Christa Zöchling mit Ariel Muzicant

Christa Zöchling mit Ariel Muzicant, Vizepräsident des europäischen jüdischen Kongresses

© Stephan Graschitz

History
04/07/2022

Krieg in der Ukraine: Ein jüdisches Déjà-vu

Putins Krieg hat die ukrainischen Juden ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Ehemalige Flüchtlinge helfen Flüchtlingen – auch in Österreich.

von Christa Zöchling

Kinderlachen, Gekreisch und Getrappel; dunkle Ringe unter den Augen eines jeden Erwachsenen; hektische Worte, eilige Schritte; so viele Fragen, so viele Bitten. Die Lauder-Chabad-Schule im 2. Wiener Gemeindebezirk im Ausnahmezustand. Im Büro von Rabbiner Jacob Biderman sitzt eine Mutter, blass und erschöpft, umringt von ihren Kindern, ein Kind übersetzt die Worte seiner Mutter von Russisch in Iwrit. Es hat in einer Chabad-Schule in Kiew Iwrit gelernt. 

Chabad,  Akronym für Weisheit, Verstehen, Wissen,  hat seinen Ursprung in einer konservativen, in Teilen messianischen Bewegung des osteuropäischen Judentums. Man kennt diese Welt aus Joseph Roths „Hiob“ oder den „Erzählungen der Chassidim“ von Martin Buber, in denen weise Zaddiks (Gerechte) vorkommen und Wunder geschehen. „Chassidismus – nach Jahren des Wanderns und in der Fremde den Geist der Dinge sehen und menschlich handeln“, so spricht Biderman über seine Gemeinde. Und schon wieder piepst sein Handy. Der Rabbiner von Dnipro hat Fotos geschickt von der Schlange der Hilfsbedürftigen vor seiner Synagoge und bittet um Hilfe. 

500 Mädchen und Buben besuchen in normalen Zeiten diese Schule. Seit zwei Wochen sind es 107 Kinder mehr. Auch im Perez-Zwi-Chajes-Gymnasium, geführt von der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), wird der Raum knapp. 

Die Flüchtlingskinder in der Lauder-Chabad kommen aus Dnipro, Kiew, Charkov, Odessa, Winnyzja. Die Bibliothek, mehrere Lehrerzimmer, selbst die schuleigene Synagoge (der Thoraschrein wurde verhängt) wurden zu Klassenräumen umfunktioniert. In den blitzblauen Containern im Schulhof wird demnächst unterrichtet. 29 neue Mitarbeiter wurden eingestellt.
Aus offenen Zimmern hört man deutsche Sätze, vom Blatt gelesen. „Hallo! Ich heiße Miriam. Ich bin 14 Jahre alt. Vor zwei Wochen musste ich von meinem Zuhause weggehen. Es ist schwer für mich, darüber zu sprechen …“

Man staunt, wie schnell Kinder lernen. Am vierten Tag von Putins Krieg gab es hier schon die ersten Deutschklassen, und die Kinder stürzten sich mit Eifer in die deutsche Sprache. Die Lehrerin führt vor, was die Wörter bedeuten. Sie lacht und schaut betrübt, markiert, welch schwere Last sie trägt. Die Kinder quietschen vor Begeisterung. 

In einem winzigen Zimmer drängen sich Mädchen um einen Tisch, kichernd, einander ins Wort fallend. Jede will etwas sagen. In ihren Augen steht die Zukunft. Sie freuen sich schon darauf, wenn es wieder zurückgeht in ihre Heimat. Sie sehen das alles noch als Abenteuer.

Die 14-, 15-Jährigen wirken gedrückter. Ist das der Anfang eines neuen Lebens? Jeden Tag lernen sie fünf bis sechs Stunden Deutsch. Unterrichtet werden sie von Stanislav Kikot, einem pensionierten Universitätsprofessor aus Krywyj Rih in der Zentralukraine, jener Stadt, in der auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj aufgewachsen ist. Kikot ist dieser Tage geflohen.

Wie ist es, als Jude in der Ukraine zu leben? „Wir haben einen jüdischen Präsidenten, wir hatten einen jüdischen Premierminister und jeder zweite Abgeordnete in unserem Parlament ist jüdischer Abstammung“, sagt Kikot. Auch an den Maidan-Protesten hätten sich viele jüdische Frauen und Männer beteiligt. 

Nachrichten, dass der Protest damals massenhaft von Neonazis unterwandert gewesen sei, waren wohl teilweise russische Propaganda. Rechtsradikale Parteien erreichten bei den vergangenen Wahlen nicht einmal drei Prozent und kamen nicht mehr ins Parlament. 

Der Direktor der Lauder-Chabad-Schule, Olivier Hennes, beobachtet, dass die zuletzt gekommenen Kinder gedrückter sind als die anderen. Sie haben den Krieg erlebt, einstürzende Häuser, Brände, Rauch. Manche seien nur mit dem gekommen, was sie am Leib trugen. 

