ORF-Online-Chef Prantner: "TV-Studio ist keine Anklagebank"

Thomas Prantner

Thomas Prantner

ORF-Online-Chef Thomas Prantner über den Unterschied zwischen Interview und Verhör, Twitter-Aktivitäten von Moderatoren und die digitale Zukunft des Rundfunks im Zeitalter von Google und Facebook.

INTERVIEW: GERNOT BAUER

profil: Sie sind seit 15 Jahren in Spitzenfunktionen im ORF. So lange halten sich Führungskräfte im Rundfunk normalerweise nicht.
Thomas Prantner: Ich bin seit fast 30 Jahren im Unternehmen, Gerhard Zeiler hat mich in den ORF geholt. Ich hatte immer spannende Funktionen, zumeist in guten Phasen, und habe sechs Generaldirektoren erlebt. Und überlebt.

profil: Wie schafft man das?
Prantner: Man muss seine Leistung bringen, braucht gute Nerven, Konsequenz und ein kompetentes Team. Glück und Förderer gehören auch dazu.

profil: Sie werden als FPÖ-nah etikettiert, wogegen Sie nie Einspruch erheben.
Prantner: Werde ich auch jetzt nicht. Ich würde mich als bürgerlich-unabhängig bezeichnen.

profil: Sie haben wohl auch überlebt, weil Sie der Verbindungsmann von Generaldirektor Alexander Wrabetz zur FPÖ sind.
Prantner: Wrabetz hat - so wie ich - zu allen Parlamentsparteien eine korrekte Gesprächsbasis, auch zur FPÖ. Das ist nicht nur nicht verboten, sondern im Unternehmensinteresse auch sinnvoll und notwendig, wenn es etwa um gesetzliche Rahmenbedingungen geht. Wir leben hier nicht im luftleeren Raum, unsere Stakeholder als öffentlich-rechtlicher Rundfunk sind die Öffentlichkeit und die Politik, die ja ihre Vertreter in den ORF-Stiftungsrat entsendet.

profil: Die FPÖ beschwert sich gern über die Fernseh-Berichterstattung im ORF.
Prantner: Wenn von der FPÖ Kritik an der Berichterstattung kommt, muss man sich dieser genauso professionell stellen wie bei jeder anderen Partei. Es gibt berechtigte und nicht berechtigte Beschwerden der FPÖ. Die Entscheidung über die journalistische Berichterstattung liegt bei den unabhängigen Redaktionen. Was sichergestellt sein muss, ist die Einhaltung des "genetischen Codes“ der ORF-Information: Unabhängigkeit, Glaubwürdigkeit, Objektivität und die Gleichbehandlung aller Parteien. Im von mir verantworteten Online-Bereich gibt es kaum öffentliche Diskussionen oder Kritik an der Berichterstattung. Das ist ein Verdienst der Redakteure, aber auch des Managements.

profil: Der ORF-Redakteursrat kritisiert die neue Organisation mit Channel-Managern für die Kanäle. Alexander Wrabetz hätte dadurch eine Machtfülle wie kein Generaldirektor vor ihm.
Prantner: Der Generaldirektor als Alleingeschäftsführer hat per legem eine große Machtfülle inklusive Weisungsrecht - er trägt ja auch die Gesamtverantwortung. Problematisch wäre diese nur, wenn er jeden Tag Weisungen erteilen würde. Ich arbeite mit Alexander Wrabetz seit mehr als zehn Jahren zusammen und kann mich an keine einzige redaktionelle Weisung erinnern. Die strategische Neupositionierung der beiden TV-Kanäle macht eine umfassende Strukturreform notwendig. Das System der Channel-Manager und Channel-Chefredakteure für ORF 1 und ORF 2 garantiert klare Produktverantwortungen, raschere Entscheidungswege und mehr Pluralität.

profil: Und mehr Bürokratie.
Prantner: Nein. Die finanzielle Situation des ORF erfordert umfassende Reformmaßnahmen, um das Unternehmen zukunftsfit zu machen. Generaldirektor Wrabetz hat eine sechsköpfige Transformer-Group eingesetzt, die derzeit alle ORF-Strukturen auf Effizienz-Verbesserungen und Einsparungspotenziale durchforstet. Ich unterstütze voll und ganz diesen Modernisierungskurs.


