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Österreich
06/01/2021

Reform-Islam: Warum liberale Muslime in Europa mit Polizeischutz leben

Mitten in Europa müssen Reformtheologen und liberale Muslime mit Polizeischutz leben. Sie haben weder Vereine noch Geldgeber hinter sich, oft nicht einmal die Politik.

von Christa Zöchling

Die Empörung über die Islamlandkarte reißt nicht ab. Die Muslimische Jugend erwägt eine Klage dagegen; der Sonderbeauftragte des Europarats, Daniel Höltgen, empfiehlt, sie offline zu stellen; die Universität Wien distanziert sich, auch die Spitzenrepräsentanten der evangelischen Kirche in Österreich sehen die österreichischen Muslime und ihre Vereine und Moscheengemeinden unter Generalverdacht gestellt. Tatsächlich gab es die Islamkarte schon vor zehn Jahren. In den vergangenen Monaten wurde sie, finanziert von der „Dokumentationsstelle des Politischen Islam“, auf den neuesten Stand gebracht und mit den Worten, sie sei ein wichtiger Beitrag zur Bekämpfung des politischen Islam der Öffentlichkeit vorgestellt. Das war ihr Unglück. Denn in der sogennanten Landkarte sind jene Moscheen und Kulturvereine, die von Experten mit guten Gründen zum politischen Islam gezählt werden, in der absoluten Minderheit. Wer sie zu Rate zieht, wird das sehen; wer das nicht macht, wird unter Umständen glauben, all die Treffer seien gefährliche Radikalisierungsnester.

Die Empörung über die Islamlandkarte überdeckt ein anderes, größeres Problem: dass jene liberalen Muslime, die sich seit Jahren bemühen, auf die Ideologie des politischen Islam aufmerksam zu machen, ihre Unterwanderung von Moscheenvereinen durch großzügige Spenden aus arabischen Ländern oder der Türkei für gefährlich erachten, weitgehend allein gelassen werden. Liberale Muslime wie Mouhanad Khorchide und Edna Aslan werden zerrieben zwischen rechten Islamhetzern und linken Identitätspolitikern. Und sie bekommen Morddrohungen. Nicht erst, seitdem die Debatte über die falsch geframte Islamlandkarte aufgeflammt ist. Khorchide lebt seit Jahren mit Polizeischutz, Aslan muss jetzt Polizeischutz bekommen.

Untenstehend lesen Sie die profil-Geschichte „Allein gelassen“, die in profil 48/2020 vom 22.11.2020 erschienen ist.

Es rührt an ein Tabu, daran zu erinnern, dass europäische Institutionen und europäische Politiker den liberalen Islam, wie er im tiefsten Mittelalter in Spanien herrschte, später schmählich im Stich gelassen haben: Salman Rushdie, Autor der "Satanischen Verse",führte in den 1990er-Jahren ein Leben unter Todesdrohung, einer Fatwa aus Teheran, die alle Muslime aufforderte, ihn zu ermorden; Rushdie lebte fortan im Untergrund. Keine Auftritte, keine Lesungen. Man könne die Sicherheit nicht gewährleisten, hieß es. Von guten Worten und Wünschen abgesehen, wurde der Schriftsteller ziemlich allein gelassen. Auf drei seiner Übersetzer, die keinen Anspruch auf Polizeischutz hatten, wurden Mordanschläge verübt. Einer starb.

2017 wurde in Berlin die Ibn-Rushd-Moschee eröffnet, die einzige Moschee im europäischen Raum, in der Frauen predigen dürfen, mit oder ohne Kopftuch. Geführt wird sie von der Anwältin Seyran Ates, die seitdem rund um die Uhr bewacht werden muss, ebenso wie ihr Mitstreiter Abdel-Hakim Ourghi, der in Freiburg den Fachbereich Islamtheologie leitet. Eine der Spitzen des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Mehmet Alparslan Çelebi, diffamierte Ates als "Islamhasserin". In Hassmails und Morddrohungen stand: "Tötet die Liberalen, bevor sie sich vermehren!"Die Religionswächter in Kairo sprachen eine Fatwa aus, in der sie den ganzen Reformislam unter Strafe stellten: Verbot liberaler Moscheegründungen; eine Frau darf kein Gebet anleiten, Frauen und Männer dürfen nicht im selben Raum beten, Frauen dürfen nicht ohne Kopftuch sein. Denn dies sei unislamisch. Im Klartext: todeswürdig.


Der Österreicher Mouhanad Khorchide, Islamwissenschafter und Religionspädagoge, der seit 2010 in Münster lehrt, gilt in den Augen von Islamisten ebenfalls als Abtrünniger. Er lebt seit Jahren mit Polizeischutz. Ein Posten vor seiner Wohnung, ein Posten am Institut, Alarmanlagen. Als er noch in Wien studierte und in seiner Masterarbeit 2008 das Demokratieverständnis islamischer Religionslehrer in Österreich untersuchte, wurde er von der Islamischen Glaubensgemeinschaft und ihrem Präsidenten Anas Schakfeh bald weggemobbt. Die Ergebnisse der Studie, wonach fast ein Drittel der Befragten rechtsstaatliche Prinzipien ablehnte, hatten nicht gefallen, vor allem nicht die öffentliche Debatte darüber.

Auch in Münster wandte sich die offizielle Vertretung der Muslime gegen Khorchide. Er sei kein richtiger Muslim, stelle Grundsätzliches infrage. Was war Khorchides Verbrechen? Er hatte ein Buch über die Barmherzigkeit des Islam verfasst. Nicht der strafende, sondern der gütige Gott-das war seine These. Neuer Aufruhr entstand, als Khorchide unter dem Titel. "Zur Freiheit gehört, den Koran zu kritisieren" ein Streitgespräch mit Hamed Abdel-Samad veröffentlichte, der als gefährdeter Islam-Kritiker seit 2014 im Untergrund lebt.


