Todeslisten: Die Namen der deportierten Juden standen im Nazi-Amtsblatt

FÜNF KREISKY-BRÜDER (v. l. n. r.): MAX, DER VATER VON BRUNO KREISKY, OSKAR, LUDWIG, OTTO, RUDOLF. Die Deportationen von Otto Kreisky und seiner Frau Friederike, Ruth Klüger und ihrer Mutter Alma wurden
in der Zeitung verlautbart.

FÜNF KREISKY-BRÜDER (v. l. n. r.): MAX, DER VATER VON BRUNO KREISKY, OSKAR, LUDWIG, OTTO, RUDOLF. Die Deportationen von Otto Kreisky und seiner Frau Friederike, Ruth Klüger und ihrer Mutter Alma wurden in der Zeitung verlautbart.

Ein Zeitgeschichte-Projekt offenbart, wie öffentlich das Verbrechen vor sich ging: Die Namen der deportierten Juden aus Wien wurden im Amtsblatt der Nazis verlautbart. Das konnte niemand übersehen.

Keiner soll mehr sagen, die Großeltern hätten von nichts gewusst. Die Deportation der Wiener Juden geschah vor aller Augen, weitaus öffentlicher, als man lange Zeit angenommen hat. Im Parteiblatt der NSDAP, dem „Wiener Völkischen Beobachter“, wurden die Namen veröffentlicht, an manchen Tagen waren es mehr als 100. Name, Geburtsdatum und Meldeadresse reihen sich aneinander, ohne Rücksicht auf den Zeilenfall. Männer sind mit dem Zusatznamen Israel gebrandmarkt, als Frau heißt man Sarah. Es sind durchwegs Adressen aus dem 2., dem 20. und dem 9. Wiener Gemeindebezirk. Sogenannte „Judenhäuser“, in die die Menschen gepfercht worden waren, in der Leopoldstadt und entlang dem Donaukanal, des effektiven Transports wegen.

Wer damals von seinem Nachbarn ein Klavier, eine Kredenz, Porzellangeschirr oder gleich die ganze Wohnung requiriert hatte, konnte sich entspannt der neuen Dinge erfreuen, sobald er im „Wiener Völkischen Beobachter“ den Namen des Vorbesitzers entdeckte. Denn das bedeutete, der Jude war weg und würde es wohl auch bleiben.

Wenn er doch zurückkam, dann war es, wie der Holocaust-Überlebende und spätere Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz sagte: „Ein Betriebsunfall.“

48.953 Menschen wurden in den Jahren 1939 bis 1945 aus Wien deportiert, 1734 überlebten. So kann man die Namen im „Völkischen Beobachter“ durchaus Todeslisten nennen.

Todeskandidaten mussten namentlich verlautbart werden

Schon im ersten Jahr des „Anschlusses“, im März 1938, waren die österreichischen Juden ihrer bürgerlichen Rechte beraubt, das jüdische Leben erstickt worden. Es war ihnen verboten, auf Parkbänken zu sitzen und in Parkanlagen spazieren zu gehen. Sie durften nicht in Schwimmbäder und Kinos, nicht ins Burgtheater, in die Oper oder ins Konzerthaus. Sie verloren ihre Arbeit im öffentlichen Dienst und ihre Betriebe. Es war ihnen nicht erlaubt, mit sogenannten „Ariern“ zu verkehren, sie gar zu heiraten. Nur wenige Stunden am Tag konnten sie in ausgewählten Geschäften einkaufen. Die Kinder mussten die Schulen verlassen und durften nur noch in eigenen Judenschulen von jüdischen Lehrern unterrichtet werden. Sie wurden aus ihren Wohnungen geworfen, und am Ende ging ihr gesamtes Vermögen in die Hände des Staates über. Per Verordnung. Der bürokratische Vorgang dieser schrittweisen Entrechtung gipfelte im sogenannten „Einziehungserkenntnis“, ein juristischer Begriff, der heute noch üblich ist. Unter diesem Titel sind auch die Todeslisten im „Völkischen Beobachter“ zu finden, denn das NS-Regime empfand sich als Rechtsstaat, und so mussten auch die Todeskandidaten namentlich verlautbart werden. Der Nationalsozialismus war ein mörderisches Regime und ein bürokratisches Monstrum.

