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Ein Brief in die Zukunft an das Neujahrsbaby 2022.

© APA - Austria Presse Agentur

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12/17/2021

Liebes Neujahrsbaby, in was für eine Welt wurdest du geboren?

Es ist das Jahr 2052. Österreichs Neujahrsbaby 2021/2022 feiert seinen 30. Geburtstag. Wird es in einer Welt leben, in der die Klimakatastrophe Realität geworden ist? Ein Brief in die Zukunft.

von Christina Hiptmayr, Joseph Gepp

Hier können Sie den Brief als Podcast hören.

Lieber Jakob*,

Wenn Du diese Zeilen liest (und alles nach Plan gelaufen ist), schreiben wir den 1. Jänner 2052. Den Tag, an dem Du Deinen 30. Geburtstag feierst. 

Wir – die Verfasser dieses Briefes – sind dann bereits in unseren Siebzigern. Dir aber steht der Großteil Deines Lebens noch bevor. Zum Jahreswechsel von 2021 auf 2022 warst Du das österreichische Neujahrsbaby, zur Welt gekommen ziemlich genau um Mitternacht. Wie die Welt im Jahr 2052 aussehen wird, wissen wir nicht. Sind all die schlimmen Vorhersagen betreffend Klimakatastrophe eingetroffen? Oder konnte die Weltgemeinschaft die Kurve doch irgendwie kratzen und das Schlimmste abwenden?

Du fragst Dich vielleicht, in was für eine Welt Du anno 2022 geboren wurdest. Du fragst Dich vielleicht, wie die Generation Deiner Eltern damals getickt hat. Wie es dazu kam, dass Deine Realität so ist, wie sie ist. Was die Menschen damals bloß falsch gemacht haben. Wenn unsere schlimmsten Befürchtungen eingetreten sind – und danach sieht es heute, wo wir diesen Brief schreiben, aus –, schulden wir Dir zumindest eine Erklärung, lieber Jakob.

Heute, zu Beginn der 2020er-Jahre, ist vielen Menschen bewusst, dass eine Katastrophe droht oder vielmehr schon begonnen hat. Die Wissenschafter wissen es. Die Politiker wissen es. Selbst die viel zitierten „normalen“ Leute auf der Straße wissen oder ahnen es zumindest. Es hat sich allgemein ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass wir ein gewaltiges Problem haben.

Die Fakten liegen nämlich sonnenklar auf dem Tisch. Wir gefährden gerade die fundamentalen biophysikalischen Grundlagen unseres Lebens, indem wir durch die Verbrennung fossiler Energien immer mehr Treibhausgase in die Luft blasen und dadurch die Erdatmosphäre erhitzen. Es ist wirklich zum Haareraufen, weil es so derartig sonnenklar ist, welche Fehler wir tagtäglich machen.

Man muss sich nur die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre ansehen, die von Messstationen weltweit erhoben wird. Seit der Zeit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, als erstmals in großem Stil Kohle verbrannt wurde, hat sie sich um 40 Prozent erhöht. Heute ist sie so hoch wie seit mindestens 800.000 Jahren nicht mehr.

Oder die globalen Durchschnittstemperaturen. Sie steigen und steigen. Fast jedes Jahr ist der Sommer heißer als der vorangegangene. In den 2010er-und 2020er-Jahren gab es eine populäre Grafik, welche die Dringlichkeit des Problems veranschaulichen sollte. Sie sieht aus wie ein farbiger Strichcode und besteht aus vielen schmalen Balken. Jeder davon steht für ein Jahr, deren Farbe rapide vom Blauen ins Rote übergeht. Je roter die Balken, desto höher die Durchschnittstemperatur im jeweiligen Jahr. Man muss nur einen Blick auf diese Grafik werfen, um zu erkennen, dass die Entwicklung fatal ist. Zum Zeitpunkt, an dem wir diesen Brief schreiben, hat sich die globale Durchschnittstemperatur gegenüber der Ära vor der Industrialisierung bereits um mehr als ein Grad Celsius erhöht.

In den 2020er-Jahren liegen aber nicht nur die wissenschaftlichen Fakten offen auf dem Tisch. Die klimatischen Veränderungen sind erstmals für viele Menschen ganz konkret im Alltag erfahrbar. Nicht nur, weil die Sommer immer heißer werden und es in den Wintern immer weniger Schnee gibt. Auch die Naturkatastrophen häufen sich, zum Beispiel die Überschwemmungen in klimatisch einst milden Gefilden wie Deutschland. Ebenso verändert sich die Landwirtschaft: Im Jahr 2021 wird mitten in Österreich geerntet, was früher aus weit entfernten tropischen Ländern importiert wurde: Ingwer, Reis oder Papaya.

