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profil-Morgenpost
10/29/2021

Wiens längste Nacht

Über einen Helden der Terrornacht vor einem Jahr.

von Thomas Hoisl

Genau heute vor einem Jahr wurde Wien von einem Terroranschlag erschüttert. Vier Menschen wurden getötet, etliche verletzt und traumatisiert. Die Bilder und Szenen des 2. Novemberabends 2020 haben sich ins kollektive Bewusstsein der Stadt gebrannt. Und jede Bewohnerin und jeder Bewohner Wiens hat wohl seine eigenen Erinnerungen und Erlebnisse über diese Nacht zu erzählen.

Eine besondere Geschichte weiß Osama Joda Abu El Hosna zu berichten. Der 24-Jährige war als Teenager mit seiner Familie aus dem Gazastreifen nach Österreich geflüchtet. Er machte eine Elektrikerlehre, begann dann in der McDonald‘s-Filiale am Wiener Karslplatz zu arbeiten. Am Abend des 2. November war seine Schicht dort eigentlich schon vorbei, als ihn sein Chef fragt, ob er nicht anschließend noch am Schwedenplatz aushelfen könne. Für den anstehenden Lockdown seien noch Vorbereitungen zu machen. Osama Joda willigt sofort ein.

Mit einem Kollegen trägt er Geräte und Absperrbänder von einer Parkgarage zur Filiale, als zwanzig Meter von ihnen entfernt Gewehrschüsse donnern. Hinter einem Baum sucht er Zuflucht, Salven schlagen neben ihm ein. Direkt neben ihm geraten zwei Streifenpolizisten ins Feuergefecht, einer von ihnen wird am Bein getroffen. Der Attentäter zieht sich zurück, Osama Joda lotst anrückende Spezialeinheiten in seine Richtung und trägt den Schwerverletzten mit zwei weiteren Helfern zu einem Rettungswagen.

Tage später gilt Osama Joda, der immer wieder wegen seines Namens ausgelacht wurde und dessen Familie in einer niederösterreichischen Ortschaft nicht erwünscht war, als ein „Held“ der Terrornacht. An dem Begriff hängt er selbst nicht. „Ich wollte einfach helfen und fertig. Mit Szenen wie im Krieg bin ich aufgewachsen“, erzählt er, während er die Seitenstettengasse nahe dem Schwedenplatz hinaufgeht.

Osama Joda Abu El Hosna am Schwedenplatz

Immer noch sind Spuren der Tatnacht erkennbar, um ein Einschussloch hat jemand ein Herz gezeichnet. Zum Gedenken werden in diesen Tagen wieder Kerzen aufgestellt. Für Nedzip V. (21), der am Abend des 2. November seine Abrüstung vom Bundesheer feiern wollte; für Vanessa P. (24), eine deutsche Kunststudentin, die im Lokal Salzamt jobbte; für Gudrun S. (44), die sich in einem Frauenzentrum engagierte; und für Quiang L. (39), der ein asiatischen Restaurant am Schwedenplatz führte.

Im aktuellen profil finden Sie eine ausführliche Recherche zur Terrornacht. Neue Akten geben Einblick in die bisherigen Ermittlungen und beleuchten die Rolle möglicher Mittäter.

Ich wünsche Ihnen eine sichere Woche!

Thomas Hoisl

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