Das Bekenntnis zu kritischem und investigativem Journalismus heißt nicht, dass jeder machen kann, was er will.

profil: In der Reformgruppe sitzen Sie und der Exdirektor des ORF-Salzburg, Roland Brunhofer. Dieser könnte ORF-2-Chef werden. Die Redakteure kritisieren ihn, weil er sich als Sozialdemokrat bezeichnet und angekündigt haben soll, die "ZIB 2“ an die Kandare zu nehmen.
Prantner: Roland Brunhofer ist für mich das Paradebeispiel eines durchsetzungsfähigen Medienmanagers und kreativen Programmmachers mit großer journalistischer Erfahrung. Die Tatsache, dass er persönlich eine sozialdemokratische Weltanschauung hat, disqualifiziert ihn nicht für eine Führungsfunktion, wenn er diese korrekt ausübt.

profil: Brunhofer meinte wörtlich, dass Politiker im ORF "spätabends einem Verhör“ unterzogen würden. Das mussten "ZIB 2“-Mitarbeiter und Armin Wolf auf sich beziehen. Ein früherer Landesdirektor sollte den Unterschied zwischen kritischem Interview und Verhör eigentlich kennen.
Prantner: Es gibt das ORF-Gesetz und das Redakteursstatut. Das Bekenntnis zu kritischem und investigativem Journalismus heißt aber nicht, dass jeder machen kann, was er will. Aus meiner Sicht gilt das auch für Interviews. Fairness, Korrektheit und Respekt gegenüber einem Interviewpartner schließen eine harte Interviewführung nicht aus. Es ist unzumutbar für einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wenn das TV-Studio wie ein Verhörraum oder eine Anklagebank wirkt. Politiker müssen sich kritische Fragen gefallen lassen, es kommt aber immer auf Ton und Stil der Fragestellung an. In diesem Sinn hat es Brunhofer wohl gemeint.

profil: Sie bezeichnen ein ORF-Studio als Anklagebank?
Prantner: Es gibt einzelne Fälle, in denen für den Interviewpartner und auch das Publikum dieser Eindruck entstehen musste. Das große Vorbild für korrekten Fernsehjournalismus ist für mich Hugo Portisch. Er hat ohne Zynismus kritisch hinterfragt, ohne den anderen herunterzumachen.

profil: Ihnen wird nachgesagt, bisweilen auf Berichte auf ORF.at Einfluss zu nehmen.
Prantner: Über die Berichte auf ORF.at entscheiden der Chefredakteur und seine Redaktion. Wenn Beschwerden an mich herangetragen werden, egal von welcher Seite, prüfe ich diese, leite sie weiter und sage dem Chefredakteur meine Meinung. Manchmal gibt er mir recht, manchmal nicht.

profil: Aus marktwirtschaftlicher Sicht ist ORF.at eine Zumutung. Mit 600 Millionen Euro aus Gebühren drängt der ORF private Anbieter aus dem Online-Markt.
Prantner: Das ist falsch. ORF.at ist ein Erfolgsprodukt, weil eine Million Österreicher, die wir nicht dazu zwingen können, unsere Onlineangebote nutzen wollen. Das ist unser gesetzlicher Auftrag, bei dem wir massiven Beschränkungen unterliegen. Etwa im mobilen Bereich. Diese Restriktionen sind nicht mehr zeitgemäß und sollten geändert werden.