Warum wir Dir all das erzählen, lieber Jakob? Um Dir klarzumachen, wie gut die Menschen der 2020er-Jahre das Problem kennen. Wir kennen es von vorn, von hinten, von der Seite. Von abstrakten Temperatur-und Treibhausgasstatistiken genauso wie aus dem eigenen Alltag. Wir haben wirklich keine Ausrede, nicht alarmiert zu sein und die Sache nicht entschlossen anzugehen. Aber wir tun es dennoch nicht. Es ist, wie gesagt, zum Haareraufen.

Uns ist aber nicht nur die Dringlichkeit des Problems voll bewusst, wir wissen auch relativ genau, was konkret dagegen zu tun wäre. Die große Erfindung oder technologische Neuerung, die das Klimaproblem endgültig lösen und allen Kampf dagegen überflüssig machen würde, wird es nicht geben -das wissen alle Experten. Nur jene, die zu bequem oder zu feige sind, nachhaltige Maßnahmen zu ergreifen, klammern sich an diese Utopie. Uns bleibt auch keine Zeit, auf Technologien zu hoffen, die gerade erst in den Kinderschuhen oder überhaupt noch im Experimentierstadium stecken. Grüner Wasserstoff? Kernfusion? Auf Derartiges zu vertrauen, lieber Jakob, wird Deine Generation nicht vor der Katastrophe bewahren.

Stattdessen müssten wir auf Technologien setzen, die es längst gibt. Die Kraft der Sonne. Des Windes. Die Kraft der Hitze unter der Erde. Oder jene der Meereswellen. All dem müssten wir zum großflächigen Durchbruch verhelfen. Im Gegenzug müsste die Verbrennung von Öl, Gas und Kohle sofort gestoppt werden. Darüber hinaus könnte die internationale Politik mit wenig Aufwand dafür sorgen, dass die Industrie weltweit klimafreundlich wird, etwa indem sie Zölle auf CO2-intensive Produkte einführt. Sie könnte mit neuen Regeln bewirken, dass anders gebaut wird als derzeit, damit Gebäude kaum oder gar keine Energie mehr verbrauchen. Außerdem müsste die Politik für eine andere Form der Mobilität sorgen. Nicht jeder Bürger muss ein eigenes Auto besitzen, das dann ohnehin 23 Stunden am Tag nur herumsteht. Das Mobilitätsverhalten sollte - um ein Modewort der 2020er-Jahre zu bemühen -"smart" werden. Was spricht dagegen, etwa die erste Etappe mit dem elektrischen Sammeltaxi zurückzulegen, die nächste mit dem Zug und die letzte schließlich mit dem E-Mietauto? Wohl nur die eigene Bequemlichkeit. Künstliche Intelligenz könnte dabei helfen, dass derartige Veränderungen für die Menschen einigermaßen praktisch und komfortabel ausfallen.

Bitte verstehe uns nicht falsch, lieber Jakob: Trivial sind diese Herausforderungen der Klimawende keineswegs. Da und dort werden sie den Menschen Umgewöhnungen abverlangen. Enorm viel Geld kosten sie sowieso. Im Vergleich zu den Kosten, die wir uns durch die Zerstörung unserer Umwelt und unserer Lebensgrundlagen aufhalsen, sind das aber Peanuts. Und machbar ist das allemal.

Wie wird Deine Welt im Jahr 2052 genau aussehen? Mit Sicherheit wissen wir es nicht, aber wir haben doch eine gute Vorstellung davon. Die Wissenschaft zeigt es uns recht deutlich auf. Im August 2021 veröffentlichte der sogenannte Weltklimarat (gibt es den eigentlich noch?) seinen sechsten Sachstandsbericht. Diese Einrichtung der Vereinten Nationen, welche die wissenschaftlichen Grundlagen für Klimapolitik bereitstellt, hat darin fünf Szenarien gezeichnet, wie sich die Erderwärmung entwickeln wird. Sie unterscheiden sich je nachdem, wie stark Treibhausgasemissionen reduziert, welche Fortschritte in der Entwicklung von Technologien gemacht und wie gut sich die Menschen an die geänderten Rahmenbedingungen anpassen werden können.

