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12/30/2021

Marco Pogo: "Nichtstun muss sich wieder lohnen"

Der Parteigründer (Bierpartei), Musiker (Turbobier) und Arzt (Allgemeinmedizin) Marco Pogo zieht Lehren aus dem vergangenen Jahr – und blickt schon nach vorn.

von Philip Dulle

POLITIK IST HARTE ARBEIT.

Mir ist das erst nach der Wien-Wahl bewusst geworden, was da auf mich und die Bierpartei zukommt. Am Tag nach der Wahlparty wollte ich gemütlich den Rausch ausschlafen, musste aber erst unzählige Pressetermine abwickeln und Bezirksräte nachnominieren. Ich war immer ein politischer Mensch, aber wie Politik gemacht wird, habe ich erst im letzten Jahr als Bezirksrat gelernt. Politik ist keine rocket science, aber durchaus spannend. Fad ist mir in der Bezirksvertretung Simmering noch nicht geworden.

Wenn RAF Camora in den Schulen Impfaufklärung machen würde, dann hätten wir bei den Jungen bald eine Durchimpfungsrate von 90 Prozent."

Marco Pogo

IM BEZIRKSRAT KANN MAN POLITISCHE GRÄBEN ÜBERWINDEN.

Wenn die Idee passt, stimme ich schon mal mit der FPÖ mit - auch wenn das nicht oft passiert. Die Arbeit als Bezirksrat in Wien-Simmering ist genau so, wie man es sich vorstellt; es wird sich schon mal beflegelt, es gibt ideologische Grabenkämpfe zwischen den Parteien, aber grundsätzlich ist man nett zu mir. Die Bierpartei hat eine politische Kontrollfunktion. Wenn mir ein Thema einer etablierten Partei nicht passt, wie zum Beispiel die Abschiebungen von Kindern und Familien, dann setze ich mich drauf -und mache das auch mit unkonventionellen Methoden.

DER BUNDESPRÄSIDENT SOLLTE RUHIG AUF DEN TISCH HAUEN.

Ich finde, dass die Zeiten des extremen Moderierens, wie es Alexander Van der Bellen macht, eigentlich vorbei sind. Ich verstehe nicht, warum jede Staatskrise immer moderat und sanft kommentiert werden muss. Wenn die Tagespolitik aus dem Ruder läuft, dann sollte man als Präsident auch klar Stellung beziehen. Wenn man gewählter Präsident ist, heißt das ja nicht, dass man am Tor zur Hofburg seine Meinung abgeben muss.

ES IST NICHT SCHLECHT, WENN EINEN DIE LEUTE UNTERSCHÄTZEN.

So kann ich in jedem Gespräch eigentlich nur gewinnen. Außerdem überrasche ich gerne. Mein Politiker-Credo war immer, dass ich in meiner Funktion keinen Finger rühren möchte. Nach dem Motto: Nichtstun muss sich wieder lohnen. Im ersten Jahr als Bezirksrat habe ich dann gleich mehr als 300 Anträge eingebracht. Damit haben viele etablierte Politiker nicht gerechnet.


IN DER BIERPARTEI STECKT NICHT MEHR SPASSPOLITIK ALS IN ANDEREN PARTEIEN.

Andreas Hanger von der ÖVP ist einer der besten Satiriker des Landes. Wenn ich mich für die Verbannung von Biermischgetränken aus dem öffentlichen Raum einsetze, dann mache ich das nur, weil mir die Wissenschaft recht gibt. Radler und Co sind ungesund und wirkliche Kalorien-und Zuckerbomben.

WENN ICH VON EINEM THEMA KEINE AHNUNG HABE, DANN HALTE ICH LIEBER MEINE KLAPPE.

Viele Politiker verstehen das nicht. Sonst würde ein Herbert Kickl auch keine medizinischen Empfehlungen geben. Als studierter Arzt kann ich in Sachen Corona-Pandemie mitreden, weil ich weiß, wie es auf einer Intensivstation zugeht, weil ich selbst dort gearbeitet habe. Als Frontmann der Rockband Turbobier weiß ich zudem, wie es KünstlerInnen und Bands aktuell ohne Konzerte und Einnahmequellen geht.

DIE POLITIKER HÄTTEN DAS PANDEMIE-MANAGEMENT VON ANFANG AN

in die Hände von Expertinnen und Forschenden legen müssen. Die Entscheidungen, die bei uns getroffen wurden, waren zu 80 Prozent politischer Natur. Wann sperren wir zu, wann wieder auf; geht sich der Lockdown mit dem Weihnachtsgeschäft aus, wann wird in welchem Bundesland gewählt? Können wir in Oberösterreich noch unsere Zeltfesttour machen -und wer darf die positiven Nachrichten verkünden?

MEINE IMPFAKTION BEI MEINEM KONZERT IN DER ARENA WAR KEIN WERBEGAG.

Ich durfte ein Medizinstudium genießen, habe ein gewisses Standing bei der Jugend und eine starke Meinung zu den Impfungen. Von mir haben sich Menschen impfen lassen, die ein wenig im Zweifel waren, aber nicht so verschlossen waren, wie die Tausenden, die gegen die Corona-Maßnahmen auf die Straße gehen. Ich befürchte, dass diese Menschen für Fakten und Wissenschaft nicht mehr zu erreichen sind. Es ist schade, dass es eine Impfpflicht geben muss, weil das zeigt, dass viele Menschen nicht verstehen, wie toll es eigentlich ist, dass wir eine Lösung für dieses Problem haben. Das macht mich traurig.

WENN RAF CAMORA IN DEN SCHULEN IMPFAUFKLÄRUNG MACHEN WÜRDE,

dann hätten wir bei den Jungen bald eine Durchimpfungsrate von 90 Prozent. Ich bekomme täglich Anfragen von Schulen, und für mich war es klar, dass es extrem wichtig ist, dorthin zu gehen. Die Jugendlichen haben legitime Fragen, die man relativ schnell aus der Welt schaffen kann. Kann ich nach der Impfung noch Kinder bekommen? Ja! Werde ich magnetisch? Nein! Außerdem sind sie der Schlüssel zu den Eltern, die vielleicht Skepsis haben.

Zur Person

Der Wiener Arzt und Politiker Dominik Wlazny alias Marco Pogo, 35, wurde als Frontmann der Rockband Turbobier bekannt. 2015 gründete er die Bierpartei, mit der er bei der Wiener Gemeinderatswahl 2020 1,8 Prozent der Stimmen erhielt. Die Partei ist seitdem mit elf Mandaten auf Bezirksebene vertreten.

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