Ein elfjähriges Mädchen war allein in Kiew, als es losging. Ihre Eltern konnten nicht zu ihr und sie nicht zu ihnen. Ein Erwachsener half ihr, aus der Stadt herauszukommen und wurde dabei – das Kind an der Hand – tödlich getroffen. Das stellte sich während einer Deutschstunde heraus. 

Die Infrastruktur für 730 Flüchtlinge – täglich werden es mehr – hat die IKG in kurzer Zeit auf die Beine gestellt. Dreimal am Tag werden die Flüchtlinge verköstigt. Vier Hotels und mehr als 110 Wohnungen wurden zur Verfügung gestellt oder angemietet. 250 Freiwillige helfen. Weder Chabad noch die IKG wissen, ob sie sich finanziell nicht über alle Maßen übernehmen.*  

Historisch betrachtet hat das Judentum in der Ukraine viel erlitten: immer wiederkehrende Pogrome während der Zarenherrschaft. Juden wurden von allen gesellschaftlichen Schichten als Schuldige für soziale Probleme und Aufstände gebrandmarkt. Ein damals kursierendes Pamphlet wie die „Protokolle der Weisen von Zion“, eine Fälschung, die eine jüdische Weltverschwörung behauptet, ist bis heute in Neonazi-Kreisen verbreitet. Am Ende des Ersten Weltkrieges wurden Juden von ukrainischen Nationalisten ermordet. In der Sowjetunion war ihnen die Religionsausübung verboten. Im Vernichtungskrieg der Wehrmacht war die jüdische Bevölkerung systematisch Massakern ausgesetzt. Meist unter Mithilfe ukrainischer Hilfswilliger, die auch die Wachmannschaften in Konzentrationslagern verstärkten. Das größte Massaker fand in Babyn Yar statt, einer Schlucht im Süden von Kiew. „Innerhalb von 36 Stunden 33.771 Juden getötet“, so lautete die Vollzugsmeldung der SS vom 2. Oktober 1941. Wehrmacht und Ukrainer hatten mitgetan.  

Jahrzehntelang durfte an das Verbrechen in Babyn Yar nur privat erinnert werden. Am Ort des Geschehens war ein Sportstadion geplant. Das wurde dann doch verhindert. Seit 1991 steht dort ein Mahnmal in Gestalt einer Menora, eines siebenarmigen Leuchters. Vor einigen Tagen wurde die Gedenkstätte in der Nähe des Kiewer Fernsehturms, der sich auf einem jüdischen Friedhof befindet, durch Raketenbeschuss beschädigt. 

Für Ariel Muzicant, den langjährigen Vorsitzenden der IKG in Wien und Vizepräsidenten des Europäischen Jüdischen Kongresses, ist Putins Zerstörungskrieg „ein Schlag in die Magengrube“.

Nicht zuletzt wegen seiner Familiengeschichte. Muzicants Vorfahren stammen aus dem Gebiet der heutigen Ukraine und flüchteten von einem Nachbarland ins andere. Vor den Nationalsozialisten an die westchinesische Grenze, zu Fuß, in Karren, vor den Bolschewisten in die Gegenrichtung. Geboren wurde Muzicant 1952 in Israel. 1956  ging die Familie nach Wien und blieb hier hängen. „Ich habe ein Déjà-vu. Ich sehe die Not der Flüchtlinge. Die Elite hat sich in den ersten Tagen in ihre Mercedes gesetzt. Wir helfen jetzt denen, die allein nicht weiterkommen. Wir schicken Busse und sind mit Krisenteams an der Grenze. Ich bin stolz auf die IKG“, sagt Muzicant.

Als Student in Wien war Muzicant in Hungerstreik getreten, um russischen Juden die Ausreise zu ertrotzen. Zehn Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs staunte er, dass „in 
ukrainischen Dörfern und Städten, von denen man nicht glaubte, dass es dort noch jüdisches Leben gibt, ein lebendiges Judentum“ existierte.

Die jüdische Bevölkerung in der Ukraine wird heute auf 200.000 Menschen geschätzt, davon etwa 40.000 offiziell Registrierte. Die Chabad-Bewegung mit ihren eingewanderten Rabbinern aus den USA und Israel hat dazu beigetragen. 

Einer der Rabbiner in Kiew, Moshe Reuven Azman, zeigte sich in den vergangenen Tagen in den sozialen Medien mit einer Thorarolle in der Hand, die Männer zum Widerstand gegen Putin aufrufend. Von einem frommen Chassiden war das eher nicht zu erwarten. Das hat Putins Krieg gemacht.

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* Chabad: Jewish Heritage Center. IBAN: AT831400002710139191
* IKG: TMICHA „Ukraine-Hilfe“. IBAN: AT436000000510010051

Christa Zöchling spricht mit dem ehemaligen IKG-Präsidenten Ariel Muzicant über Putins Krieg, die Hilfe für jüdische Flüchtlinge und seine ukrainischen Wurzeln. Der profil-Podcast bei Apple Podcasts, bei Google Podcasts und bei Spotify.