Ganz ehrlich? Das, was die Wissenschafter da beschrieben haben, hat uns richtig Angst gemacht. In den positiveren Szenarien kann die Welt bis zum Jahr 2050 Klimaneutralität erreichen; die Menschheit wird es geschafft haben, mehr CO2 zu speichern als auszustoßen. Das konnte gelingen, weil alle Länder weltweit ihre Treibhausgasemissionen schnell und wirklich drastisch reduziert haben. Wir hoffen natürlich, auch in unserem eigenen Interesse, dass diese bestmöglichen Szenarien eingetroffen und es der Menschheit gelungen ist, die allergrößten Bedrohungen des Klimawandels abzuwenden. Voraussetzung dafür ist jedoch eine enge globale Zusammenarbeit und ein Teilen von Ressourcen. Durch weitreichende Investitionen in Bildung und Gesundheitsversorgung würde es zu einem starken Wirtschaftswachstum und einer Verbesserung des Lebensstandards aller Menschen kommen.

Doch angesichts der Verfasstheit der Politik - nicht nur in Österreich, wo wir so viele Kanzlerwechsel haben, dass man oft gar nicht mehr weiß, wer gerade im Amt ist, sondern auch international - haben wir daran erhebliche Zweifel. Unsere Welt scheint immer stärker von schädlichen Nationalismen geprägt.

Die Erde ist in diesen bestmöglichen Szenarien trotzdem um 1,8 Grad wärmer geworden. Die Wetterlagen werden gefährlicher sein: extreme Hitzewellen und Dürren, mehr Starkregenereignisse und auch die Anzahl und Intensität von Wirbelstürmen wird zunehmen. Aber das hast Du, lieber Jakob, ja bereits am eigenen Leib erfahren. Im Jahr 2021 haben wir bereits einen Vorgeschmack auf eine solche Welt bekommen. In Deutschland starben Dutzende Menschen aufgrund von Überflutungen. In Österreich hatten wir glücklicherweise keine Todesopfer zu beklagen, aber wir beobachteten ziemlich fassungslos, wie Wassermassen in der Halleiner Altstadt ohne jede Mühe die dort parkenden Autos mit sich rissen. Die heimischen Dachdecker machten das Geschäft ihres Lebens, weil der Hagel eine Spur der Verwüstung durchs Land zog. Und so etwas wie den Wirbelsturm in Tschechien, der Kleinholz aus allem machte, was sich ihm in den Weg stellte, hatten wir in unseren Breiten zuvor auch noch nie gesehen.

Angesichts all dessen ist es eigentlich unglaublich, dass es im Jahr 2021 immer noch Leute gibt, die behaupten, das habe es alles immer schon gegeben und es handle sich nur um natürliche Wetterschwankungen. Aber das kennen wir ja auch von der Corona-Pandemie. Manche sind einfach faktenresistent. Tatsache ist, in diesem Ausmaß und in dieser Häufigkeit hat es das nicht gegeben.

Und dann gibt es im Bericht des Weltklimarats noch die richtig negativen Szenarien. Sie werden eintreten, falls kein oder nur wenig Klimaschutz gelingt. Dann wird es im Jahr 2052 vielleicht noch das geringste Problem sein, dass Eisbären, Seehunde oder Korallenriffe längst ausgestorben sein werden. Solche Geschöpfe, "dead like a dodo", kennst Du vielleicht nur noch aus dem Geschichtsbuch. Auch die Mittelmeerregion wird für Dich kein Sehnsuchtsort mehr sein. Während wir mit Griechenland, Italien und Spanien herrliche Sommerurlaube assoziieren und ein ganz besonders Lebensgefühl damit verbinden, sind diese Gegenden für Dich nichts anderes als trockenes, unwirtliches Ödland. Dass dies einst Regionen waren, die ganz Europa mit frischem Obst und Gemüse versorgten, kannst Du Dir gar nicht mehr vorstellen. Tatsächlich lebst Du laut diesem Szenario in einer Welt, in der rund 400 Millionen Menschen von schweren Dürren betroffen sind. Auch Deine Lebensmittelversorgung ist alles andere als sichergestellt. Im Worst-Case-Szenario rechnen die Forscherinnen und Forscher gar mit einer Verdopplung des Emissionsausstoßes und einer Erderhitzung von bis zu 5,7 Grad. Die Erde wäre damit heißer, als sie es seit Millionen von Jahren war. In dieser Schreckensvision wären die meisten Weltgegenden aufgrund von Wüstenbildung nicht mehr bewohnbar. Extreme Armut und Abschottung wären omnipräsent; Industrienationen, die es sich leisten können, werden die Grenzen schließen. Viel eher ist jedoch anzunehmen, dass die Staaten überhaupt die Kontrolle mehr oder weniger verloren haben. Die menschliche Zivilisation wird auf ein viel primitiveres Niveau zurückgefallen sein.

