Der Trend zum Messer als Tatwaffe

Der Boulevard hat ein Faible für schwarfe Klingen. Was löst das bei der Bevölkerung aus?

Der Boulevard hat ein Faible für schwarfe Klingen. Was löst das bei der Bevölkerung aus?

Die Zahl der Gewaltdelikte ist über die Jahre kaum gestiegen. Warum fühlen sich die Österreicher dennoch unsicherer? Eine Erklärung ist der Trend zum Messer als Tatwaffe.

13. Februar, 2018, Wien Landesgericht. Ein junger Afghane versucht zu erklären, warum er Mitte 2017 in Wien Favoriten einem Landsmann ein Messer besorgte, das anschließend im Bauch eines Tschetschenen landete. Er habe nicht gewusst, dass es in Österreich verboten sei, jemanden niederzustechen. Da hebt es selbst den besonnenen Richter Daniel Potmesil, der Erfahrung mit solchen Straßenkämpfen hat, aus dem Sessel. "Sie wollen mir jetzt nicht erzählen, dass das in Afghanistan erlaubt ist?", fragt Potmesil. "Doch, in unserer Provinz ist das so." Die Dolmetscherin lacht auf. Potmesil schüttelt ungläubig den Kopf.

Seit der Flüchtlingswelle klaffen Gefühl und Realität in Bezug auf Kriminalität stark auseinander. Obwohl die Zahl der Gewaltdelikte 2016 nicht übermäßig stieg und 2017 wieder nachließ, hat das subjektive Sicherheitsgefühl stark gelitten. Ein Grund für das nicht immer rationale Bauchgefühl sind genau solche Bauchstich-Storys. Auf Messer-Geschichten springt der Boulevard fast automatisch auf und illustriert sie mit den immer gleichen Symbolfotos blitzender Klingen, von denen Blut tropft. Diese Bilder brennen sich stärker ein als Berichte über Zuwanderer, die friedlich im Deutschkurs sitzen.

Hat sich die Kriminalität tatsächlich geändert und sind Durchschnittsbürger überhaupt bedroht?

Abseits der blutigen Schlagzeilen ist der Trend zur Verwendung des Messers als Tatwaffe eindeutig: Laut Bundeskriminalamt (BKA) hat sich die Zahl der Delikte mit Stichwaffen österreichweit seit 2007 von 190 auf 740 vervierfacht. Neben häuslicher Gewalt dominieren Messerstechereien im öffentlichen Raum und darunter wiederum Konflikte zwischen Migrantengruppen. Eine frühere Analyse des BKA zeigte, dass der Anstieg der Gewaltdelikte von 2015 auf 2016 zu 75 Prozent auf "intrakulturelle" Konflikte zurückzuführen war. Die Zeitung "Österreich" rapportiert wie auch die "Kronen Zeitung" jeden spektakulären Fall verlässlich und nennt fast immer die Nationalität der Täter. Allein "Österreich" berichtete seit 2016 von knapp 50 Afghanen, die als Täter oder Mittäter zustachen, 16 Nordafrikanern, 14 Tschetschenen, sieben Irakern, Iranern und Türken, fünf Syrern und vier Somalis. Ein winziger Ausschnitt der Gesamtkriminalität, ein kleiner Ausschnitt aus der Flüchtlingspopulation - dennoch genug für das Gefühl der Bedrohung und der Unsicherheit, wohin das führen könnte. Denn angestammte Österreicher lösen Konflikte außerhalb der vier Wände selten per Messer.

Trotz sinkender Gewaltdelikte: Messerattacken häufen sich.

Michael Lepuschitz, Stadthauptmann in Wien-Favoriten, beschreibt die Verschiebung innerhalb der Gewaltdelikte von der Faust zur Klinge so: "Die ganz normale Wirtshausrauferei gibt es fast nicht mehr. Wenn ein Streit eskaliert, wird schnell eine Messerstecherei draus." Wenn die "Messerei" die Rauferei ablöst, liegen zwischen den Folgen Welten. Die Beteiligten zahlen einen viel höheren Preis in Form von schweren Verletzungen oder Tod beziehungsweise Gefängnis; die Gesellschaft zahlt teure Gerichtsverfahren und Spitalsaufenthalte sowie Dauersozialhilfe für invalide Opfer und Vorbestrafte, die auf dem Arbeitsmarkt chancenlos sind.

Die Justiz spürt die gestiegene Aggression bei Konflikten "zu 100 Prozent", sagt Christina Salzborn vom Landesgericht Wien. Sie und ihre Kollegen sind immer wieder über die Nichtigkeiten erstaunt, an denen sich solche Messerstechereien entzünden: vom Streit um die Kappe, über die Milch im Flüchtlingsheim bis hin zu einem falschen Wort über die Heimat. Im eingangs erwähnten Kampf zwischen Afghanen und Tschetschenen setzte ein hass erfüllter Blick in der U-Bahn die Gewaltspirale in Gang.

