ÖVP-BUNDESPARTEIOBMANN SEBASTIAN KURZ

Kurz goes Hollywood

© APA/HANS KLAUS TECHT / HANS KLAUS TECHT

profil-Morgenpost
01/04/2022

Kurz: Der mit der Zeit geht ...

Was macht ein politisches Talent wie Sebastian Kurz in Hollywood?

von Christa Zöchling

Es ist ein Ritual geworden, zu Neujahr sein Leben zu überdenken, neue Vorsätze zu fassen, mit Gewohntem zu brechen. Doch so radikal, nicht ganz aus freien Stücken freilich, hat es selten einer gemacht.

In diesen Tagen ist der von vielen einst geliebte und bewunderte, ehemalige österreichische Bundeskanzler in auf Haussuche in Hollywood. Sebastian Kurz wird demnächst in der Firma des Investors Peter Thiel als „Global Strategist“ eine Rolle spielen, glaubt man den kolportierten Summen, die er dort verdienen soll, eine nicht ganz unwesentliche Rolle.

Die „Süddeutsche Zeitung“ nennt den Wechsel des Politikers in die Welt der Digitalkonzerne  eine „Einladung in eine Burschenschaft der Visionäre, für die Demokratie, Pressefreiheit und Kartellrecht anachronistischer Firlefanz sind, der nur den Fortschritt ausbremst“. 

Wer ist Peter Thiel? Ein erfolgreicher Investor, immer vorn dabei. Kapitalgeber von Facebook, Mitbegründer des Online-Bezahldiensts „Paypal“ und des Unternehmens „Palantir Technologies“, das eng mit Geheimdiensten zusammenarbeitet und das Behörden und Staaten gern für die Auswertung großer Datenmengen beauftragen.

Thiel ist Amerikaner deutscher Abstammung, ein Trump-Fan der ersten Stunde, der den Ex-Präsidenten im zweiten US-Präsidentschaftswahlkampf allerdings nicht mehr unterstützte; ein bibelfester Konservativer, ein Technikgläubiger, einer, der Konzerne für geeigneter hält, die Geschicke der Menschheit zu lenken als Parlamente, demokratische Verfassungen und mühsame Kompromissfindung.

Thiel wird Freude an Kurz haben

Und wer ist Sebastian Kurz? Bisher galt er als großes politisches Talent. In Wahlkämpfen sah man ihn empathisch auf die Menschen zugehen. Er unterschied nicht nach Rang und Namen, hörte zu, dachte mit, sah seinem Gegenüber in die Augen und gab jedem das Gefühl, er nehme ihn ernst. Er war unprätentiös, nur sein Haarhelm musste immer tipptopp sein und glänzen. Im Umgang mit Journalisten wurde er schnell ungemütlich und fordernd; im Parlament stellte er sich ungern der Debatte. Die öffentlich bekannt gewordenen Chats zeigen nun, was im Hintergrund lief: dass Kurz bereit war, über Grenzen zu gehen. Hinter der höflichen, netten Fassade offenbarte sich ein harter, andere Meinungen verachtender, zielstrebiger und ungeduldiger Charakter.

profil hat 2021 zum „Mensch des Jahres“ ein Ding gewählt - „das Handy des Thomas Schmid“. Ton und Inhalt dieser Chats haben die Republik verändert und einen Kanzler gestürzt.

Peter Thiel wird das Sittenbild, das sich hier offenbart, nicht stören. Im Gegenteil. Zeugt es doch von großem Durchsetzungswillen. Er wird an seinem neuen Mitarbeiter Freude haben.

Und profil wird weiterhin beobachten, beschreiben, analysieren und aufdecken, noch besser als bisher. Das ist der Vorsatz.

Blieben Sie uns gewogen,

Ihre Christa Zöchling

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