200 Aktivisten geblieben ist - über seinen You-Tube-Kanal erreicht Sellner mit seinen Botschaften inzwischen Tausende Jugendliche im deutschsprachigen Raum. Er hat sich ein Netzwerk gesponnen, das von deutschnationalen Burschenschaften über die deutsche AfD bis zu neurechten Verlagen reicht. Schon feilt Sellner an der nächsten Provokation: einem hochseetauglichen Boot im Mittelmeer, mit dem er Hilfsaktionen der NGOs stören will. Gut 15.000 Euro haben er und seine Mitstreiter über ein Fundraising-Portal bereits lukriert. Bei 30.000 Euro soll der Anker gelichtet werden. Was genau die rechten Aktivisten auf hoher See vorhaben, verrät Sellner nicht. Es geht wohl um mediale Aufmerksamkeit und heroische Posen.

Mit ihrem schwarz-gelben Erscheinungsbild inszenieren sich die Identitären als nationalistische Pfadfindertruppe: heimatverbundenes Wandern, gemeinsames Kochen österreichischer Traditionsgerichte und Kampfsport. "Wir treten in eine Zeit ein, in der Worte durch Taten bekräftigt werden müssen", steht auf Shirts, die identitäre Aktivisten bei Seminaren im Wald tragen. Zulauf erhalten sie aus deutschnationalen Burschenschaften.

"Europäische Ureinwohner"

Ideologisch vollziehen die Identitären einen formalen Bruch mit Nationalsozialismus und völkischem Rassismus - und ersetzen ihn durch "Ethnopluralismus", dem Nebeneinander der Völker. Die Identitären fühlen sich als "europäische Ureinwohner". Ihr Ideal sehen sie in einem ethnisch über Generationen homogenen Volk - womit Zuwanderung zur Umvolkung umgedeutet wird. Wobei es letztlich immer auf die Abgrenzung gegenüber Muslimen hinausläuft, die von Identitären pauschal als Islamisten gesehen werden. Sie fordern unverblümt: Grenzen dicht und Migranten ausweisen. Bernhard Weidinger vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes analysiert das so: "Der Bezugsraum Abendland ermöglicht, das Volk nicht so zentral zu setzen, was die internationale Zusammenarbeit rechtsextremer Gruppen erleichtert." Der Verfassungsschutz, der die Gruppierung schon länger überwacht, urteilt im vor zwei Wochen veröffentlichten Bericht: "Alter rechtsextremer Wein in neuen Schläuchen."

Früher pilgerte Sellner zum Grab von NS-Jagdflieger Walter Nowotny in Wien, der unter Neonazis Heldenstatus genießt. Inzwischen ist Sellner historisch ein paar hundert Jahre zurückgewandert und verehrt weniger verdächtige Charaktere: Prinz Eugen, von dem ein Poster in Sellners Wohnung hängt - als Referenz auf die Türkenkriege.

Sellners Vita könnte einschlägiger nicht sein: Schon in frühen Jugendjahren dockte er am äußersten rechten Rand an. Sellner war einer der Jünger von Holocaustleugner Gottfried Küssel. "Ich war der einzige FPÖ-Wähler an der Schule", sagt Sellner, der in Baden bei Wien als Sohn eines Arztes und einer Englisch-Lehrerin aufwuchs. Im bürgerlich-konservativen Familienumfeld sei das eine Art Rebellion gegen die Eltern gewesen. Politisch sozialisiert habe er sich durch Rechtsrockbands, bei Treffen mit rechten Kadern in den Wiener Kellern des nationalen Widerstands vertiefte er seinen Nationalismus. Nach der Inhaftierung Küssels suchten die Hinterbliebenen nach neuen Betätigungsfeldern. An der Uni startete Sellner einen nationalen Lesekreis, der schließlich in die Gründung der Identitären mündete.

Aus dieser Zeit stammt sein Faible für den deutschen Schriftsteller Ernst Jünger, dessen Verhältnis zum Nationalsozialismus umstritten ist. Überhaupt spielt Sellner gern mit Doppeldeutigkeit: Neofolk-Bands wie die britische Truppe "Death In June" haben eine Schwäche für Wehrmachtsuniformen, Sellner ist bekennender Fan. Als er vergangene Woche in einem Park in Prag trainierte, lud er ein Video davon auf das Netzwerk Instagram - es zeigt, wie er seinen gestreckten rechten Arm über den geduckten Oberkörper renkt. "Nur nicht zu viel provozieren. Harmloses Yoga", kommentiert er den Clip.

