profil-Morgenpost: Gefährliche Verkleidungen

Justin Trudeau und die arabische Nacht

Justin Trudeau und die arabische Nacht

Herbert Kickl als Innenminister der Herzen, Justin Trudeau als Aladin und die unangenehmen Folgen übertriebener Political Correctness.

Guten Morgen!

Der Wahlkampf ist die einzige Zeit außerhalb des Faschings, in der öffentliche Auftritte phantasievoll maskierter Erwachsener kein Befremden auslösen. Arbeiterbezirkskinder wie Sebastian Kurz holen den Niederösterreichischen Landesanzug aus der Kostümkiste, Landeier wie Sebastian Kurz hingegen das Ghetto-Fighter-Outfit; Herbert Kickl geht als Innenminister der Herzen und Pamela Rendi-Wagner als Bundeskanzlerin – aber niemanden regt die kurzfristige Annahme exotischer Identitäten sonderlich auf, und politische Konsequenzen drohen deswegen schon gar nicht.

Kinderfasching und Studentenheim-Gschnas

Alle jetzt Genannten haben aber hoffentlich darauf geachtet, dass ihre alten Fotos irgendwo versteckt sind, wo nie jemand hinschauen würden – unter den alten Tapetenrollen im Keller oder hinter dem Raclette-Grill auf dem Küchenoberkastl zum Beispiel. Gar nicht auszudenken, wenn zwischen den Schnappschüssen von der Erstkommunion, dem Schikurs in Obertauern und der Maturareise nach Samos auch verfängliche Aufnahmen vom Kinderfasching oder Studentenheim-Gschnas entdeckt würden.Wobei „verfänglich“ nicht das ist, was Sie jetzt möglicherweise vermuten – sondern vielmehr das, was den kanadischen Premierminister Justin Trudeau derzeit gehörig unter Druck bringt.

In wenigen Wochen stellt er sich der Wiederwahl als Regierungschef. Doch jetzt sind Fotos aufgetaucht, die ihn bei einem Kostümball (Motto: „Arabische Nächte“) vor fast 20 Jahren mit braun geschminktem Gesicht als Aladin zeigen. Außerdem wurde bekannt, dass er in seiner Jugend bei einem Talente-Wettbewerb ebenfalls unter Zuhilfenahme von Make-Up den „Banana Boat Song“ (hier eine Aufnahme mit Harry Belafonte) zum Besten gegeben hat. In Fachkreisen wird das „Black-“ oder „Brownfacing“ genannt und in die Nähe eines Kapitalverbrechens gerückt.

Die Masken fallen

Deshalb muss Trudeau nunmehr um seine zweite Amtszeit bangen. Auf ihm lastet nämlich der Vorwurf, ein finsterer Rassist zu sein – auch, wenn er sich dessen nie auch nur ansatzweise verdächtig gemacht hat. Die Hintergründe analysiert Robert Treichler in einem Kommentar und fragt sich unter anderem: „Beschleicht da noch irgendjemanden außer mir das bange Gefühl, dass progressiv auftretende Wortführer politische Vernunft und menschliches Einschätzungsvermögen durch selbstgerechten Fanatismus ersetzt haben?“

Die Antwort lautet vermutlich: Ja. Mehr zum Thema Politische Korrektheit bietet übrigens ein kürzlich erschienenes profil-Schwerpunktheft mit Texten von Sven Gächter und vielen anderen.

Ob Trudeau durch seinen Aladin-Auftritt um den Wahlsieg gebracht wird, erfahren wir am 21. Oktober. In Österreich fallen die Masken bereits am kommenden Sonntag.

Lassen Sie sich bis dahin keine Ihrer Hoffnungen abschminken!

Martin Staudinger