© Edith Meinhart

Reportage
12/31/2021

Tina ist zurück 

Im Jänner wurde die damals 12-jährige Tina samt Familie nach Georgien abgeschoben – unter heftigen Protesten. Ihr Fall geriet zum Symbol türkiser Migrationspolitik. Nun ist Tina wieder in Wien. profil war mit an Bord.

von Edith Meinhart

30. Dezember 2021, 5 Uhr früh: Es ist stockfinster, als Tina und ihre Mutter die Wohnung in einem Außenbezirk von Tiflis verlassen. Leise, um die kleine Lea nicht zu wecken. Eine Cousine wird die 6-jährige später in den Kindergarten bringen. Ein Onkel chauffiert Tina und ihre Mutter zum Flughafen. Die Maschine geht um 7:30 Uhr. Die Ausfahrtsstraßen sind menschenleer. Im Auto greift Tina nach der Hand ihrer Mutter und sagt: „Die ist ja eiskalt“. Niemand weiß, wie der Tag heute enden wird.  

6 Uhr: In der Abflughalle verlieren sich die Fluggäste. Tina umklammert die rote Mappe mit den Dokumenten, dem auf Georgisch und Englisch abgefassten Genesungsnachweis, dem Einladungsschreiben ihrer österreichischen Gastfamilie, der Impfbescheinigung, dem aktuellen PCR-Test, dem Ticket für den Rückflug in drei Monaten. Die Papiere sind seit Wochen vorbereitet. „Tina reist völlig legal in das Land, in dem sie einen Großteil ihres Lebens verbracht hat“, sagt ihr Anwalt Wilfried Embacher. Es gibt keinen Grund nervös zu sein.  

Und doch: Beim Check-in flackert Nervosität auf. Der Mitarbeiter am Schalter kann mit dem „Holiday Ninja-Pass“ nichts anfangen, den ihm Anwalt Embacher vorlegt. Was, wenn die Reise hier schon zu Ende ist? Der Mann wirkt skeptisch, gibt sich letztlich aber doch mit der Erklärung zufrieden, dass es sich dabei um ein in Österreich anerkanntes Dokument handelt. Zum Abschied drückt die Mutter Tina an sich. Als die 13-Jährige auf der Rolltreppe in Richtung Gates fährt und oben angekommen sich ein letztes Mal umdreht, wirkt sie in der riesigen Halle ganz klein. Ihre Hände formen ein Herz. 

Security Check. Passkontrolle. Ein Grenzpolizist winkt das Mädchen mit der roten Mappe zu sich. Tina reicht ihm ihren georgischen Pass in die Koje. Der Beamte lässt sich Zeit. Die Anspannung steigt. Wann ihre Abschiebung aus Österreich gewesen sei, will er wissen. Sie liegt elf Monate zurück. Tina reist als Touristin. Der Polizist bleibt misstrauisch. Er bittet sie, abseits zu warten. Dann beginnt er zu telefonieren. Tina setzt sich auf eine Stahlkiste, von der aus sie den Beamten im Blick behält. Ihre Mutter harrt wie ausgemacht in der Abflughalle aus, bis sie die Tochter im Flieger weiß. Worauf aber wartet der Grenzpolizist? Nach einer gefühlten Ewigkeit lässt er das Mädchen schließlich passieren.  

Mit dem Bus geht es weiter auf das Rollfeld. Bevor Tina an Bord des Anadolujet-Fliegers geht, erlöst sie ihre Mutter per Handy mit der Nachricht: „Es ist gut gegangen.“ Entspannung ist angesagt. Mit Unwägbarkeiten ist erst wieder beim planmäßigen Zwischenstopp in Istanbul zu rechnen. Als die Maschine hier aufsetzt, ist es eine Stunde früher. Landebahnen, Gerätschaften und Gebäude leuchten im schönsten Morgenrot. 

9 Uhr, Istanbul: Bis zum Weiterflug nach Wien bleiben fast vier Stunden Zeit. Tina nimmt aus der roten Mappe die bunte Zeichnung, die Lea für sie gemacht hat, und erzählt, dass ihre 6-jährige Schwester immer noch hofft, die Familie werde irgendwann nach Hause fahren, in die alte Wohnung in Simmering. Im Jänner klopften hier Abschiebebeamte an die Tür. Das damals fünfjährige Mädchen musste fast alle ihre Spielsachen zurücklassen. Tina telefoniert mit ihrer Cousine und versucht, ihre beste Freundin zu erreichen. Sie hebt nicht ab. Aber sie hat versprochen, am Flughafen zu sein. „Vielleicht schläft sie“, sagt Tina. In Wien ist es noch zwei Stunden früher.  

12.45, Abflug nach Wien: Tina lenkt sich mit dem Handy-Computerspiel „Subway Surfers“ ab, das sie früher oft gespielt hat. Auf ihrem Handrücken sieht man zwei Streifen Lippenstiftfarbe. Den gestrigen Tag hat sie genützt, um Geschenke für ihre Freundinnen zu kaufen, Socken mit lustigen Mustern und Schminksachen. Je näher Wien rückt, desto größer wird die Anspannung. Die Dokumente in der roten Mappe werden noch einmal sortiert. Als der Flieger in Wien-Schwechat landet, tauchen gelbe Raiffeisen-Werbebanner auf. „Ich habe mich noch nie so gefreut, etwas auf Deutsch zu lesen“, sagt Tina.  

Für den Wiener Rechtsanwalt Embacher ist Zeit für ein Resumee. Vier intensive Tage liegen hinter ihm. Mit Kinderabschiebungen könne sich höchstens abfinden, wer sie aus großer Distanz betrachte.  Die Reise vor Ort bestätigt Embacher, „dass es ein menschenrechtlicher Skandal ist, Kinder in eine solche Lage zu bringen.“ Und: „Kinderrechte müssen endlich geachtet werden.“ 

13.30 Uhr, Passkontrolle in Wien: Tina und Anwalt Embacher reihen sich in die Schlange „All Passports“ ein. Dann geht alles plötzlich schnell. Prüfendes Blicken. Blättern. Nicken. Weitergehen. Jetzt ist Tina wirklich angekommen. Zurück in Wien. Ihr schwarzer Koffer taucht als einer der letzten am Gepäcksband auf, als könnte er es noch nicht ganz glauben. 15 Kilo wiegt er. Tina hat alles darin verstaut, was sie für die nächsten drei Monate braucht. Die 13-Jährige stützt sich darauf, als müsste sie sich bei ihm anhalten. Doch kaum um die nächste Kurve gebogen, wird sie ihn loslassen, der Koffer wird mit einem lauten Knall umfallen und Tina wird in den Armen ihrer Freundin liegen.  

Mitarbeit: Lena Leibetseder