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Österreich
10/20/2020

Michael Ludwigs türkische Stimme: Wer ist Aslihan Bozatemur?

Eine Büromitarbeiterin des Bürgermeisters räumt bei den Vorzugsstimmen ab. Wer ist Aslihan Bozatemur?

von Clemens Neuhold

Vorzugsstimmen sind eine ungerechte Sache. Jene, die sich nicht darum bemühen, bekommen sie en masse. Zum Beispiel SPÖ-Bürgermeister Michael Ludwig (17.114) oder SPÖ-Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (4482).Unbekanntere Kandidaten, die von Platz zu Platz, von Tür zu Tür rennen, stauben am Ende nur ein paar Hundert Stück ab.

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Ein paar Kandidaten stechen allerdings heraus. Wie die gebürtige Kongolesin Mirelle Ngosso, die bei der Wien-Wahl die meisten Vorzugsstimmen (3789) aller SPÖ-Kandidatinnen holte - Ngosso punktete mit Engagement für Black Lives Matter. Oder Aslihan Bozatemur, die mit 3719 Stimmen hinter Ludwig, Hacker und Ngosso auf Platz vier landete. Einer breiten Öffentlichkeit ist sie völlig unbekannt. Selbst in der Partei fragen sich viele: Wer ist sie, was macht sie, und woher hat sie all die Vorzugsstimmen?

Zwischen profil und Bozatemur ergab sich kein Gespräch. Recherchen im Parteiumfeld zeigen folgendes Bild: Die 1982 geborene türkischstämmige Wienerin ist Bezirksrätin in Floridsdorf und langjährige Büromitarbeiterin von Michael Ludwig. Sie dockte in Wien-Favoriten an die SPÖ an, wechselte später nach Floridsdorf, den Heimatbezirk Ludwigs. Durch ihre "gewinnende Art und ihren Zug nach oben" - so die Erinnerung eines Genossen - brachte sie es rasch zur Assistentin des damaligen Wohnbaustadtrates Ludwig. Aktuell ist Bozatemur Ludwigs "Referentin für Internationales". In einem Interview für den türkischen Kanal 7 attestierte er ihr eine "wichtige Brückenfunktion" zwischen Österreich und der Türkei. Bozatemur beackert die türkische Community seit Jahren, besucht Hochzeiten, Treffen des Unternehmensverbandes Müsiad, eröffnet Geschäfte. Dass sie im Umfeld des Bürgermeisters agiert, macht sie attraktiv - auch für türkische Medien in Österreich, die Ludwig rund ums Fastenbrechen ins Rathaus lud. Am Wahlabend empfing Bozatemur Journalisten im roten Salon und kommentierte den Wahlsieg auf Türkisch. Auf diesen Kanälen ist sie so etwas wie die türkische Stimme des Bürgermeisters.

Anders als frühere SPÖ-Vorzugsstimmenkaiser mit muslimischem Hintergrund konzentrierte Bozatemur ihren persönlichen Wahlkampf nicht auf Moscheen, sondern die Welt der Frauen. Durch Hausbesuche und Frauen-Frühstücke drang sie auch zu konservativ-islamischen Frauen durch, die sich bei Wahlen sonst eher zurückhalten. Die türkische Community in Wien (und der SPÖ) tendiert grob in zwei Richtungen. Hier säkulare Aleviten und Kurden, die einen westlichen Lebensstil pflegen und auch Alkohol trinken. Dort jener Teil der traditionellen Sunniten, der regelmäßig in die Moschee geht und auf halal (islamisch rein) setzt. Bozatemur war im Wahlkampf vorwiegend im zweiten Lager unterwegs. Und daran stoßen sich nicht wenige Genossen hinter vorgehaltener Hand. Denn dieses Milieu ist stark an der Türkei des islamisch-nationalistischen Autokraten Recep Tayyip Erdoğan und seiner AKP-Partei orientiert. Ist Bozatemur zu nahe dran an diesen Kreisen?

Indirekte Wahlhilfe für die SPÖ

Im Unternehmensverband Müsiad gilt die Mehrheit der Mitglieder als AKP-nahe, wie auch die türkischen Medien in Österreich, die Bozatemur regelmäßig ins Bild rücken. In Österreich unterhält die AKP eine eigene Lobby-Organisation, die Union Internationaler Demokraten (UID). Im Wien-Wahlkampf mischte die UID offensiv mit. Sie plakatierte und verschickte Tausende Wahlaufrufe an türkischstämmige Wiener. Darin verbarg sich eine indirekte Wahlhilfe für die SPÖ: die Empfehlung, nur "etablierte" Parteien zu wählen. So wurde eine potenzielle Konkurrenz der SPÖ kleiner gehalten - die Migranten-Partei SÖZ, die 1,2 Prozent holte.
Jedoch: Laut einer OGM-Analyse haben immerhin 20 Prozent der in der Türkei geborenen Österreicher in Wien SÖZ gewählt. Mit 45 Prozent schnitt die SPÖ bei dieser Wählergruppe dennoch überproportional gut ab. SÖZ-Gründer Hakan Gördü war vor dem Bruch mit der UID selbst ihr Sprecher. Wenn er nun meint, "ohne UID hätte Bozatemur unmöglich so viele Vorzugsstimmen geholt", ist das mit Vorsicht zu genießen. Gördü stand in direkter Konkurrenz zu ihr.

"Keine ideologische Frage"

Profil erreichten jedoch Bilder, die auf eine Unterstützung hindeuten - von Frauen mit Kopftuch aus dem Umfeld der UID, die bei Bozatemurs Frühstücken dauerpräsent waren; von Bozatemur-Flyern, die Geschenkpaketen des Vereins beigelegt waren; von Online-Wahlhinweisen, die über mitgliederstarke WhatsApp-Gruppen des Vereins verteilt wurden. SPÖ-Politiker wunderten sich in ihrem Bezirk über Plakate Bozatemurs, die direkt neben den Wahlaufrufen der UID affichiert waren. Am Tag vor der Wahl warf sich der Präsident des Vereins, Mahmut Koc, auf Facebook noch einmal für Bozatemur und Ludwig ins Zeug. Sie selbst meinte in einem "Kurier"-Interview Ende September, die UID nur aus den Medien zu kennen. Ein SPÖ-Bezirkspolitiker kommentiert das so: "Unterstützung hat sie sicher gerne angenommen. Das ist keine ideologische Frage." Besser könnte man den Umgang der SPÖ mit Erdoğan-Anhängern vor Wahlen kaum beschreiben.

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