Nach Hypo-Bericht: Irmgard Griss wird als Hofburg-Kandidatin gehandelt

Lichtgestalt: Irmgard Griss

Lichtgestalt: Irmgard Griss

Nach ihrem unerschrockenen Hypo-Bericht wird Irmgard Griss als Top-Kandidatin für die Hofburg gehandelt. Was sie selbst will, ist noch unklar.

Viel wird man der politischen Klasse nicht mehr verzeihen - schon gar nicht den Fall, einen "normalen“, angepassten Politprofi zum Bundespräsidenten zu küren. Das Volk sehnt sich nach einem Moralisten außerhalb der parteipolitischen Sphäre, einem "feinen Menschen“ an der Spitze, an eine Person größtmöglicher Redlichkeit. Zumindest muss man das annehmen, wenn man sieht, welche Verehrung der ehemaligen Höchstrichterin Irmgard Griss in diesen Tagen und Wochen entgegengebracht wird. Man dreht sich um nach ihr. Es wird geflüstert. Ihr Gesicht ist noch nicht allgemein bekannt. Im Kaffeehaus nähert man sich schüchtern und dankt überschwänglich.

Lichtgestalt-Therapie

Ein paar Fernsehauftritte rund um die Veröffentlichung des Hypo-Berichts haben schlagartig die Aufmerksamkeit auf sie gelenkt. Denn in diesem Bericht stellt die Griss-Kommission, wie sie genannt wird, untergründig die politische Kultur des Landes an den Pranger: die Torheit der Regierenden, die ihre Energie auf Image und Wirkung und nicht auf die Sache verwenden, die Abhängigkeit von Beamten, die Verpflichtung durch Seilschaften, die Ignoranz, den Gehorsam und die Angst, eine Meinung gegen die Mehrheit oder überhaupt irgendeine Meinung argumentieren und verfechten zu müssen.

Ein dreiviertel Jahr lang, nahezu täglich, war Irmgard Griss in einem Zimmer im obersten Stockwerk des Finanzministeriums oder daheim über dem Bericht gesessen, mit einem unabhängigen Internet-Zugang ausgestattet, unterstützt von bezahlten Experten, die allesamt aus dem Ausland kamen. Sie selbst arbeitete ehrenamtlich. (Griss bezieht eine Beamtenpension.) Bedenkt man den ungeheuren zeitlichen Einsatz, hat es so etwas noch nie zuvor gegeben.

"Diese Arbeit war aus meiner Sicht nur unentgeltlich möglich - auch um jederzeit alles hinzuwerfen zu können. Ein Riesenglück war auch die Zusammensetzung der Kommission: dass es Ausländer waren, die keine Rücksicht nahmen auf österreichische Befindlichkeiten“, sagt Griss.

Ein G’riss um Griss

Griss ist derzeit sehr gefragt. Sie wird in Salons und informelle Runden eingeladen, in erzkonservative wie in linke. Sie gehört nirgendwo dazu. Und doch herrscht geradezu ein G’riss um Griss.

Beim Kamingespräch im Kreisky-Forum vergangene Woche waren höhere Beamte verschiedener Ministerien anwesend, ehemalige Kreisky-Sekretäre, Intellektuelle und Künstler. Selbst der vom Hypo-Bericht scharf kritisierte Nationalbank-Gouverneur Ewald Nowotny war gekommen, um sich das von Kontrollbank-Vorstand Rudolf Scholten moderierte Gespräch mit Griss anzuhören. Es war eine jener Zusammenkünfte, von denen in den vergangenen Jahren immer Impulse ausgegangen waren für ein Lichtermeer oder eben auch für eine Hofburg-Kandidatur. Griss winkte energisch ab.

Doch auf dem Heimweg war man begeistert von der Frau. Griss hatte an diesem Abend über Redlichkeit in der Politik gesprochen und diesen altmodischen Begriff mit seinem Geruch von Biedersinn, Fleiß und Einfallslosigkeit plötzlich als etwas Kostbares erscheinen lassen. Im kleinen Kreis war danach debattiert worden: Wann darf ein Beamter gegen einen Minister aufstehen? Wann ist es illoyal, wann ist es geboten?

Ähnlich verlief es einen Abend später im St. Johannes-Club, einem Verein österreichischer Adeliger, von dem Griss sagt, sie habe gezögert, diese Einladung anzunehmen, den es handle sich um einen reinen Männerclub, und das sei nicht mehr zeitgemäß.