Der Straßenkonflikt zwischen den beiden Volksgruppen hat eine traurige Vorgeschichte. Kaum jemand kennt sie besser als Richter Potmesil. Er leitete das Verfahren gegen elf Afghanen, die im März 2016 vor einem Jugendzentrum in Wien Donaustadt mit insgesamt 30 Landsleuten auf acht jugendliche und unbewaffnete Tschetschenen losgegangen sind. Zwei Tschetschenen wurden schwer verletzt, einer überlebte seine Stichverletzungen nur knapp. 2015 war ein Konflikt mit noch mehr Beteiligten in Salzburg eskaliert.

Aufgrund solcher Vorfälle rüsteten auch jene Tschetschenen verstärkt auf, die davor noch prahlten, Afghanen mit Fäusten überlegen zu sein. Ein Springmesser darf in Österreich jeder Volljährige legal mitführen. Der Teufelskreis der Aufrüstung entspringt dem vermeintlich unschuldigen Gefühl, sich verteidigen zu müssen.

"Gegen einen Messerkämpfer in voller Rage, der sich näher als sieben Meter befindet, hat man selbst mit einer Faustfeuerwaffe keine Chance, sofern man nicht sehr präzise trifft - was de facto, im Stress, nicht gelingt", sagt Strafverteidiger Andreas Strobl, der sich im Messerkampf auskennt und wiederholt Mitglieder der beiden Volksgruppen vor Gericht verteidigte. Er weiß: "Umdrehen oder gar davonlaufen wird von diesen Leuten als Schwäche und Feigheit ausgelegt und ist inakzeptabel, weil es zu einem ,Ehrverlust' führt."

Resozialisierungsprojekt "Neustart Wien", Nähe Praterstern. Klaus Priechenfried bunkert Messer aller Art - bis er sie gesammelt der Polizei übergibt. Der sanftmütige Bewährungshelfer überredet Klienten, die das Waffenverbot im Haus missachten, ihre Klingen abzugeben. Ein erster wichtiger Schritt. "Menschen, die aus einem verrohten Umfeld kommen, neigen dazu, dem Gegenüber vorschnell ein aggressives Verhalten zu unterstellen. So wird das Messer von der vermeintlichen Verteidigungs- zur Angriffswaffe." Einen sprunghaften Anstieg der Zahl von Messerstechern hätte er in den vergangenen Jahren bei Neustart nicht bemerkt. "Das verläuft in Wellen." Einfacher ist die Resozialisierung nicht geworden. Denn die neueren Klienten sind sehr stark mit ihrer Gruppe verbunden. "Sie ist Bezugsrahmen für Ehre, Stolz, Stärke. Die Normen sind extrem stark und die Ängste vor dem Gesichtsverlust entsprechend groß." Die Wende zur Gewaltfreiheit sei nur zu erreichen, wenn die Täter die Gruppe verlassen. Ist das nicht aussichtslos bei jungen Zuwanderern, die ohne Familie oder österreichische Ersatzeltern, ohne Ausbildung im Land sind und Halt in ihrer Peergroup am Bahnhof finden?

"Die Gruppen sind brüchiger als gedacht. Die einen landen im Gefängnis, andere sind auf Drogen oder zerstreiten sich wegen gegenseitiger Schulden", weiß der Bewährungshelfer aus langjähriger Praxis. "Da sind Angebote der Bewährungshilfe, wo man anderwärtig Anschluss findet, schon attraktiv."

Ähnlich wie Priechenfried ist Sozialarbeiter Christian Holzhacker vom Verein der Wiener Jugendzentren tunlichst bemüht, Vorurteile gegen Flüchtlinge nicht durch direkte Zuschreibungen zu nähren. "Afghane" oder "Tschetschene" kommt beiden kaum über die Lippen. "Es geht nicht um Religion oder Ethnie, sondern um traditionelle Männlichkeitskonzepte." Holzhacker und seine Kollegen versuchen, die jungen Männer so umzupolen, dass sie nicht auf die Idee kommen, ein Messer einzustecken oder jede Ehrverletzung mit Gewalt zu beantworten. Man spielt potenzielle Konflikte mit den Besuchern der Jugendzentren durch. "Polizei oder Rettung, mit einer fährst du auf jeden Fall mit, wenn du ein Messer zückst", zitiert er eines seiner Argumente bei den Gesprächen. Die Jugendlichen müssten sich klarmachen, welche Konsequenzen ihre Taten haben, welche Konflikte überhaupt ihre eigenen seien, und wann es besser wäre, mit einem Freund "einfach abzubiegen". Obwohl die Sozialarbeiter auch durch die Parks streifen, ist die Zahl der Jugendlichen begrenzt, die bereit sind, die Zentren aufzusuchen und sich danach auf solche Rollenspiele einlassen.

