Pavol Dubček: "Es ist doch gelungen"

PAVOL DUBCEK, CHIRURG: "Mein Vater hat sich gern unter einfache Leute gemischt."

PAVOL DUBCEK, CHIRURG: "Mein Vater hat sich gern unter einfache Leute gemischt."

Pavol Dubček, ältester Sohn von Alexander Dubček und Arzt, über das politische Vermächtnis des Reform-Kommunisten.

INTERVIEW: OTMAR LAHODYNSKY

profil: Welche Hoffnungen hatte Ihr Vater während des Prager Frühlings?
Dubček: Mein Vater war nicht naiv, aber er glaubte an den Prozess der Demokratisierung des Systems. Man sprach von einem "Sozialismus mit menschlichem Antlitz". Jede andere Bezeichnung für den Reformweg wäre zu gefährlich gewesen. Kein anderer Politiker in kommunistischen Ländern erreichte damals die Popularität meines Vaters. Er hat Politik für die Bürger gemacht.

profil: Wann hat er bemerkt, dass seine Reformen der Führung in Moskau zu weit gingen?
Dubček: Das passierte alles schrittweise. Mein Vater hat sich mit vielen Kollegen wie Tito aus Jugoslawien oder János Kádár aus Ungarn und anderen oft informell getroffen, etwa bei Jagdeinladungen. Auch Kreml-Chef Leonid Breschnew hatte meinen Vater lange unterstützt. Mein Vater hat sich bei offiziellen KP-Treffen auch immer unter die einfachen Leute gemischt, um ihre Sorgen und Anliegen zu erfahren.

profil: Die wirtschaftlichen Reformpläne des Prager Frühlings gehen auf die Ideen von Eduard Goldstücker und Ota Šik zurück?
Dubček: Es ging um die Dezentralisierung der Macht. Mein Vater hat als erster KP-Politiker die führende Rolle der Partei in der Wirtschaft infrage gestellt. Marktwirtschaftliche Ideen sollten die Planwirtschaft ersetzen.


Die Normalisierer hofften, dass mein Vater sich in den Westen absetzen würde.

profil: War Österreich mit seiner Neutralität und seinen westlichen Werten ein Vorbild?
Dubček: Österreich war für ihn tatsächlich ein Vorbild. Er hatte auch mit Sozialdemokraten wie Bruno Kreisky und Heinz Fischer ein herzliches Verhältnis.

profil: Wie erlebte die Familie Dubček den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes 1968?
Dubček: Es war für uns alle ein großer Schock. Mein Vater wurde unter Bewachung nach Moskau gebracht. Wir rechneten mit dem Schlimmsten. Als er wieder zurückkam, hat er zu allem geschwiegen und ist sehr nachdenklich geworden. Aber er freute sich über die Unterstützung von kommunistischen Parteien in Italien oder Frankreich, die den Einmarsch verurteilten. Für mich war damals nicht klar, ob ich mein Medizin-Studium fortsetzen darf.

profil: Ihr Vater wurde 1969 als Botschafter in die Türkei entsandt.
Dubček: Die Normalisierer hofften, dass mein Vater sich in den Westen absetzen würde. Dann hätte man ihn als Feigling darstellen können. Doch er ist ein Jahr später wieder zurückgekommen und musste dann in der staatlichen Forstverwaltung arbeiten.

profil: Hatte Dubček später Kontakt mit Michail Gorbatschow?
Dubček: Darüber weiß ich leider nichts. Gesichert ist, dass Gorbatschow mit seinem Studienfreund aus Prag, Zdeněk Mlynář, Kontakte hatte. Aber 1989 hat Papa die Reformen Gorbatschows bei einem Spaziergang mit mir so kommentiert: "Es ist doch gelungen!"

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