Ingrid Brodnig: Demokratie - Gefällt mir?

Ingrid Brodnig: Demokratie - Gefällt mir?

Wir müssen reden: Über den Einfluss, den Facebook auf die Politik ausübt, und wie diese mächtige Plattform sogar Wahlen beeinflussen könnte.

Im ersten Moment mag diese Frage ziemlich verrückt klingen: Könnte Facebook verhindern, dass ein Rechtspopulist wie Norbert Hofer Bundespräsident wird? Ganz so absurd ist dieser Gedanke bei näherer Betrachtung aber gar nicht.

Keine Zeitung, kein Fernsehsender, keine Radiostation auf dieser Erde hat so viel politischen Einfluss wie die Website von Mark Zuckerberg. Und wir wissen viel zu wenig, wie der kalifornische Konzern mit dieser Macht umgeht. Erst diese Woche wurden Vorwürfe bekannt, laut denen Bedienstete des Unternehmens routinemäßig konservative Nachrichten in den USA unterdrückt haben sollen – diese schienen dann in den „Trending Topics“ des sozialen Mediums nicht auf. In dieser Rubrik (die es in Österreich noch nicht gibt) werden Themen angezeigt, über die gerade auf Facebook heiß debattiert wird. Laut dem Onlinemedium „Gizmodo“ findet dabei auch eine inhaltliche Selektion durch Mitarbeiter statt. Konservative Nachrichten seien oftmals nicht angezeigt worden – auch wenn sie für viele Diskussionen sorgen und dementsprechend die Einstufung als „Trending Topic“ verdient hätten. Überdies sollen auch Nachrichten über Facebook selbst nur mit allergrößter Vorsicht in der Auswahl gelandet sein – was zur Kritik führt, dass die Plattform womöglich auch negative News über sich unterdrückt. Selbst der US-Senat will sich das jetzt näher ansehen.

Vorweg: Facebook dementiert jeden einzelnen dieser Vorwürfe. Tom Stocky, einer der höchsten Manager des Unternehmens, erklärte, man habe keinerlei Beweise gefunden, dass diese anonymen Behauptungen richtig seien. Die Meldung sorgt trotzdem für Furore, weil Facebook ja kein klassisches Medium ist: Es besitzt keine Blattlinie, hat keine redaktionelle Linie, die den Nutzern bekannt ist. Die Site behauptet, eine neutrale Plattform zu sein – keine Redaktion, sondern ein Technologiebetrieb. Mark Zuckerberg hat von Politikern wie Alexander Van der Bellen oder Norbert Hofer wahrscheinlich nie gehört, seine Plattform beeinflusst aber, was Millionen Österreicher über heimische Wahlen wissen. Und genau genommen haben Zuckerbergs eigene Mitarbeiter die ganze Debatte erst angestoßen.

Die Diskussion ging vor zwei Monaten los. Angestellte des Konzerns wollten von ihrem Chef in einer internen Fragerunde wissen: Hat Facebook eine Verantwortung, Donald Trump als Präsident der Vereinigten Staaten zu verhindern? Ob Zuckerberg auf die Frage geantwortet hat und was er in diesem Fall sagte, ist nicht bekannt. Sehr wohl aber irritierte es die amerikanische Öffentlichkeit, dass Mitarbeiter des Konzerns mit dem Gedanken spielen, das mächtige Tool namens Facebook gegen einzelne politische Kandidaten einzusetzen.


Selbst Populisten wie Donald Trump oder Norbert Hofer haben Fairness von Facebook verdient.

Es ist natürlich nicht in Ordnung, sollte Facebook bei Wahlen eine Seite ergreifen und einzelne Kandidaten fördern und andere behindern – vor allem, wenn dies nicht offengelegt wird. Selbst Populisten wie Donald Trump oder Norbert Hofer haben Fairness verdient. Es wäre nicht gerecht, würde Facebook etwa alle positiven Meldungen über diese Politiker ausblenden. Wohlgemerkt: Für ein solches Vorgehen gibt es hierzulande keinerlei Indizien. Ganz im Gegenteil – gerade die FPÖ ist äußerst stark auf Facebook.

Facebooks Macht sollte man trotzdem nicht unterschätzen: Auf die Frage, ob sie soziale Medien in der vergangenen Woche als Nachrichtenquelle genutzt haben, antworten 38 Prozent der Österreicher mit Ja. Dies fand der „Digital News Report“ der Universität Oxford heraus. Jeden Tag rufen 2,5 Millionen Menschen Österreicher das soziale Netzwerk auf, sagt das Unternehmen selbst. So viele Leser hat nicht einmal die „Kronen Zeitung“.

Eine solche Reichweite birgt ein Missbrauchspotenzial in sich. Selbst subtile Methoden könnten den Wahlausgang beeinflussen: In den USA gibt es beispielsweise ein Feature, das Bürger zum Urnengang bewegen soll. Nutzer können am Stichtag auf den „I Voted“-Knopf klicken. Die eigenen Facebook-Freunde bekommen dann die Information eingeblendet, dass man die Stimme abgegeben hat. Laut Forschern der University of California erhöht das die Wahlbeteiligung um 0,39 Prozent. Das klingt nach irrsinnig wenig – doch man bedenke nur: Was wäre, wenn Facebook nur linke Bürger zum Wählen aufruft und die Rechten nicht? Oder umgekehrt? Bei knappen Wahlen können – sowohl in den USA als auch in Österreich – Zehntelprozentpunkte entscheiden, wer Präsident wird.

Kann Facebook also Wahlen beeinflussen? Höchstwahrscheinlich ja. Tut es das? Wir wissen es nicht. Das Unternehmen bestreitet die anonymen Vorwürfe vehement. Doch Facebook ist dermaßen bedeutend für die digitale Debatte geworden, dass Dementis hier nicht genügen. Der Konzern soll klarer offenlegen, nach welchen Kriterien er politische Nachrichten für Nutzer einblendet oder gar ausblendet.

Das Ganze ist fast schon ironisch: Ausgerechnet jenes Unternehmen, dass das Leben von mehr als einer Milliarde Nutzern weltweit transparenter machte, muss hier deutlich transparenter werden. Und notfalls ist eine Politik notwendig, die diese Transparenz einfordert.

ingrid.brodnig@profil.at
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