Die jüngste Welle an Hass-Mails und Morddrohungen habe er, so vermutet Khorchide, Schlagzeilen in türkischen und arabischen Medien zu verdanken, indirekt dem Politologen Farid Hafez. Hafez hatte in Interviews mit türkischen und arabischen Plattformen die neu geschaffene Dokumentationsstelle Politischer Islam und Khorchide, ihren wissenschaftlichen Leiter, kritisiert. Berichtet wurde-mit Verweis auf Hafez-,Khorchide wolle die Moscheen in Österreich schließen lassen. Hafez laut anadol agentur: "Khorchide, der einen breiten Ruf als 'gemäßigter' Muslim genießt, ist bekannt für seine kategorische Unterstützung für die Schließung von Moscheen durch die ehemalige rechtsextreme Regierung Österreichs." Gegenüber profil antwortete Hafez per Mail: "Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen."

 

Allenfalls könne sich ein Medium auf den jährlichen "Islamophobie-Report" beziehen. In diesem Bericht, der seit 2015 jährlich erscheint und in Ankara unter Teilnahme hoher türkischer Regierungsvertreter präsentiert wird, tauchen Khorchide, Ates, der Wiener Religionspädagoge Ednan Aslan und andere liberale Muslime als Förderer eines "antimuslimische Rassismus" auf. Finanziert wird der Bericht von einer regierungsnahen türkischen Stiftung, die auch schon einmal Erdoğan-kritische Journalisten, Künstler und Intellektuelle als PKK-Sympathisanten auflistete und denunzierte. Auch die EU zahlt mit. 120.000 Euro waren es im vergangenen Jahr. In einem offenen Brief an die EU-Kommission verlangten Anfang 2010 ein Dutzend Experten und Wissenschafterinnen die Einstellung dieser Förderung. Ohne Erfolg.

 


Einer der Unterzeichner ist Ahmad Mansour. Der israelisch-arabische Psychologe ist seit einigen Jahren in Berlin in der Deradikalisierung tätig. Die Verführung durch den politischen Islam hat er am eigenen Leib erfahren. Da war er 13 Jahre alt, lebte in einem arabischen Dorf bei Tel Aviv und hatte Teenager-Sorgen. Ein freundlicher Mann nahm sich seiner an. Zuerst ging es nur um Koran und Beten, bald um mehr; um den Kampf gegen Israel und für die Palästinenser. Das Studium an der Tel-Aviv-Universität habe ihn vor dem Abdriften in den Dschihadismus gerettet. In der Arbeit mit radikalisierten Jugendlichen erkenne er Salafisten auf den ersten Blick, doch wer sich in Strukturen des politischen Islam bewege, sei nur an seiner Ideologie zu erkennen. "In Europa versucht der politische Islam die Demokratie mit demokratischen Mitteln zu unterwandern. Er verengt Grundprinzipien des Staates, schafft Parallelgesellschaften, schüchtert Kritiker ein und diffamiert sie als Rassisten", sagt Mansour. Die Muslimbrüder in Deutschland seien stark im akademischen Milieu und Politiker oft "sehr naiv".


Ein deutscher Verfassungsschutz-Bericht aus 2018 spricht das offen an: "Die Doppelstrategie der Muslimbruderschaft verdeutlicht, dass Gefahren für die freiheitliche demokratische Grundordnung nicht nur vom Salafismus und seinem gewaltbereiten Spektrum ausgehen. Die Anhänger der Muslimbruderschaft haben letztlich dasselbe Ziel: die Abschaffung der Demokratie und die Gründung eines auf religiösen Regeln basierenden Gottesstaates. Im Gegensatz zu Salafisten greift die Muslimbruderschaft auf legalistische Mittel zurück und versucht, zumeist gebildete und eloquente Persönlichkeiten in einflussreichen Positionen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft zu verankern, um so muslimisches Leben in Deutschland nachhaltig islamistisch zu prägen. Mitarbeiter von Behörden und zivilgesellschaftlichen Organisationen seien daher gewarnt, kritisch darauf zu achten, wem sie als Ansprechpartner für Muslime eine Plattform bieten."


In Österreich bestimmten mutmaßliche Anhänger der Muslimbrüder jahrelang die Ausbildung islamischer Religionslehrer.

In Brüssel sind mehrere NGOs tätig, die Experten zur Muslimbruderschaft zählen. Die "Föderation islamischer Organisationen in Europa" warnte im Karikaturenstreit vor gewalttätigen Protesten und empfahl Zurückhaltung-im Zeigen der Karikaturen. Im "Europäischen Rat für Fatwa und Forschung" hatte viele Jahre auch der Mufti der IGGÖ Sitz und Stimme. Vorsitzender des Rats ist der betagte Vordenker der Muslimbrüder, Scheich Qaradawi, der die Lehrpläne für private islamische Hochschulen in Deutschland und Frankreich bestimmt. Im Syrienkrieg rief er zum "Heiligen Krieg" gegen Syriens Machthaber Baschar al-Assad auf. IS-Dschihadisten konnten sich angesprochen fühlen. Eine Fatwa-App wurde vergangenes Jahr nach Zeitungs-Berichten über antisemitische Anklänge kurzfristig gestoppt. Die jüngsten Terrorattentate in Paris, Nizza und Wien hat der Fatwa-Rat verurteilt. Die Postings darunter rufen nach Konsequenzen, für den, der den Islam "beleidigt".

Allein gelassen in diesem Diskurs landen liberale Muslime schnell zwischen allen Stühlen.

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