Mädchenhaft und alterslos

Trotz ihrer 69 Jahre wirkt Griss mädchenhaft und alterslos. Öffentliche Prominenz ist sie nicht gewohnt. Einmal machte sie ihrem Ärger Luft über die "dumme Frage“ einer Journalistin, warum sie ihr Haar nicht färbe oder sich nicht kameragerecht schminke. "Muss ich mich dem unterwerfen?“, sagt Griss.

Ihr Werdegang ist außergewöhnlich. Griss musste 60 Jahre alt werden, um in ihrem Bereich ganz an die Spitze zu gelangen. Erst 2007 wurde sie zur Präsidentin des Obersten Gerichtshofes (OGH) bestellt. In den Jahren bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 2011 war sie nebenbei auch noch Präsidentin eines Europäischen Netzwerks von Höchstrichtern. Ihr Lebensweg ist eine Aufstiegsgeschichte aus kleinsten Verhältnissen, in dem sich - selten genug - Redlichkeit, Rückgrat und Fleiß am Ende sogar lohnen.

Irmgard Griss kam 1946 auf einem Bauernhof in der Weststeiermark zur Welt. Der Vater wurde später Heeresbeamter, die Mutter kümmerte sich um Haus und Hof, das Mädchen kam von der Hauptschule in die Handelsschule und von dort in die Handelsakademie in Graz. Prägend für diese Jahre ist der Jugendwarteraum am Grazer Bahnhof, denn die Zugsverbindung in die Provinzhauptstadt war so gestaltet, dass Schüler von auswärts schon um dreiviertel sieben Uhr morgens in Graz ankamen. Und die Schule begann um acht Uhr.


Mein Gefühl war, um eine gute Beschreibung zu kriegen, musste man besonders devot sein

Griss bezog während des Jus-Studiums in Graz durchgehend Stipendien und sie arbeitete nebenher beim ORF, in einem Kaufhaus, in einer Bank. Ein Jahr verbrachte sie als Au-pair-Mädchen in Paris, ein Jahr lang war sie Stipendiatin der Harvard Business School. 1975 wollte Griss die Richterinnenlaufbahn einschlagen, doch die damalige Praxis, wonach man einem Richter zugeteilt wurde und die weitere Karriere, also die Aufnahme als Richteranwärterin, allein von dessen Beurteilung abhing, wollte die junge Frau mit den glänzenden Abschlüssen nicht akzeptieren. "Mein Gefühl war, um eine gute Beschreibung zu kriegen, musste man besonders devot sein.“ So dauerte es für Griss ein paar Jahre länger.

Über das Richterinnendasein spricht Griss heute noch wie über eine heilige Pflicht: "Man darf auf niemanden Rücksicht nehmen. Das ist mehr als nur die Ausübung eines Berufs. Das ist eine Haltung. Man muss sich ein Urteil bilden und dazu stehen. Man muss eine Sprache sprechen, die verstanden wird, ohne sich gemein zu machen.“

Parteipolitisch ist Griss nicht einzuordnen. Sie besucht schon einmal einen Gottesdienst und hat Freunde, die dem konservativen Milieu zuzuordnen sind. Sie verteidigte aber auch ein OGH-Urteil, in dem ein behindertes Kind zum "Schadensfall“ wurde. Sie erklärte, warum das richtig war und nicht bedeutete, dass behinderte Kinder nicht zur Welt kommen sollen.

Es gibt Aussagen von Griss, über die sich Feministinnen freuen: etwa wenn sie kritisiert: "In dem Moment, wo die Zahl der Frauen in einem Beruf überhand nimmt, sinkt das Sozialprestige.“ Es gibt aber auch Aussagen, die Feministinnen kränken: "Die Johanna Dohnal? Nein, die hat mich nicht so angesprochen“, sagt Griss.

Für Politiker hat Griss bei all ihrer Kritik des politischen Versagens im Hypo-Fall ein großes Herz und eine Warnung für die Zukunft: "Man muss sehen, was das für eine schwierige Arbeit ist. Politiker scharen PR-Berater und Coaches um sich, weil sie um Gottes willen keinen Fehler machen wollen, keinen Blödsinn sagen dürfen. Und dann heißt es:, Der Politiker ist nicht authentisch.‘ Es ist einfach paradox, ein Widerspruch. Was wollen wir denn eigentlich?“

Was sie selbst will, ist noch völlig unklar. "Diese Idee von der Hofburg-Kandidatur lässt schon tief blicken, was den Zustand unserer Politik betrifft. Eine tiefe Sehnsucht nach einer Lichtgestalt, was unweigerlich zu einer Enttäuschung führen muss“, sagt Griss. Muss es wirklich?

Foto: Monika Saulich für profil