Seit einigen Jahren arbeiten der Leiter des Wiener Instituts für Zeitgeschichte, Oliver Rathkolb, und der Leiter der Fachbereichsbibliothek, Markus Stumpf, nun schon an der Digitalisierung des ehemaligen „Gaupressearchivs“, ein aufwendiges Projekt, das verlässlich vom „Zukunftsfonds“ unterstützt wurde. Demnächst soll es online gehen und für Forschungszwecke offenstehen.

Das „Gaupressearchiv“ wurde von 1938 bis zum Herbst 1944 geführt und war im „Gauhaus“ der NSDAP, im Parlamentsgebäude an der Ringstraße angesiedelt. Es beinhaltet Zeitungsartikel, Reden der Gauleiter Josef Bürckel und Baldur von Schirach, Interna und auch einen Teil der Todeslisten aus dem „Völkischen Beobachter“ – eben das, was die Mitarbeiter des Archivs für würdig befanden, gesammelt zu werden. Insgesamt umfasst das jetzt digitalisierte Archiv mehr 200.000 Scans.

Es wirft ein neues Licht auf Alltag und Propaganda im Nationalsozialismus. „Die Hetze gegen Juden und ihre ‚Ausrottung‘ wurden ganz öffentlich besprochen“, sagt Rathkolb.

„Nur wenige von uns sind übrig geblieben"

Die Todeslisten wurden eher zufällig entdeckt. Als Rathkolb nach Informationen über einen Philharmoniker namens Armin Tyroler suchte, den er in der NS-Opferdatenbank des „Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes“ nicht fand (weil der Name anders geschrieben war), poppte unter dem Namen des Mannes die Liste der „Einziehungserkenntnisse“ auf. Der Musiker, der im Orchester die Oboe spielte, war im Oktober 1942 gemeinsam mit seiner Frau Rudolfine in das Konzentrationslager Theresienstadt und von dort in einem der letzten Transporte im Oktober 1944 nach Auschwitz verbracht worden. Das letzte Jahr in Wien war der 70-Jährige mit seiner Frau von einer Sammelwohnung in die nächste gejagt worden.

Auf einer der Listen, die ins Gaupressearchiv Eingang gefunden haben, sind Otto und Friederike Kreisky zu finden. Otto war ein Onkel des späteren Bundeskanzlers Bruno Kreisky, einer von fünf Brüdern. Der angesehene Wiener Anwalt und seine Frau Friederike, geborene Spira, waren 1942 nach Theresienstadt deportiert worden. 1944 wurden sie in Auschwitz in die Gaskammer geschickt.

Kreiskys Eltern überlebten den Holocaust, weil sie ihrem Sohn in letzter Sekunde ins Exil nach Schweden gefolgt waren. Der Vater hatte sich lange gesträubt. Er dachte, ihm werde „schon nichts passieren“, erzählt Bruno Kreisky in seinen „Erinnerungen“. Die Kreiskys waren assimilierte Juden, zwei Brüder des Vaters, Otto und Oskar, bezeichneten sich als „deutsch- freiheitlich“ und waren Mitglieder einer Budweiser Verbindung. Das nützte alles nichts. „Nur wenige von uns sind übrig geblieben. Diese Auslöschung hat so viele Zeugen gefunden“, schreibt Kreisky.

Verwöhnter Junge aus adeligem Haus

Auf derselben Liste stehen die Namen Ruth Klüger und ihre Mutter Alma Klüger. Die heute gefeierte Schriftstellerin Ruth Klüger war damals elf Jahre alt. Die Klügers überlebten Theresienstadt. Die Urgroßmutter der Schriftstellerin Eva Menasse, Bertha Menasse, ein weiterer Name auf der Liste, starb dort. Die betagte Frau war im August 1942 aus dem jüdischen Altersheim in der Seegasse nach Theresienstadt deportiert worden und hatte dort vermutlich auf einem der heißen und stickigen Dachböden liegen müssen. Auch vier Schwestern von Sigmund Freud, der nach England entkommen war, wurden im April 1942 vom Altersheim zum Aspernbahnhof gebracht und in den Zug nach Theresienstadt gestoßen. Die Jüngte war 78. Eine starb noch in Theresienstadt, die anderen in Treblinka.

