Österreich

Islam in der Schule: "Es sollte möglich sein, auch ohne Kopftuch zu unterrichten"

Die Islamische Glaubensgemeinschaft verwaltet den Islam-Unterricht und sieht das Kopftuch als Gebot. Dagegen regt sich Widerstand.

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"Am Anfang behielt ich das Kopftuch im Unterricht noch auf. Doch mein islamischer Fachinspektor wusste, dass ich es privat nicht mehr trug und ermahnte mich. Ich gelobte Besserung. Bald hielt ich das Rauf-Runter nicht mehr aus und legte den Hijab auch im Unterricht hab. Dann wurde die Diskriminierung noch schlimmer."

Eine ehemalige Islam-Lehrerin in Wien (sie will ihren Namen nicht nennen) schildert profil, was ihr beruflich widerfuhr, als sie 2017 das Kopftuch ablegte - zuerst privat, dann auch im Unterricht. Die heute 46-Jährige sagt, sie hätte einen Landeslehrervertag nicht bekommen, der ihr nach zehn Jahren im Dienst längst zugestanden wäre. Außerdem seien ihr Lehrstunden - und damit auch der Verdienst - gekürzt worden. Sie führte beides auf das fehlende Kopftuch zurück und klagte wegen Diskriminierung. Die IGGÖ will sich zu dem seit 2020 laufenden Verfahren nicht äußern.

Kopftuchpflicht im Unterricht?

"Es sollte endlich möglich sein, auch ohne Kopftuch als islamische Religionslehrerin arbeiten zu können. Dieses Bild diskriminiert Studentinnen, die als Religionslehrerinnen arbeiten wollen." Ednan Aslan ist Professor für islamische Religionspädagogik und kommentiert auf Facebook eine Job-Annonce der IGGÖ. Neben dem Aufruf: "Islamische*r Religionslehrer*in werden!" ist eine lächelnde Frau mit Hidjab zu sehen. Ist es derzeit wirklich nicht möglich, unverschleiert zu unterrichten? Herrscht an öffentlichen Schulen ein offener oder versteckter Kopftuchzwang, wie Aslan andeutet?

Job-Annonce der IGGÖ auf Facebook

Der Professor für islamische Religionspädagogik, Ednan Aslan, kritisiert, dass nur mit verschleierten Frauen für den Job als Islam-Lehrerin geworben wird.

Die Pressesprecherin der Glaubensgemeinschaft sagt, es gebe nicht-kopftuchtragende Religionslehrerinnen in Österreich. "Für Zwang gibt es keinen Platz im Glauben." Sie nennt aber keine Zahlen. "Das sind wohl einzelne Frauen, die ihr Kopftuch später abgelegt haben", sagt Zekirija Sejdini, der das Instituts für islamische Theologie in Innsbruck leitet. "Wir kennen keine Absolventin, die ohne Kopftuch eingestellt worden wäre", kritisiert er. Die IGGÖ lässt die Frage, ob jemals eine Frau unverschleiert aufgenommen wurde, unbeantwortet.

"Kopftuch religiöses Gebot für muslimsche Frau"

Lehrerinnen, die ihr Kopftuch ablegen und Studentinnen, die es gar nicht erst tragen, bezeichnet die Glaubensgemeinschaft als "relativ rezentes Phänomen". So einfach hinnehmen will sie diesen Trend offenbar nicht. Die IGGÖ sieht das Tragen des Kopftuchs "als religiöses Gebot für die mündige muslimische Frau" und betont, dass "Religionspädagoginnen wichtige Vorbilder für Schülerinnen" seien. Eltern hätten ihre Kinder vereinzelt vom Religionsunterricht abgemeldet, wenn Islam-Lehrerinnen kein Kopftuch trugen. IGGÖ-Präsident Ümit Vural fürchtet eine umgekehrte Diskriminierung. Sollten zunehmend Frauen ohne Kopftuch als Lehrerinnen beginnen, könnten diese von Schulen bevorzugt werden - und verhüllte Frauen benachteiligt.

Der Glaubensgemeinschaft könnte aber keine andere Wahl bleiben, als sich für Lehrerinnen ohne Kopftuch zu öffnen. Denn der Arbeitskräftemangel betrifft sie besonders. Zusätzlich zu Pensionierungswellen steigt die Zahl muslimischer Schüler stark - und damit der Bedarf an Islam-Lehrerinnen- und Lehrern. Seit 2007 hat sich ihre Zahl von 350 auf 670 fast verdoppelt. Der potenzielle Nachwuchs an den Unis für islamische Religionspädagogik trägt oft kein Kopftuch mehr. "Das ist ein Phänomen, mit dem wir uns aktuell stark auseinandersetzen", sagt die Glaubensgemeinschaft.

 

 

Clemens   Neuhold

Clemens Neuhold

Seit 2015 Allrounder in der profil-Innenpolitik. Davor Wiener Zeitung, Migrantenmagazin biber, Kurier-Wirtschaft. Leidenschaftliches Interesse am Einwanderungsland Österreich.