Papst Franziskus mit Viktor Orbán

Papst Franziskus mit Viktor Orbán

© Handout / VATICAN MEDIA / AFP

profil-Morgenpost
09/13/2021

Franziskus in Ungarn. Heinz Fischer in Linz.

Das ehemalige Staatsoberhaupt übt direkte Kritik, der Papst ganz und gar nicht. Dennoch gibt es eine Gemeinsamkeit. Mir bereitet das ein wenig Unbehagen.

von Christian Rainer

Greifen wir an diesem Dienstag ganz groß und betrachten wir Ereignisse von internationaler Dimension! Wir greifen sogar noch etwas größer – jedenfalls nach metaphysischen Standards –, da es um den Vatikan geht: Papst Franziskus hatte zu Beginn einer viertägigen Pilgerreise am Sonntag Ungarn besucht und Viktor Orbán getroffen. Die unterschiedlichen Interpretationen dieser Zusammenkunft sind ein Beispiel für eine nachgerade artistische Kunst der Message Control. Selbst der versierte Sebastian Kurz braucht da noch ein paar göttliche Funken. Der Papst besuchte Ungarn nämlich für nicht einmal einen Tag, während er drei Tage in der vergleichsweise unbedeutenden Slowakei verbringt. Der Ministerpräsident bekam ihn überhaupt nur 40 Minuten zu Gesicht. Das ist dann auch schon die Message: Franziskus speist die nationalkonservative und explizit migrations- und islamfeindliche ungarische Regierung mit einem gerade noch höflichen Zeitfenster ab.

Mir fehlt die göttliche Offenbarung

Orbán schuf freilich seine eigene Version: Franziskus sei schließlich nur zur Abschlussmesse des Eucharistischen Kongresses angereist. Da sei ein zusätzliches Zusammentreffen mit der hohen Politik geradezu eine Auszeichnung. Folgerichtig versah Orbán das gemeinsame Foto auf Facebook dann auch mit seinem persönlichen Logo für die Parlamentswahlen 2022. Unerklärlich blieb mir nur, warum Franziskus nach eigener Exegese nicht über Migration gesprochen haben will – für eine Antwort fehlt mir jede göttliche Offenbarung.

Derweil, fast zeitgleich am Sonntag und auch an der Donau: Linz. Dort sprach Heinz Fischer bei der Eröffnung des Internationalen („international“, das ist meine Brücke, siehe erster Satz) Brucknerfestivals. In seiner Festrede kritisierte der ehemalige Bundespräsident ganz unverblümt die Volkspartei, ohne sie zu nennen: Man dürfe in der gegenwärtigen Situation nicht einmal in Erwägung ziehen, Menschen nach Afghanistan abzuschieben.

Hat Österreich zwei Bundespräsidenten?

Tatsächlich fand auch ich es unerträglich – und lächerlich –, dass der Innenminister parallel zur Einnahme von Kabul durch die Taliban noch Verhandlungen mit den Afghanen über derartige Abschiebungen versprach. Seither ist niemand in der ÖVP ausgeschert. Dennoch beschleicht mich ein ungutes Gefühl: Österreich scheint seit einigen Monaten zwei Staatsoberhäupter zu haben, die in ihren moralischen Warnungen noch dazu auf derselben Linie liegen. Ich würde auch eine Wette eingehen, dass 20 Prozent der Bevölkerung nicht wissen, ob Heinz Fischer oder Alexander Van der Bellen der amtierende Bundespräsident der Republik ist.

Da schließt sich der Kreis zum Vatikan, wo ja auch ein Staatsoberhaupt außer Dienst und ein amtierender Papst mit moralischer Autorität zugegen sind. In diesem Fall und nach ihren eigenen Standards sogar in alle Ewigkeit, also zumindest bis zum jüngsten Gericht.

Christian Rainer

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