Ein Mitarbeiter des Gesundheitswesens bereitet eine Dosis des russischen Sputnik V Covid-19
Impfstoffs für einen Patienten in einem Impfzentrum im GUM, State
Department store in Moskau

© APA/AFP/Natalia KOLESNIKOVA

Österreich
07/23/2022

Impfscheu und putintreu: Ungeimpfte geben USA Schuld für Ukraine-Krieg

Eine Befragung der Uni Wien zeigt: Ungeimpfte machen die USA stärker für den Ukraine-Krieg verantwortlich als Russland. Das Misstrauen dieser Gruppe gegen Staat und Medien sitzt tief.

von Jakob Winter

Ein kurzer Einblick in das aktuelle Weltbild der Impfgegner: „Ich werde mich niemals gegen den russischen Präsidenten stellen. Nicht aus Angst, sondern aus Achtung vor ihm“, schreibt Walter in der Telegram-Gruppe der MFG, jener Partei, die Corona verharmlost und alle Schutzmaßnahmen ablehnt. Selbst die plumpsten Verschwörungstheorien ernten in der Gruppe Zustimmung: „Der Ami hat’s angezettelt. Die waschen in der Ukraine ihr Geld sauber, treiben Kinderhandel und einiges mehr. Der Russe (die haben viele Verwandte in der Ukraine) lässt sich das nimmer gefallen … so meine Einstellung.“ Fünf Daumen hoch bekommt Philippa für dieses Posting – Widerspruch gibt es keinen. Der Form halber sei erwähnt: Nichts davon lässt sich auch nur im Ansatz belegen.

Es war bereits länger zu erahnen, dass Impfskeptiker ein Faible für Russland haben. Auf den Demos gegen die Corona-Maßnahmen schwenkten viele von ihnen weiß-blau-rote Fahnen, und rechtsalternative Medienplattformen bezeichneten den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine als alternativlos.

Eine Befragung der Uni Wien zeigt nun, dass diese Denkweise unter Ungeimpften mehrheitsfähig ist. Die Daten stammen vom Austrian Corona Panel Project (ACCP). Seit Pandemiebeginn wurden 1500 Menschen regelmäßig zu ihrer Impfbereitschaft und zu ihrer Einstellung bezüglich Tests und Maskenpflicht interviewt. In der vorerst letzten Befragungswelle – die Finanzierung des Corona-Panels lief kürzlich aus – wollten die Forscher der Uni Wien auch herausfinden, wen die Menschen in Österreich für den Ukraine-Krieg verantwortlich machen. 

„Die verschwörungstheoretischen Narrative zu Corona und zum Ukraine-Krieg ähneln einander.“
 

Jakob-Moritz Eberl | Kommunikationswissenschafter

Kommunikationswissenschafter Jakob-Moritz Eberl wertete die Ergebnisse nach dem Impfstatus der Befragten aus, sie liegen profil exklusiv vor.
Als mögliche Kriegsverantwortliche standen Russland, die Ukraine, die EU, die NATO und die USA zur Wahl, Mehrfachantworten waren möglich, schließlich können mehrere Konfliktparteien für einen Krieg verantwortlich sein. Das Resultat ist eindeutig: Die überwiegende Mehrheit der Menschen, die sich zumindest einmal oder öfter gegen Corona immunisieren ließen, macht Russland für den Ukraine-Krieg verantwortlich (88 Prozent). Dementgegen sieht eine Mehrheit von 
66 Prozent der Ungeimpften die Schuld bei den USA. 

Zumindest 62 Prozent von ihnen nennen aber auch Russland als kriegsverantwortlich, siehe Grafik. 

Eberl erklärt das so: „Die verschwörungstheoretischen Narrative zu Corona und zum Ukraine-Krieg ähneln einander. Es geht immer darum, dass es bestimmte Eliten gibt, die einem was vorlügen. Der Grundbaustein aller Verschwörungstheorien ist ein Anti-Elitismus.“ In früheren Befragungen hat sich 
gezeigt, dass viele Ungeimpfte an Verschwörungstheorien glauben. Das hat Folgen, sagt Eberl: „Der Glaube an eine Verschwörungstheorie ist die beste Vorhersage für den Glauben an weitere Verschwörungstheorien.“ 

Die Schuldzuweisung am Ukraine-Krieg lässt sich auch nach Parteipräferenz und Mediennutzungsverhalten darstellen. Wenig überraschend geben Anhänger von MFG und FPÖ globalen Playern wie der USA, der EU und der NATO deutlich häufiger eine Mitschuld am Krieg als die Sympathisanten der übrigen Parteien. Die deutlichste russische Parteinahme zeigt sich unter regelmäßigen Usern des Chatdiensts Telegram.

Wurden diese Menschen durch die MFG, die FPÖ und Postings auf Telegram beeinflusst – oder waren ihre Standpunkte bereits vorher gefestigt? 
Eberl: „Ganz eindeutig können wir es mit diesen Daten nicht sagen. Man muss davon ausgehen, dass beides passiert. Bürger werden eher Informationsquellen nutzen, die ihrer Weltanschauung entsprechen. Je mehr diese Quellen sich aber dem Ukraine-Krieg widmen, desto eher kann es auch zu Meinungsbeeinflussung kommen – insbesondere bei Personen, die vielleicht zu diesem Thema zuvor noch keine verfestigten Positionen hatten.“ Populismus befördere durch Eliten-Bashing und ein „Gut-gegen-Böse-Narrativ“ jedenfalls Verschwörungsglauben.

Das Problem könnte sich noch verschärfen. Kriege und Krisen befördern die Verbreitung von Verschwörungstheorien, sie liefern einfache Erklärungen für komplexe geopolitische Zusammenhänge. Österreichweit sind etwa 30 bis 40 Prozent der Menschen für solche Erzählungen empfänglich. Dazu kommt: Alternative Medienmacher haben ein finanzielles Interesse an der Verbreitung von Desinformation – und Populisten ein politisches. 

Das Austrian Corona Panel Project (ACCP) lieferte einen Langzeittrend über die Einstellung der Bevölkerung zur Corona-Pandemie. Das Team der Uni Wien würde gerne weitermachen und die Befragung auf aktuelle Krisen ausweiten. Allein, es scheitert an der Finanzierung. Von der Regierung oder bloß einem Bundesland wollen die Sozialwissenschafter nicht abhängig sein, sie wünschen sich eine möglichst breite (etwa: bundesländerübergreifende) Finanzierung, die politische Unabhängigkeit garantiert.