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Was ist los mit der SPÖ?

Die Sozialdemokraten finden einfach nicht mehr zurück zu alter Größe. Wer braucht sie noch?

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Die Aufmärsche am ersten Mai gehören zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen. Ich war, wie zahlreiche Fotos belegen, jedes Jahr mit dabei, eine rote Nelke am Revers, auf den Schultern meines Vaters oder eines Freiwilligen, der bereit war, mich durch die Innenstadt zu schleppen.

Der erste Mai war etwas Besonderes. An diesem Tag mussten wir zu Fuß gehen, Öffis fuhren zumindest bis Mittag keine, auch die Straßenbahner wollten mitmarschieren.

Für uns Kinder war die Folklore großartig. Wir bekamen rote Luftballons und Eis, es gab Kasperltheater und Ponyreiten – und immer viel zu sehen. Kommunisten und Sozialisten, Kurden und albanische Maoisten, alle denkbaren und undenkbaren Gruppen kamen zusammen und sangen die Internationale.

Die Kommunisten trafen sich übrigens vor dem McDonald's am Schwarzenbergplatz – eine Ironie, die mir natürlich erst viel später auffiel.

Als ich dann, viele Jahre später, zum ersten Mal seit Langem wieder am Feiertag der SPÖ vor dem Rathaus war, erkannte ich den Aufmarsch nicht wieder. War er geschrumpft oder lag es daran, dass ich größer geworden war?

Es war jener Maiaufmarsch 2016, an dem die rote Basis den damaligen SPÖ-Chef und Bundeskanzler Werner Faymann ausbuhte. In den 1980er und 1990ern wäre so etwas undenkbar gewesen.

Der erste Mai ist nicht erst seit der Corona-Pandemie nicht mehr das, war er einmal war.

„Die SPÖ hat sich verrannt“

Die ausbleibenden Massen am Tag der Arbeit sind so etwas wie ein Stimmungsbarometer für die SPÖ. Die Sozialdemokratie hat unglaubliche Verluste hinnehmen müssen. Während sie früher zumindest in Wien so gut wie überall mitspielte und über zahlreiche Vereine bis in die Freizeitgestaltung der Arbeiterklasse hineinwirkte, verliert sie heute immer mehr ihrer Hochburgen an die FPÖ.

Auf wichtige Fragen hat die Sozialdemokratie keine Antworten gefunden, darunter jene der Migration sowie der Individualisierung der Gesellschaft in einer neoliberalen Welt.

„Die SPÖ hat sich verrannt“, konstatieren Clemens Neuhold und Christa Zöchling in der Titelgeschichte des aktuellen profil – und gehen der Frage nach, wieso die Partei nicht mehr zu alter Größe zurückfindet. Wofür steht die SPÖ heute überhaupt? Man weiß es nicht genau. Ob bei den Corona-Maßnahmen, der Migrationsfrage oder Identitätspolitik: Nirgends tritt sie geschlossen auf.

Dabei bräuchte es dringend eine starke Sozialdemokratie, von der sich Arbeiter vertreten fühlen können. Aktuell zeigt sich das etwa in Steyr, wo das MAN-Werk vor der Schließung steht. Christa Zöchling hat mit den Arbeitern dort gesprochen und ihren Frust aufgezeichnet. „Die Sozialdemokraten sind zum Teil so weit weg, dass sie gar nicht nachvollziehen können, was in einer Werkstatt abgeht“, sagt einer.

Vom ersten Mai ist mir eine Szene besonders lebhaft in Erinnerung geblieben: Ich hatte den Rat meiner Eltern, den obligatorischen roten Ballon an meiner Jacke zu befestigen, selbstbewusst ignoriert. Irgendwann entglitt er mir und schwebte davon, über die Köpfe der Massen hinweg, immer weiter, bis er als kleiner Punkt am Himmel verschwand. Ich weinte bitterlich.

Siobhán Geets

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Siobhán Geets

Siobhán Geets

ist seit 2020 im Außenpolitik-Ressort.