Vollzeitaktivist

Sellner ist Vollzeitaktivist: Das Studium liegt auf Eis, Sellner investiert seine gesamte Zeit für die Identitären. Finanziert wird er von derzeit 58 Sympathisanten, die ihm über ein Online-Spendenportal monatlich 414 Dollar überweisen. Das deckt den Gutteil der Miete, der Rest kommt über den rechten Versandhandel "Phalanx" (eine weitere kriegerische Anspielung) herein, mit dem Sellner einschlägige T-Shirts, Sticker und Buttons vertreibt.

In seinen Videos fabuliert Sellner vom "ethnologischen Wählen" - wenn erst einmal die Mehrheit der Bevölkerung Migrationshintergrund habe, sei es zu spät. Allein: Sellners Alarmismus sei in sich nicht ganz schlüssig, wie der deutsche Ethnologe Jens Schneider ausführt, der an der Universität Osnabrück als wissenschaftlicher Mitarbeiter forscht. "Die können sich nicht vorstellen, dass jemand mit türkischem Namen ein deutscher Patriot sein kann." Für Schneider ist angesichts steter Völkerwanderungen nicht klar, auf welchen Zeitpunkt der genetische Pool der Deutschen zurückgehen soll: "Das ist äußerst unterhaltsam und im Grund total ahistorisch." Der statische Identitätsbegriff der Identitäten sei untauglich, meint Schneider: "Im Kindergarten meiner Tochter bin ich Vater, an der Uni Vortragender und so weiter. Der Trick ist, dass wir ein Identitätsgefüge haben. Wenn ich eine Identität überhöhe, zum Beispiel das Deutschsein, dann wird das dysfunktional. Ich kann mit der Kopftuchträgerin neben mir mehr gemeinsam haben als mit dem deutschen Mann gegenüber: Vielleicht ist sie auch Mutter, Hamburgerin und in derselben Generation wie ich. Genau das will der nationalkonservative Diskurs nicht akzeptieren."

Dazu kommt, dass die Zuwanderergruppen selbst inhomogen sind, weshalb sogenannte "Mehrheitlich-Minderheiten-Städte" global im Kommen sind - in denen die Minderheiten zusammen die Mehrheit ausmachen. Das ist etwa in New York oder Amsterdam längst der Fall.

Der Theseustempel im Volksgarten, vor dem Sellner für Fotos posiert, war für ihn und die Seinen in den vergangenen Jahren öfter Treffpunkt, bevor die rechte Gruppierung loszog, um eine ihrer Aktionen zu inszenieren: die Dachbesteigung des nahegelegenen Wiener Burgtheaters, im identitären PR-Sprech als "Besetzung" gefeiert; oder die Stürmung des Jelinek-Theaterstücks "Die Schutzbefohlenen", aufgeführt von jungen Flüchtlingen, bei denen die rechten Aktivisten mit Kunstblut um sich spritzten.

Sellner liebt es, wenn seine Provokationen fruchten - von denen er professionelle Videos und Fotos ins Netz stellt. "Das Bild ist das Wichtigste", sagt er. "Die Schlagzeile ist realer als die Aktion. Das hat Greenpeace schon lange verstanden - und wir jetzt auch." Medien gehen ihm dabei überraschend oft auf den Leim.

Besetzungen, knallige Transparente und unangekündigte Störaktionen - derlei Protestästhetik stammt eigentlich aus dem linken Spektrum, die Indentitären kopieren sie gezielt. Auch bei linken Denkern wie dem italienischen Kommunisten Antonio Gramsci nehmen sie Anleihe.

Inzwischen ist der Hype um die Identitären abgeflaut. Ihren gesteigerten Bekanntheitsgrad versuchen sie in der Fläche für die Mitgliederrekrutierung zu nutzen. profil besucht vergangenen Dienstag den Stammtisch im oberösterreichischen Attnang-Puchheim. Nur drei Interessierte , darunter eine Frau jenseits der 60, sind zum Vortrag gekommen. Die Presse sei nicht erwünscht, sagt der identitäre Vortragende in der alten Gaststätte "Zum Italiener" und knallt die Tür zum Separee zu.

Im jüngsten Blogeintrag warnt Sellner seine Mitstreiter: Sie mögen nur ja keine gewalttätigen Dummheiten anstellen - selbst wenn "die Langeweile der Strukturarbeit den Idealismus als Radikalität nach außen" treibe.

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