Es kann doch nicht sein, dass wir es -sehenden Auges! - zulassen, in so einer Apokalypse zu enden. Oder doch? Im Jahr 2021 gab es wieder einmal eine große internationale Konferenz zur Rettung des Weltklimas, so wie jedes Jahr. Großes Tamtam. Spitzenpolitiker schütteln einander die Hände (wobei, genau genommen taten sie das nicht, denn im Jahr 2021 ging die Corona-Pandemie um. Immerhin mit diesem Problem seid ihr im Jahr 2052 wohl inzwischen fertiggeworden).

Die Ergebnisse der Klimakonferenz fielen einmal mehr dürftig aus. Ein paar neue Versprechen hier, eine Allianz der willigen Staaten dort, als Draufgabe etwas strengere nationale Klimapläne. Aber all das reicht längst nicht. Meteorologen haben ausgerechnet, dass die Weltgemeinschaft, wenn man alle derzeitigen Klima-Versprechen sämtlicher Staaten zusammennimmt, immer noch bei einer Erhitzung von 2,8 Grad gegenüber der Zeit der Industrialisierung steht. In den Szenarien der UN-Klimaforscher ist das bereits eine der beängstigenderen Annahmen. Und selbst dazu wird es, wohlgemerkt, nur dann kommen, wenn den Versprechen der Staaten auch Taten folgen.

Lieber Jakob, Du hast völlig recht, wenn Du uns nun ignorante Idioten schimpfst. Dem haben wir tatsächlich kein vernünftiges Argument entgegenzusetzen.

Es gibt nämlich keines. Warum beispielsweise werden in der Sahara nicht längst en gros Solarkraftwerke errichtet, die auch andere Kontinente mit Energie versorgen können? Warum sind bettelarme afrikanische Wüstenstaaten nicht längst zu neureichen Rohstoffländern aufgestiegen, so wie es etwa Saudi- Arabien mit seinem Öl vorgemacht hat? Warum ist der Amazonas-Regenwald nicht unter internationalen Schutz gestellt und Brasilien mit Kompensationszahlungen abgefunden?

Dass wir den Klimaschutz nicht entschlossen angehen, liegt wohl daran, dass wir dieses Problem nicht akut wahrnehmen. Die Klimakrise lässt sich mit der grundlegenden psychischen Verfasstheit der Spezies Mensch nicht vereinbaren. Würde beispielsweise ein Meteorit einschlagen oder ein großer Vulkan ausbrechen, dann würden wir wohl mit aller Kraft um unser Überleben kämpfen. Doch wenn sich die Temperatur im Lauf einiger Jahrzehnte radikal erhöht, bleibt die Gefahr diffus und nicht greifbar, selbst wenn die realen Folgen konkret erfahrbar sind. Deshalb fallen auch die Schritte dagegen zaghaft und mutlos aus. Deswegen berücksichtigen wir immer noch die Interessen von Großkonzernen, die mit fossilen Energien verlässliche Gewinne machen. Deswegen feiern unsere Politiker und Medien gern jede kleine Reduktion beim Treibhausgasausstoß als großen Erfolg, als Beleg dafür, dass sich alles in die richtige Richtung bewegt und letztlich zum Guten wenden wird.

So also fühlt sich die Zeit an, lieber Jakob, in die Du geboren wurdest. Wir kennen heute das Ausmaß der Katastrophe voll und ganz. Doch während unser Haus brennt, stehen wir draußen vor der Tür, berechnen in aller Ruhe die Menge des notwendigen Löschwassers und streiten darum, welche Regierung wie viel davon heranschaffen soll.

Hoffentlich begreifen wir es noch. Hoffentlich begreifen wir es rasch. Hoffentlich musst Du, lieber Jakob, nicht in einer Brandruine großwerden.

Alles Gute zum Geburtstag,

Christina Hiptmayr, Joseph Gepp

*) Jakob war der männliche Vorname, der laut Statistik Austria im Jahr 2020 am häufigsten vergeben wurde (für 2021 gibt es noch keine Angaben). Weil überdies von Jänner bis September 2021 geringfügig mehr Buben als Mädchen in Österreich zur Welt kamen, haben wir uns für Jakob als fiktiven Adressaten unseres Schreibens entschieden.