"Mein Leben wird vernichtet"

Im Polizeianhaltezentrum bei Peyman (Slideshow)

profil besuchte den Afghanen Peyman Qalandari in der Schubhaft. Er ist nicht der Einzige, der nicht versteht, warum er abgeschoben werden soll.

Qalandari, 22, sitzt im Polizeianhaltezentrum am Wiener Hernalser Gürtel hinter Glas und drückt einen Hörer an sein Ohr. Seine Stimme bebt vor Fassungslosigkeit und Verzweiflung gleichermaßen: "Ich habe Deutsch gelernt, in einem Flüchtlingsheim Nachhilfe gegeben, in einem Altenheim gearbeitet und bei Gericht übersetzt, von früh bis spät. Ich habe keine Zeit verschwendet, ich habe nie eine Strafe bekommen, ich habe Freunde, ich habe mich bemüht."

"Mehr geht eigentlich nicht"

Dass er sich angestrengt habe wie kaum sonst jemand, finden auch die beiden Schulkolleginnen aus dem Gymnasium in Stockerau, die vergangenen Mittwoch in der Besucherschlange auf Einlass warten. Seine Englisch-Lehrerin sagt am Telefon, Qalandari spreche inzwischen auf C2-Niveau Deutsch ("Mehr geht eigentlich nicht") und sei "der liebste Mensch, den man sich vorstellen kann. Wir sind völlig verzweifelt." Fast 2000 Menschen unterzeichneten eine Petition, um Qalandari vor der Abschiebung zu bewahren. Am 16. Februar soll er in den Flieger nach Kabul gesetzt werden.

Im Vorjahr hatte der Afghane einen rechtskräftigen negativen Asylbescheid erhalten. Seine Anwältin Vera Weld beantragte daraufhin ein Bleiberecht. Das war im Mai 2018. Schon damals standen Freunde und Bekannte für den jungen Mann ein. Am 9. Jänner zitierte das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (BFA) Payman Qalandari zu sich. Erst vor Ort stellte sich heraus, dass es bei dem Termin nicht um das offene Verfahren gehen sollte. Die Beamten hatten den Afghanen mit der Absicht einbestellt, ihn in Schubhaft zu nehmen, und führten ihn vor den Augen seiner Anwältin ab. "Es war ein Schock, ich war nicht darauf eingestellt und hatte nicht einmal Gewand mit", erzählt Qalandari.

Seine Anwältin erhob Beschwerde und bat den Bundespräsidenten um ein Machtwort. Das BFA handle "voreilig", wenn es den Ausgang des Bleiberechtsverfahren nicht abwarte, schrieb sie an das Staatsoberhaupt und ersuchte um eine "Intervention im Sinne meines Mandanten".

"Du steigst nicht in diesen Flieger"

Qalandaris Unterstützer wechseln sich mit den Besuchen ab. Es dürfen immer nur zwei Personen gleichzeitig zu ihm. Vergangenen Mittwoch ist Martin Brunner, 57, an der Reihe. profil begleitet den IT-Unternehmer und Tischler, der den Afghanen aus Stockerau kennt. Brunner sitzt auf der Besucherseite der Glasscheibe im Polizeianhaltezentrum und kämpft immer wieder mit den Tränen. Payman nennt ihn "meinen europäischen Vater". Brunners Lebensgefährtin hat ihm einen Brief mitgegeben, handgeschrieben, in einem offenen Kuvert, damit die Beamten am Schalter einen Blick darauf werfen können.

Martin Brunner erzählt Qalandari, dass im Gymnasium in Stockerau seinetwegen die Hölle los sei, dass seine Freunde Presseaussendungen verfassen und Prominente mobilisiert haben. "Du bist unfassbar beliebt. Es wird alles Menschenmögliche gemacht. Du steigst nicht in diesen Flieger", sagt Brunner und fixiert den Afghanen mit einem eindringlichen Blick: "Kopf hoch! Du musst essen. Trinken. Bewegung machen. Einatmen. Ausatmen."

"Ich kenne dort keinen Menschen"

Kommt die Rede auf "diesen Flieger", auf Kabul, auf das Land, aus dem seine Eltern Jahre vor seiner Geburt flüchteten, steht Payman Qalandari die Angst ins Gesicht geschrieben. "Ich kenne dort keinen Menschen", sagt er zu profil. Qalandari ist zwar afghanischer Staatsbürger, kam aber in der iranischen Stadt Shiraz zur Welt. Afghanen müssten hier für alles bezahlen – Wohnung, medizinische Versorgung, die Bildung der Kinder – und blieben doch rechtlos, ohne jede Aussicht auf eine Staatsbürgerschaft. Qalandaris Freund Brunner wird später, in einem Café um die Ecke, erzählen, dass sich der Vater im Iran krumm gearbeitet habe, um dem Sohn die Matura zu ermöglichen. Doch selbst gebildete Afghanen landeten als billige Arbeitskräfte im Steinbruch. Payman Qalandari wollte mehr aus seinem Leben machen.

Im Polizeianhaltezentrum geht die Besuchszeit zu Ende. Der junge Afghane winkt durch die Scheibe, ringt sich ein tapferes Lächeln ab und sagt zum Abschied: "Mir geht es sehr schlecht. Mein Leben wird vernichtet."