© Edith Meinhart

Österreich
04/09/2020

Kult um die Heilige Corona

Eine fast vergessene Märtyrerin erlebt in katholischen Zirkeln einen wunderlichen Hype. Edith Meinhart hat sich in St. Corona am Schöpfl und im Internet umgesehen.

von Edith Meinhart

Der Gasthof St. Corona ist zugesperrt. „Liebe Gäste! Auch wir haben bis auf Weiteres geschlossen!” ist auf einer Tafel zu lesen. Von ein paar Bikern abgesehen, die mit gedrosseltem Tempo durch das gottverlassene St. Corona am Schöpfl knattern, sind kaum Ausflügler zu sehen. Niemand studiert die Wanderrouten oder die St. Corona-Mountainbike-Strecke, die im Ortskern angeschlagen sind. Auch der Heilige Brunnen, einer goldenen Gedenktafel zufolge immerhin „die geschichtliche und religiöse Wurzel von St. Corona”, ist verwaist. Am Friedhof, in der Mariengrotte hinter der Pfarrkirche, auf der Wiese mit dem Kreuzweg: keine Menschenseele. Vor dem barocken Gotteshaus wartet eine von der „ehemaligen Dorfgemeinschaft St. Corona” gestiftete Holzbank auf Rastsuchende. Jemand hat eine Plastikflasche darauf abgestellt. „Heilig Drei Königs Weihwasser”, steht auf dem Etikett.

„Heilige Corona, Du Gekrönte”

Die Beschaulichkeit in der wirklichen Welt des Pandemie-Ausnahmezustands steht im seltsamen Konstrast zum überschießenden Eifer, mit dem man sich in katholischen Kreisen der nahezu vergessenen Heiligen Corona entsinnt. Papst Franziskus machte sich im nächtlichen Rom alleine auf den Weg zu einer Kirche, um zu ihr zu beten. In kirchlichen Blättern und Online-Publikationen werden Kirchen und Kapellen aufgezählt, die Santa Corona, lateinisch die Gekrönte, gewidmet sind. Im Internet kursiert eine „Novene in Seuchenzeiten mit Anrufung der Hl. Corona”, flehentliche, an die Patronin der Pandemie-Geplagten gerichtete Fürbitten: „Heilige Corona, Du Gekrönte”, „Heilige Corona, Du Trösterin”, heißt es da, „wir rufen zu Dir in großer Furcht vor Krankheit und Tod”. Die Priesterbruderschaft St. Pius X stellte Bilder der Heiligen online. Kirchenhistoriker breiten in Artikeln ihr Martyrium aus. In Foren wie „Katholischpur” sinnieren Fundis und Verschwörungstheoretiker, wie Santa Corona verhindern könne, dass das „Virus nicht zum Glücksspiel wird”. Die Plattform „Church Militant” verbreitet per Video ein „Miraculous Prayer To St. Corona Against Plague and Pandemics”.

Der wunderliche Hype verdankt sich einer Wiederentdeckung. Santa Corona ist nicht nur seit jeher als Beistand gegen Unwetter oder Missernten gefragt, sondern wurde, wie dem Ökumenischen Heiligenlexikon zu entnehmen ist, immer auch in Seuchenzeiten angerufen. In dieser Rolle steht sie nun himmelhoch im Kurs. Bis zu ihrem besonderen Tag am 14. Mai müssen zwar noch ein paar Wochen vergehen. Die Ostkirche huldigt Corona – griechisch: Stephana – überhaupt erst am 11. November. Doch angesichts des weltweit grassierenden Corona-Virus lässt sich die fromme Verehrung – zumindest im Netz – natürlich nicht mehr so lange zügeln.

Die Grabstätte nebst Reliquienschrein bleibt Pilgern derzeit verschlossen. Die romanische „Basilika der Heiligen Victor und Corona” befindet sich in Feltre und damit ausgerechnet in der Region Venetien, die als eine der ersten unter Quarantäne gestellt wurde, als sich das Virus beim südlichen Nachbarn ausbreitete. In Italien ist der Corona-Kult übrigens schon im 6. Jahrhundert belegt. Den Kaisern Otto III. und Karl IV. ist es zu verdanken, dass Reliquien auch nach Aachen und Prag gelangten. Von Italien aus breitete sich die Corona-Verehrung in Bayern und Österreich aus, wo sogar zwei Ortschaften nach der Heiligen benannt sind: eben das erwähnte St. Corona am Schöpfl, der mit seinen fast 900 Metern Höhe den restlichen Wienerwald überragt – sowie St. Corona am Wechsel. Hier soll der Legende nach anno 1504 in einer hohlen Linde eine Statue der Heiligen gefunden worden sein. Gottesfürchtige Bewohner der am Nordhang des Kampsteins auf über 800 Metern gelegenen Ortschaft, die damals Heiligenstatt hieß, errichteten an der Fundstelle eine kleine Kapelle. 1925, als die Ortschaft zu einer eigenen politischen Gemeinde wurde, bekam sie ihren neuen Namen: St. Corona. Die Wahl lag nahe. In der waldreichen Gegend am Wechsel lebten viele Holzfälle und Kohlenbrenner, die sich der Märtyrerin, die durch zwei „Palm-Bäume” umgekommen war, speziell verbunden fühlten. Bald etablierte sich St. Corona am Wechsel als Pilger-Destination. Die Wallfahrtskirche ziert ein Wandgemälde von Victor und Corona.

Schreckliches Martyrium

Das Leben und Sterben des Paares wird recht unterschiedlich überliefert. Corona soll entweder 161 oder 287 nach Christus auf die Welt gekommen sein. Bereits in sehr jungen Jahren wurde sie die Gefährtin Victors, eines christlichen Soldaten, der sich trotz Verfolgung weigerte, dem Glauben abzuschwören und – je nach Quellenlage – zwischen dem zweiten und vierten Jahrhundert grausam gemartert und anschließend geköpft wurde. Für seine Verlobte dachten sich die Peiniger ein ausgefallenes, nicht minder schreckliches Martyrium aus. Corona wurde mit Seilen zwischen zwei niedergebundene Palmen gespannt, als die Wipfel hochschnellten, zerriss ihr Leib in Stücke. Der Ort des brutalen Geschehens soll unterschiedlichen Berichten zufolge entweder Damaskus, Alexandria in Ägypten, Antiochia in der heutigen Türkei, im französischen Marseille oder auch Sizilien gewesen sein.

Fresko: Victor und Corona, in der Pfarrkirche in St. Corona am Wechsel

Zurück ins heutige Österreich: Nach Ostern soll die Wirtschaft einen zarten Neuanfang wagen. Da trifft es sich gut, dass Corona gleichzeitig die Patronin der Geschäftstüchtigen und Schatzsucher ist. Angeblich gehören auch Lottospieler zu ihren Schutzbefohlenen. Dass bis 1924 in Österreich „Kronen”-Münzen in Umlauf waren, darf als Verneigung vor der Helferin in Geldangelegenheiten gelten. Auch bei der auflagenstärksten Tageszeitung des Landes hat sie über Umwege ihre die Finger im Spiel. Schließlich verdankt das Blatt seinen Namen dem Umstand, dass ein Abonnement anno dazumal eine Krone kostete.

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