Wahlkampf-Heuler

Das Politikum Wolf: Isegrim und seine rechten Feinde

Soll man sie schießen oder schützen? Der Wolf ist Wahlkampfthema geworden. Auf den Spuren einer verbitterten Debatte.

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Am markantesten ist der Schädel. Die kleinen, aufgerichteten Ohren, das starke Gebiss, das zweigeteilte Fell. Oberhalb der Schnauze ist das Fell eines Wolfes grau, unterhalb meist viel heller, manchmal gar weiß. Die Tiere können mit ihrem Geheul unwirkliche Töne von sich geben, die Laute sind hoch und lang gezogen. Wenn es schnell gehen muss, rennen Wölfe mit bis zu 60 Stundenkilometern durch Felder, Wälder oder über Almwiesen. Wenn der Wolf will, dann kann er ziemlich jedes Tier, das ihm in die Quere kommt, erlegen. Er beißt seiner Beute meist in die Kehle, dann öffnet er die Bauchhöhle und macht sich an die Gedärme.

Es ist kein Wunder, dass den Wolf so viele Mythen umgeben, er ist ein beeindruckendes Tier. Doch ins Reich der Legenden gehört er schon lange nicht mehr. Fast 15 Jahre ist es her, da sind die ersten Wölfe aus den Nachbarländern nach Österreich eingewandert – gut 100 Jahre nach ihrer lang ersehnten Ausrottung.

Was Tier- und Umweltschützer freut, ist für viele Jäger und Landwirte ein ziemliches Problem. Der Wolf frisst so manchem Bauern die Nutztiere weg, den Jägern bringt er die Wildbestände durcheinander. Sie fürchten um ihre Kulturlandschaft. Was vor knapp zehn Jahren als Kleinkonflikt der Lokalpolitik begonnen hat, hat sich zur Grundsatzfrage ausgewachsen: Schießen oder schützen?

Die FPÖ bespielt das Thema, wo es nur geht, im ganzen Land lädt sie zu Stammtischen und Referaten, in Salzburg macht sich Landeshauptmann-Stellvertreterin Marlene Svazek für eine härtere Gangart im Umgang mit dem Tier stark, mittlerweile lässt auch die ÖVP kein gutes Haar mehr am Wolf. In Kärnten beriet der Landtag erst am Donnerstag über ein neues Gesetz, das Abschüsse erleichtern soll und ein Prestigeprojekt von ÖVP-Landesrat Martin Gruber ist.

Doch im EU-Wahlkampf ist der Umgang mit dem Tier ein Dauerbrenner. Die Europäische Volkspartei fordert in ihrem Wahlprogramm die Senkung des Schutzstatus, in Bad Aussee trafen sich Mitte April Politiker aus nah und fern und beschlossen eine Wolfs-Deklaration, die an die Kommission und das EU-Parlament gerichtet ist.

Grund genug für eine Spurensuche in alten Zeitungsartikeln, wissenschaftlichen Studien und Landgasthäusern, die zeigen soll, wie der Wolf vom Mythos zum Ärgernis und vom Ärgernis zum Wahlhelfer der Rechten wurde.

Habsburger Wolfspolitik

Der Wolf war schon zu einer Zeit ein Politikum, aus der es kaum mehr schriftliche Aufzeichnungen gibt. Aus dem Dezember 1559 ist ein kaiserlicher Befehl überliefert. Darin heißt es, dass in Hütteldorf – heute Stadtteil, damals Vorort von Wien – ein „Wolfsgarten“ zu errichten sei. Dabei wird ein Holzzaun entlang einer Geländesenke aufgestellt, von außen können Wölfe ohne Weiteres einspringen, die Flucht aber ist unmöglich. Es ist eine Zeit, da hat nur der Adel Schusswaffen, den einfachen Leuten bleiben Holzprügel, Fangnetze und das Gebet. Noch heute erinnert der „Wolfersberg“ im 14. Wiener Bezirk an den Wolfsgarten von damals.

Im Kampf gegen den Wolf erbaten die Wiener auch göttlichen Beistand. Im Stephansdom wurde wohl ab dem 14. Jahrhundert der „Wolfssegen“ gebetet, immer nach der Christmette, spät in der Nacht auf den 25. Dezember. Dabei wurde „in einem absonderlichen Ton unter Läutung der großen Glocken“ das Matthäusevangelium gesungen, wie es in einem Kodex aus dem Jahr 1580 heißt. Noch bis ins 18. Jahrhundert hielt sich der Brauch.

Moritz Ablinger

Moritz Ablinger

war bis April 2024 Redakteur im Österreich-Ressort. Schreibt gerne über Abgründe, spielt gerne Schach und schaut gerne Fußball. Davor beim ballesterer.