Wer öffentlich im Fernsehen auftritt, kann auf Facebook oder Twitter nicht privat sein. Er oder sie wird als ORF-Vertreter wahrgenommen.

profil: Der ORF dominiert den Markt.
Prantner: Den Markt dominieren internationale Internetkonzerne wie Google oder Facebook, die auch die Hälfte aller Online-Werbeeinnahmen in Österreich abkassieren. Das sind die wahren Gegner der österreichischen Online-Medien. Und uns wirft man ständig Prügel vor die Füße, wenn wir neue Online-Angebote für das Publikum starten wollen. Allein dass wir einen thematisch begrenzten YouTube-Kanal planen, verursacht große Aufregungen.

profil: Was hat ein eigener YouTube-Kanal eigentlich noch mit dem öffentlich-rechtlichen Auftrag zu tun?
Prantner: Der öffentliche Auftrag bezieht sich auch auf fiktionale Themen. Wir müssen die Jungen dort erreichen dürfen, wo sie sich in ihrer Mediennutzung aufhalten. Daher wird der ORF auch sein Engagement in den sozialen Medien gezielt wahrnehmen - ohne dass wir unseren ORF-Content Facebook oder Google in den Rachen werfen. Im Gegenteil - wir stellen diesen über die APA auch den österreichischen Zeitungen zur Verfügung.

profil: ORF-Mitarbeiter sind als Privatpersonen in sozialen Medien bereits jetzt sehr aktiv.
Prantner: Unbestritten ist, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung für alle gilt. Den diversen Social-Media-Aktivitäten prominenter ORF-Moderatoren auf Twitter oder Facebook stehe ich allerdings kritisch gegenüber. Diese dienen oft mehr der Eigenprofilierung und Marktwertsteigerung als dem Unternehmensinteresse. Wer öffentlich im Fernsehen auftritt, kann auf Facebook oder Twitter nicht privat sein. Er oder sie wird als ORF-Vertreter wahrgenommen. Ich bezweifle, dass persönliche Kommentare zu politischen Geschehnissen Teil von professionellem Journalismus im Sinne des ORF sind.

profil: Sollte man dies regulieren?
Prantner: Maulkorberlasse sind grundsätzlich kontraproduktiv. Es gibt aber ohnehin Richtlinien, die nur eingehalten werden sollten.

profil: Ist das traditionelle Fernsehen im Zeitalter von YouTube, TVthek und Streaming eigentlich überlebensfähig?
Prantner: Ganz sicher. Wir haben die ORF-TVthek mit 1,2 Millionen monatlichen Usern zur erfolgreichsten Videoplattform Österreichs gemacht, sie ist aber kein Ersatz, sondern nur eine Ergänzung zum klassischen TV. Mit der ORF-TVthek erreichen wir rund drei Prozent der Fernsehnutzung aller vier ORF-Sender zusammen. Allerdings führt kein Weg daran vorbei, den ORF zur multimedialen Plattform weiterzuentwickeln, denn in der Medienwelt wird kein Stein auf dem anderen bleiben.

Thomas Prantner, 52
Der in Niederösterreich aufgewachsene Prantner arbeitet seit 30 Jahren im ORF. Sein Vater war Sekretär des Staatsvertragskanzlers Julius Raab (ÖVP). Im Jahr 1994 wurde Prantner persönlicher Sekretär des damaligen ORF-Generals Gerhard Zeiler. 1995 übernahm er den einflussreichen Posten des Leiters der ORF-Hauptabteilung Öffentlichkeitsarbeit und Information. 2002 wurde er Marketing-Chef des ORF. 2007 stieg Prantner in die Geschäftsführung auf und wurde Direktor für Online und neue Medien. Seit April 2012 dient er als stellvertretender Technik-Direktor und Leiter der Hauptabteilung Online und neue Medien. Als solcher verantwortet er unter anderem ORF.at, TVthek und Teletext.

Dieser Artikel stammt aus dem profil Nr. 17 vom 24.4.2017. Das aktuelle profil können Sie im Handel oder als E-Paper erwerben.