oe24-Chef Niki Fellner: "Wir bringen, was zieht"

SEX, DRITTER WELTKRIEG UND VIDEO: Was international geklickt wird, mutet Niki Fellner auch dem heimischen Publikum zu.

SEX, DRITTER WELTKRIEG UND VIDEO: Was international geklickt wird, mutet Niki Fellner auch dem heimischen Publikum zu.

Niki Fellner, Geschäftsführer des Online-Portals und Fernsehsenders von "Österreich“, über die grenzenlose Jagd nach Klicks und sein rechtes Publikum.

INTERVIEW: CLEMENS NEUHOLD

profil: Nach einer Woche oe24 via Facebook habe ich Angst vor Flüchtlingen, dem Dritten Weltkrieg und davor, was passiert, wenn mein Penis abknickt. Ist das Journalismus?
Niki Fellner: Ich glaube nicht, dass man beim Lesen unserer Site Angst vor dem Dritten Weltkrieg bekommt. Diese Beispiele haben Sie geschickt herausgesucht. Genauso ziehen auf Facebook politische Storys. Am besten gehen noch immer exklusive Storys wie der Rücktritt von Erwin Pröll oder Storys, die vor den anderen gepostet werden: Das Posting zur Goldmedaille für Nici Schmidhofer bei der Ski-WM hatten wir beispielsweise mehrere Minuten vor den anderen. Das bringt deutlich mehr Traffic als ein US-Autor, der vor dem Dritten Weltkrieg gewarnt hat.

profil: Alarmierende Storys dominieren eindeutig.
Fellner: Wir arbeiten datengetrieben und analysieren mit Tools, welche Storys auf Social Media bewegen und Interaktionen bringen. Die Social-Media-Redaktion ist angehalten, besonders diesen Content zu posten.

profil: Selbst in den Politik-Storys geht es offenbar nur um Klicks und Emotion. Dass Sebastian Kurz von einem 16-jährigen Tschetschenen via Facebook bedroht wurde, trommelten Sie rauf und runter. Ein Würschtel, das den starken Mann markieren will, so hoch zu hängen: Ist das seriös?
Fellner: Es ist vielleicht kein Einblick ins neue Regierungsprogramm - die Story über das Regierungsprogramm haben wir übrigens auch gemacht. Aber es stimmt, was auf Facebook sehr gut geht, sind oft auch Storys über Facebook.

profil: Sie ziehen sich auf die nüchterne Analyse-Ebene zurück. Das ist keine Story über Facebook, sondern über einen Minderjährigen aus der unbeliebtesten Volksgruppe, der den beliebtesten Politiker bedroht. Eine reine Wut-Story.
Fellner: Sie sagen, der Bursche ist überbewertet. Ich bin der Meinung, man kann ihn thematisieren. Es hat sich auch das Außenministerium in einer offiziellen Stellungnahme zu dem Fall geäußert. Und mittlerweile wurde er aufgrund unserer Storys über seine Gewaltpostings von der WEGA festgenommen.


Wenn auf Facebook die Story vom Nachbarn, der mit einer Kartoffel erschlagen wird, zieht, dann bringen wir sie natürlich.

profil: Jetzt müssten wir die Polizei fragen, ob das stimmt. Journalismus ist Einordnung, die findet bei Ihnen nicht mehr statt.
Fellner: Wieso sind Sie dieser Meinung?

profil : Weil Daueralarm herrscht. Zur Auflockerung gibt es den Mann, der seinen Nachbarn mit einer Kartoffel erschlagen hat.
Fellner: Wenn auf Facebook die Story vom Nachbarn, der mit einer Kartoffel erschlagen wird, zieht, dann bringen wir sie natürlich. Wir konzentrieren uns auf Facebook auf jene Geschichten, die zu Interaktion und Traffic führen. Den kompletten Nachrichtenüberblick kann man auf Facebook ohnehin nicht liefern - dafür gibt es ja unsere Website. Und dort gibt es journalistische Einordnung.

profil: Ein beträchtlicher Teil liest Sie aber über Facebook. Und Sie haben nun wieder nüchtern und mit Klicks argumentiert. Qualitativ betrachtet erzeugen Sie mit den ausgewählten Storys Stimmung gegen Minderheiten, zum Beispiel gegen Muslime.
Fellner: Ich verwehre mich dagegen, dass wir Stimmung gegen Minderheiten machen.

profil: Storys über Flüchtlinge sind fast nur negativ.
Fellner: Das stimmt definitiv nicht. Aber wenn ein sexueller Übergriff passiert, berichten wir darüber, sonst heißt es Lügenpresse.

profil: Als Kardinal Schönborn in einer Predigt überspitzt warnte, "viele Muslime wollen Europa erobern“, ließen Sie auf Facebook abstimmen: "Steht Europa kurz vor der Eroberung durch die Muslime“ (Daumen hoch) oder "Das ist übertrieben“ (Herz). Es wurde fast nur auf den Daumen geklickt. Das ist Rudelbildung für den Abwehrkampf gegen Muslime.
Fellner: Facebook-Votings sind natürlich keine seriösen Meinungsumfragen. Das wissen die User. Aber die Quelle der Story war bitte eine Predigt des Kardinals.

profil: Aber stehen wir "kurz vor der Eroberung“?!
Fellner (lacht) : Natürlich nicht. Ich hätte mit Nein gestimmt.

profil: Sie sind ein seriöser Manager, der die Stimmung da draußen anheizt. Aus psychologischen Gründen drücken die meisten auf die Antwort mit dem Daumen, sagen Social-Media-Experten.
Fellner: Also das geht schon sehr in Richtung Verschwörungstheorien.