Verantwortlich für die Deportation der Juden war Reichsstatthalter Baldur von Schirach, ein verwöhnter Junge aus adeligem Haus, schon im Alter von 17 Jahren dem Führer glühend ergeben. Seine Heirat mit Henriette, der Tochter des Hitler-Fotografen Hoffmann, hatte die Bande nur noch mehr gefestigt. Die Schirachs gehörten zum inneren Kreis der NS-Elite, hatten Zugang zum „Führer“ persönlich.

Schirach war ein fanatischer Judenhasser. 1928 hatte er den NS-Studentenbund angeführt, 1931 wurde er Reichsjugendführer, befehligte die gesamte Hitlerjugend. Im August 1940 wurde Schirach zum Gauleiter in Wien ernannt. Er amtierte in der Hofburg und gab glänzende Empfänge. Eine seiner ersten Amtshandlungen war, die Juden in Sammelwohnungen zu pferchen und in Berlin anzufragen, ob man die Menschen nach Polen deportieren dürfe. Bei einem persönlichen Treffen mit Adolf Hitler vier Wochen später hakte er nach. Am 3. Dezember 1940 wurden die Deportationen genehmigt. Die ersten 1000 Wiener Juden wurden im Frühjahr 1941 in bereits überfüllte Ghettos in das besetzte Polen gebracht. Im November 1941 rollte der erste Zug nach Minsk, 1942 wurden mehr als 10.000 österreichische Juden nach Maly Trostinez deportiert. An Transporttagen fuhr ein ganzer Todeskonvoi über den Schwedenplatz und die Ungargasse den 3. Bezirk hinauf zum Aspernbahnhof, die Menschen auf offenen Lastwägen, für alle sichtbar.

Die Alliierten Verbände waren schneller

Das System war so niederträchtig organisiert, dass die Israelitische Kultusgemeinde dafür verantwortlich gemacht wurde, dass die Züge auch voll waren. Die „Fahrkarten“ waren von der Kultusgemeinde zu bezahlen.Die ersten „Probevergasungen“ fanden im September 1941 in einer Gaskammer bei Auschwitz und in Gaswägen statt. Bei öffentlichen Auftritten in Wien sagte Schirach recht unverhohlen, was er mit den Juden vorhabe. Bei einem Großappell im Juni 1942 im Vorhof des Palais Schwarzenberg versprach Schirach vor mehreren 1000 Amtswaltern der „Deutschen Arbeitsfront“, er werde Wien „judenfrei“ machen, und wenn das erledigt sei, dann werde Wien „tschechenfrei“ werden. Im September 1942: „Jeder Jude ist eine Gefahr für die europäische Kultur“, im Oktober verkündete Schirach, von ehemals 220.000 Juden werde er „auch den letzten Rest von 8000 aus Wien entfernen.“ Bei einer Veranstaltung im Februar 1943 in den Stephaniesälen hieß es: „Im Laufe des Krieges wird das Judentum ausgerottet“ und „der letzte gelbe Stern aus der Stadt verschwinden“.

Dank des Gaupressearchivs wissen wir heute, dass Schirach jedes Mal vor Tausenden – einmal 18.000 Zuhörern – sprach, dass Teile seiner Reden im Radio übertragen und in der Presse zitiert wurden.

Etwa 5500 Juden haben die Jahre des Grauens in Wien überlebt. Die meisten von ihnen fielen nach dem kranken Geist der „Nürnberger Rassengesetze“ in die Kategorie der „Halbjuden“ oder „Mischlinge ersten Grades“ oder „zweiten Grades“ oder lebten in „privilegierten Mischehen“ oder in einem Versteck.

Schirachs Ankündigung, Wien nicht nur „judenfrei“, sondern auch „tschechenfrei“ zu machen – 52.000 Tschechen lebten damals in Wien –, ist nicht geglückt. Die Alliierten Verbände waren schneller. Schirach wurde in Nürnberg wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 20 Jahren Haft verurteilt. Im Prozess verneinte er die Frage, ob „die Zeitungen in Wien über die Judenverschickungen und deren Umfang berichtet“ hätten.