profil-Morgenpost: Gallien in Berlin

Die Berliner Jablonskistraße 36

Die Berliner Jablonskistraße 36

Ehrwürdigste Leserin, ehrwürdigster Leser!

Sie sind befremdet über die gestelzte Anrede? Nun, nachdem Ihnen Kollege Gernot Bauer gestern in einem Anflug von Kulturpessimismus den Gruß verweigert hat, versuche ich dies an dieser Stelle wieder gutzumachen. „So sind wir nicht“, wusste nämlich schon Alexander Van der Bellen.

In der Berliner Jablonskistraße 36 wird man Ihnen möglicherweise „Tach och!“ zurufen. Das mag zwar schnoddrig klingen, kommt aber garantiert von Herzen. Der deutsche Autor Joachim Lottmann erzählt in einer Reportage für profil über sein Wohnhaus im Szeneviertel Prenzlauer Berg, welches – als eines von wenigen – noch immer von „echten Ossis“ bewohnt wird. „In dem Haus herrscht ein für andere Großstadtbewohner völlig ungewöhnlicher, fast dörflicher Gemeinschaftsgeist“, schreibt Lottmann. Geht jemand in den Supermarkt, erledigt er auch Besorgungen für die anderen. Ein Bewohner repariert die Fahrräder der Mieter, ein weiterer ist auf Waschmaschinen spezialisiert. Dass man sich bei der Kinderbetreuung gegenseitig aushilft, ist ohnehin selbstverständlich. Sogar die Ernte der Hanfpflanzen wurde – zumindest in früheren Zeiten – brüderlich geteilt. Das Haus scheint tatsächlich eine Art gallisches Dorf inmitten des Berliner Großstadtdschungels zu sein.

Der Text ist Teil eines 60-seitigen Spezials im aktuellen profil anlässlich 30 Jahre Mauerfall.

Sollte Ihnen der Sinn mehr nach Gegenwart respektive Zukunft stehen, darf ich Ihnen den aktuellen Podcast mit Eva Linsinger und Sven Gächter ans Herz legen, die auf gewohnt hohem Niveau und ausnehmend höflich über Sondierungsgespräche und Regierungsverhandlungen sprechen, allerdings mit der in diesem Zusammenhang üblichen Metapherndrescherei à la „Liebesheirat“ oder „Zwangsehe“ hart ins Gericht gehen.

Und ich verbleibe mit dem Ausdruck meiner vorzüglichsten Hochachtung,

Ihre Christina Hiptmayr