Was wir nicht tun, ist, frei erfundene Geschichten zu posten. Natürlich steht der Dritte Weltkrieg nicht vor der Tür, aber wenn ein US-Autor das behauptet …

profil: … die auf oe24 auch gerne verbreitet werden. Wären Ihre Leser, die sich an solchen Abstimmungen beteiligen, Wähler, wäre Österreich ein Land mit 75 Prozent FPÖ-Wählern.
Fellner: Der Eindruck rührt daher, dass die FPÖ und ihre erweiterte Wählerschaft auf Facebook sehr gut mobilisiert. Das betrifft andere österreichische Medien auf Facebook genauso.

profil: Wo liegen die ethischen Grenzen bei der Jagd nach Klicks?
Fellner: Dort, wo die Grenzen des Journalismus sind. Recherche und Wahrheit. Was wir nicht tun, ist, frei erfundene Geschichten zu posten. Natürlich steht der Dritte Weltkrieg nicht vor der Tür, aber wenn ein US-Autor das behauptet …

profil: Es gibt fünf Milliarden Behauptungen von US-Autoren. Aber Sie picken sich jene mit dem Dritten Weltkrieg heraus.
Fellner: Wenn wir sehen, dass Dutzende internationale Medien - von der "Bild“ bis zur "Huffington Post“ - darüber berichten und die Story auf Facebook viral geht, machen wir die Story.

profil: Das heißt, Sie recherchieren nicht selbst, sondern kopieren trendige Inhalte aus anderen Medien. Das könnten Roboter auch.
Fellner: Wir kopieren nicht, wir greifen Trend-Themen auf - das ist moderner Datenjournalismus. Die emotionale Komponente ist natürlich auch wichtig. Das schafft ein Roboter nicht.

profil: Sie berichteten mehrfach über einen Prozess gegen sechs offenbar muslimische Männer, die 2001 ein Mädchen vergewaltigt haben. Ohne klare Ortsangabe. Manche User dachten, das sei bei uns passiert, und hetzten: "Der Islam ist eine Landplage“ oder "Der Islam bringt Missgeburten hervor“.
Fellner: Bei diesem Bericht ging es um den Prozess, der gerade stattfand. Darüber haben wir berichtet wie Dutzende internationale Medien. Die Postings dazu sind selbstverständlich zu verurteilen - wir versuchen, solche Postings schnellstmöglich zu löschen. Aber da ist vor allem Facebook gefordert.

profil: Hauptsache negative Emotion, egal wo auf der Welt die Story spielt? Die Postings waren übrigens Tage später noch zu lesen.
Fellner: Wir bringen Storys, die weltweit für Aufsehen sorgen.

profil: Das ist das Ende journalistischer Verantwortung.
Fellner: Das sehe ich nicht so: Journalistische Verantwortung ist uns besonders wichtig. Wir berichten selbstverständlich auch über das Geschehen in Österreich. Und international über die großen Storys wie Donald Trump.


Also als Strache-Macher sehen wir uns nicht.

profil: Sie gefühlte 50 Mal pro Woche. Er muss für Sie sein wie Weihnachten und Ostern zusammen.
Fellner: Abo-Rekorde feiern Medien wie die "New York Times“.

profil: Weil sie das Phänomen analysieren. Auf oe24 erfuhr ich über Trump zuerst, dass er bald zurücktritt und dann, dass er den Dritten Weltkrieg auslösen könnte.
Fellner: Wir haben auch viele sachpolitische Storys über Donald Trump gebracht, beispielsweise über seine Einwanderungspolitik. Wir sind eines der ganz wenigen österreichischen Online-Portale mit einem eigenen USA-Korrespondenten, der täglich aus Amerika berichtet. Und wir haben mit genügend Leitartikeln gezeigt, dass wir Trump mit Sorge gegenüberstehen.

profil: Diese Storys finde ich aber nicht auf Facebook. Eine britische Studie sagt, dass Leute, die nur Boulevard lesen, eher ein zynisch-fatalistisches Weltbild haben. Diese Leute neigen stark zur FPÖ. Sind Sie ein HC-Strache-Macher?
Fellner: Also als Strache-Macher sehen wir uns nicht. Im Gegenteil. Wir haben einige Sträuße mit der FPÖ ausgefochten. Wir stehen der FPÖ - wie auch den anderen Parteien - in vielen Dingen sehr kritisch gegenüber.

profil: Sie verstärken jene Emotion, auf der die FPÖ surft, maximal. Wie kaum ein anderes Medium.
Fellner: Ich glaube, dass die FPÖ derzeit Themen besetzt, die ein extremes Interesse hervorrufen. Aber das liegt doch nicht an oe24 oder der Tageszeitung "Österreich“. Diese Themen besetzt auch Kurz und gräbt der FPÖ damit verstärkt das Wasser ab.

profil: Tut es Ihnen weh, wenn Sie als Schmuddeljournalist dargestellt werden?
Fellner: Es tut mir nicht weh. Ich finde es ungerecht. Unsere Artikel sind besser recherchiert als jene in den selbst ernannten Qualitätsmedien.

profil: Was ist Ihr Ziel mit oe24?
Fellner: Das größte Online-Medium vor orf.at zu werden.

profil: Mit hemmungsloser Jagd nach Klicks?
Fellner: Nein, mit Storys, die bewegen.