Konfiszierte Messer nach einem Konflikt zwischen 80 Tschetschenen und Afghanen in einem Salzburger Park (2015)

Unbeteiligte werden in Konflikte zwischen Ethnien nur ganz selten hineingezogen. "Sie stechen sich eh nur gegenseitig ab", betont so mancher Polizist diesen Umstand hinter vorgehaltener Hand. Ein derber Spruch, der wohl beruhigen soll. Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Zivilcourage ist er allerdings Gift. Denn kaum jemand wagt bei einem Streit einzugreifen, wenn er Angst hat, mit einem Bauchstich zu enden.

Die Erosion des subjektiven Sicherheitsgefühls hat selbst die Exekutive erfasst. Das Innenministerium bestellt derzeit 24.000 stichsichere Westen, das Vergabeverfahren ist angelaufen. Gründe seien die Terrorgefahr und Vorfälle "der täglichen Polizeiarbeit", heißt es. Während immer mehr Polizisten bei Einsätzen leicht verletzt werden, sank die Zahl der Schwerverletzten zuletzt wieder auf das Niveau von 2011. Über gefährliche Verletzungen oder gar Morde durch Messer ist nichts bekannt. Die Beamten sind auf den nötigen Sicherheitsabstand trainiert und können Angreifer notfalls mithilfe von Pfefferspray auf Distanz halten.

Securities sind am Problem ähnlich nahe dran. Ein Türsteher mit langer Erfahrung in Wiener Innenstadtclubs sagt: "In der Vorstadtdisco der 1980er-Jahre war das Äußerste eine Prügelei mit Arbeitern, die nicht reinkamen. Heute müssen wir annehmen, dass jeder ein Messer dabei hat." Er selbst trägt im Alltag ein Springmesser bei sich, an der Club-Tür übt er sich in Diplomatie. "Ich spreche alle mit Sie an. Diese Machos mit ihrem Stolz und ihrer übersteigerten Ehre vertragen es ganz schlecht, wenn du sie abweist." Er ist angehalten, ihnen das Betreten des Clubs zu verweigern, sobald sie in Gruppen auftreten. Eine Messerfuchtelei gegen seine Person konnte er zuletzt durch einen gezielten Schlag abwehren. Kollegen in weniger noblen Ecken der Stadt würden längst stichsichere Westen tragen, erzählt der Türsteher. "Was der Boulevard berichtet, ist nur die Spitze des Eisberges."

Sarajuddin Rasuly lacht, als er von der Gerichtsverhandlung mit dem jungen Afghanen erfährt. "So ein Blödsinn. In Afghanistan wirst du noch viel härter bestraft, wenn du jemanden abstichst." Der Afghanistan-Experte dolmetscht regelmäßig für die Polizei und kennt die Problemfälle in der Community. "Sie wuchsen in einem verrohten Umfeld aus Drogen, Kriminalität und Übergriffen auf und sind ständig in Verteidigungshaltung. Das legt man beim Grenzübertritt nicht einfach ab." Afghanen und Tschetschenen würden seit Jahrzehnten im Ausnahmezustand leben, während Syrer vor dem Krieg ein zivilisiertes Leben hatten. Die Kriminalitätsneigung unter syrischen Flüchtlingen ist tatsächlich nur unmerklich höher als jene der Österreicher.

Rasuly ist dennoch überzeugt: "Der Höhepunkt der Gewaltwelle von 2015 bis 2017 ist auch bei den Afghanen überschritten." Seine Begründung: "Die Abschiebungen wirken." Aus Angst davor würden selbst die Problemfälle begreifen, dass sie in Österreich "keinen Freibrief" haben. Knapp 500 Afghanen wurden 2017 zwangsweise ins Flugzeug in die Heimat gesetzt. Mit Kriminellen hat Rasuly wenig Mitleid. "Wenn sie ihre Chance, die ihnen durch die neuen Integrationskurse geboten wird, nicht ergreifen und noch immer mit dem Messer auf der Straße herumhängen, ist eine Abschiebung sogar besser für sie." In Österreich hätten sie mit einer oder mehreren Vorstrafen ohnedies kein Vorankommen. "In der alten Heimat werden Verbrechen, die in Europa begangen werden , nicht wirklich ernst genommen. Die Familie nimmt dich in Schutz", sagt Rasuly. Das erleichtere den Neustart. Der neue Innenminister Herbert Kickl, FPÖ, will bei Abschiebungen den Schwerpunkt auf Straffällige setzen. Nicht auszuschließen, dass sich der Messer-Bote von Favoriten schon bald in seiner Provinz über die wirkliche Gesetzeslage informieren kann.