© APA/RUBRA

profil-Morgenpost
07/15/2022

Runter vom Gas!

Wir befinden uns in einer existenzbedrohenden Energie- und Klimakrise, da ist ein bisschen Bremsen wohl nicht zu viel verlangt.

von Christina Hiptmayr

Finden Sie es nicht auch erstaunlich, wie ein nicht unerheblicher Teil der Österreicher (ja, es sind vorwiegend Männer) hyperventiliert, wenn man ihm vorschlägt, den Fuß ein bisschen vom Gaspedal zu nehmen?

Die Erfahrung machte zuletzt die Kärntner Umweltanwaltschaft. Vergangenen Mittwoch forderte sie die grüne Klima- und Verkehrsministerin Leonore Gewessler auf, die zulässigen Höchstgeschwindigkeiten auf Autobahnen und Freilandstraßen auf 100 beziehungsweise 80 km/h herabzusetzen. Na, mehr hat’s nicht gebraucht:  Bei der FPÖ stieß der Appell auf "massive Ablehnung", Team-Kärnten-Obmann Gerhard Köfer sieht den "Autofahrer an den Pranger gestellt" und der ÖVP-Verkehrslandesrat Sebastian Schuschnig hält ihn für eine "absurde Idee".

Tatsächlich? Was daran so absurd sein soll, erschließt sich auch bei näherer Betrachtung nicht. Geringere Geschwindigkeiten führen grundsätzlich zu weniger Treibstoffverbrauch, weniger Emissionen, weniger Lärm, mehr Verkehrssicherheit. Das Umweltbundesamt hat errechnet: Pro gefahrenem Kilometer emittiert ein PKW bei Tempo 100 statt Tempo 130 im Schnitt um fast ein Viertel weniger CO2-Emissionen aus und spart ebenso viel Sprit und damit auch bares Geld. Außerdem stößt ein Auto durch die niedrigere Geschwindigkeit um die Hälfte weniger Stickoxide aus und verursacht ein Drittel weniger Feinstaub.

Und was genau spricht jetzt für Tempo 130? Man könnte die Zeitersparnis ins Treffen führen. Rein rechnerisch benötigt man für eine Strecke von 20 Kilometern bei Tempo 100 zwölf Minuten, bei Tempo 130 etwas mehr als neun Minuten. Nachdem man bei Autobahnfahrten selten durchgehend mit der erlaubten Höchstgeschwindigkeit unterwegs sein kann, fällt die Zeitersparnis realiter freilich geringer aus.

Wohlstandsverwahrloste Benzinbrüder

68 Prozent der Österreicher lehnen laut einer im Juni durchgeführten profil-Umfrage ein Tempolimit ab. An den Stammtischen und in den sozialen Medien sieht man sich angesichts der Forderung nach strengeren Geschwindigkeitsregeln um nichts weniger als der Freiheit beraubt. Meine Herren, geht es vielleicht auch eine Nummer kleiner?

Knapp zehn Milliarden Liter Benzin und Diesel werden jährlich in Österreich getankt. 25 Millionen Tonnen CO2 verursacht der Verkehr pro Jahr und ist damit für fast ein Drittel der Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. Bekanntermaßen muss der CO2-Ausstoß, als Ursache für die Erderhitzung, die uns unter anderem immer häufigere und extremere Hitzewellen beschert, massivst reduziert werden (Ich darf an dieser Stelle auf unsere aktuelle Coverstory "Heiße Städte" hinweisen). Wegen etwaiger Gaslieferstopps rüsten Teile der heimischen Industrie ihre Produktion auf Öl um – wo ebenfalls Engpässe drohen, weil Russland kasachische Häfen blockiert (mehr dazu in der kommenden Ausgabe von Kollegin Clara Peterlik). Angesichts einer existenzbedrohenden Klimakrise und einer ebensolchen Energiekrise, ist nicht einzusehen, dass manch wohlstandsverwahrloste Benzinbrüder darauf beharren, mit überhöhten Geschwindigkeiten über die Autobahnen zu bolzen.

Das Einsparungspotenzial bei niedrigeren Geschwindigkeiten ist beträchtlich - sowohl, was Energieverbrauch und Kosten betrifft, als auch bei Treibhausgasen und Schadstoffen. Und das ohne großen Aufwand und schmerzhafte Einschnitte. Dass selbst diese "lowest hanging fruit" nicht gepflückt wird, das ist das wirklich absurde.

Ein entschleunigtes Wochenende wünscht

Ihre Christina Hiptmayr

PS: Zum Schluss noch ein Update von Jakob Winter zu unserer gestrigen Morgenpost, die heftige politische Reaktionen ausgelöst hat. Kurz zur Erinnerung: Wir berichteten, dass das Land Niederösterreich seine Beamten im Juni per Dienstanweisung dazu aufgefordert hatte, Dokumente nicht mehr direkt an die Prüfer des Rechnungshofes zu schicken. Die Akten müssen nun eine Schleife über die Landesamtsdirektion nehmen. In Reaktion auf die profil-Morgenpost ortete die FPÖ eine Einschüchterung von Landesbediensteten, die SPÖ sprach von "Niederösterreich-Zensur", die Grünen von einem "Ausbau der Message Control" und Neos gar von einem "Beamten-Maulkorb". Edith Goldeband, die Direktorin des Landesrechnungshofes (LRH), reagierte per Mail auf die profil-Morgenpost und beruhigte: Auf die aktuelle Prüfung der Inseratenflüsse von landeseigenen Unternehmen an parteinahe Medien habe die Weisung keinen Einfluss. Denn: Die Anordnung gelte nur für Landesbedienstete, nicht aber für Mitarbeiter der in der Inseraten-Sonderprüfung geprüften Landesunternehmen, erklärte Goldeband. Die geprüften Unternehmen sind laut der LRH-Direktorin "sehr kooperativ" und hätten bereits 13 Gigabyte an Daten übermittelt. Zur Dienstanweisung hielt Goldeband fest, dass die NÖ Landesverfassung alle Dienststellen des Landes dazu verpflichte, "dem Landesrechnungshof alle verlangten Auskünfte zu erteilen und jedem Verlangen zu entsprechen, das er im Zusammenhang mit der Wahrnehmung seiner Aufgaben im Einzelfall stellt". Das gelte laut Goldeband "unabhängig von einer anderslautenden internen Anweisung und kann vom Landesrechnungshof beim Verfassungsgerichtshof, zum Beispiel im Fall von grundlosen Verzögerungen, geltend gemacht und durchgesetzt werden". Der Schlusssatz der Direktorin liest sich wie eine Warnung: "Wir prüfen ungehindert und wüssten uns zu wehren!"