Welches Umfeld die Spitzenkandidaten der Parteien geprägt hat

Welches Umfeld die Spitzenkandidaten der Parteien geprägt hat

Jede Partei wirbt im Wahlkampf mit den besonderen Qualitäten ihres Spitzenkandidaten. Doch wie kamen sie wirklich nach oben? Welches Umfeld hat sie einst geprägt?

Lernen am Schottenfeld

Warum sie gerade auf ihn gekommen waren, wissen die damals an der Entscheidung Beteiligten nicht mehr so genau. Tatsache ist: Als der 21-jährige Werner Faymann 1981 zum neuen Vorsitzenden der Sozialistischen Jugend Wiens gewählt wurde, hatte er den größten Teil der Delegierten hinter sich. Für ihn war etwa die SJ Hernals, deren Obmann damals Josef Cap hieß; die SJ Margareten und ihre Vorsitzende Renate Brauner – heute Vizebürgermeisterin von Wien – machten sich ebenso für ihn stark wie die SJ Leopoldstadt unter ihrer Chefin Brigitte Ederer.

Faymanns Unterstützer waren durchwegs um einige Jahre älter als er. Aber der junge Genosse aus Liesing, der sich mit nichts anderem als Politik beschäftigte, beeindruckte sie, die ebenfalls Politik als ihr Lebenselixier erkannt hatten, wenngleich sie sich wenigstens noch Zeit für ein Studium genommen hatten. Damit hielt sich Faymann nicht auf.

Die jungen Sozialisten hatten sich ab Mitte der 1970er-Jahre – da war Faymann noch Gymnasiast – auf den „Marsch durch die Institutionen“ gemacht. Wichtige Rollen hatten dabei der junge Biologe Michael Häupl und der Jurist Manfred Matzka, heute Sektionsschef im Kanzleramt, gespielt.1977 übernahm die Gruppe die Sozialistischen Studenten, indem sie den linken Flügel um den heutigen Grün-Abgeordneten Peter Pilz absprengten. Dann sickerten sie in die anderen SP-Jugendorganisationen und in die Bezirksparteien ein. Josef Cap wurde Bundesobmann der SJ, Michael Häupl Chef der Jungen Generation. Und als der Spitzenposten in der SJ Wien vakant wurde, fiel ihnen eben der 21-jährige Faymann auf, der in Liesing mit seinem Freund Wolfgang Jansky (heute Geschäftsführer der Gratis-Zeitung „heute“) und der jungen Zahnarzt-Assistentin Doris Bures eine auffallend gut organisierte Truppe auf die Beine gestellt hatte.

Faymann brachte einen Freund aus Schülerzeitungstagen ins SJ-Hauptquartier in der Schottenfeldgasse in Wien-Neubau mit, den um zwei Jahre älteren Josef Kalina, den er zu seinem Landessekretär machte. Sein Stab wurde durch den damals 19-jährigen Christian Deutsch ergänzt, heute Geschäftsführer der Wiener SPÖ und immer noch einer der wichtigsten Vertrauten Faymanns.

Früh also zeigte sich eine Fähigkeit, die den Kanzler bis heute trägt: perfektes Networking, straffe Führung der Organisation, konsequentes Einfordern von Loyalität. „Der engste Kreis hat sich immer ein wenig abgekapselt“, erzählt eine Mitstreiterin von damals. „Wenn es Wichtiges zu besprechen gab, haben sie sich in eine Konditorei zurückgezogen.“ Viele Jahre später sollte sich Werner Faymann in ein Kaffeehaus in Döbling zurückziehen, wenn es Wichtiges mit seinem Förderer Hans Dichand zu besprechen gab.

Als Papst Johannes Paul II. im September 1983 nach Wien kam, organisierte der SJ-Chef in der Kurhalle Oberlaa eine „Alternative zum Papst-Rummel“. Die heftig umstrittene Veranstaltung trug Faymann sogar eine Vorladung zu Bundespräsident Rudolf Kirchschläger ein. Der Präsident war übrigens von der „Krone“ zu einem Rüffel für Faymann gedrängt worden.

Herbert Lackner

Unter Brüdern

Ein Rebell war er nie. Doch habe auch er seine „Revolutionsjahre“ gehabt: als Anführer einer Gruppe innerhalb der ÖVP, die sich jedes Jahr um Dreikönig in Maria Plain traf, um „die Lage der Partei zu reflektieren, einen Mangel an ideologischem Profil festzustellen und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen“, sagte Michael Spindelegger einmal gegenüber profil. Im Jahr 1995 war es diesem Maria-Plainer-Kreis gelungen, den damaligen, für die Funktionäre der ÖVP auf dem Land viel zu liberalen Erhard Busek von der Spitze der ÖVP zu verdrängen.

In Spindeleggers Kosmos herrschte das Gesetz des „Unter sich“-Seins. Aufgewachsen im ÖVP-Biotop in Hinterbrühl bei Wien, hatte Spindelegger junior die Machtmechanismen der Partei vor Augen. Sein Vater war Bürgermeister, ÖAAB-Funktionär, Nationalrat und Bundesrat gewesen. Das Mandat von Spindelegger senior erbte der junge ÖAAB-Politiker Robert Lichal, der Jahre später, als Verteidigungsminister, seinerseits den jungen Spindelegger in sein Kabinett holte und diesen zu seinem Nachfolger im ÖAAB aufbaute. Eine besonderes Band war durch die Zugehörigkeit aller Beteiligten zum Cartellverband hergestellt, deren Verbindungsbrüder einander ein Leben lang im Wort sind. So gut wie alle Spitzenpolitiker, die heute in der Spindelegger-ÖVP etwas zu melden haben, sind im CV organisiert, mit Ausnahme von Staatssekretär Sebastian Kurz, dem Vorläufer einer neuen Politikergeneration.

Seine erste Bewährungsprobe hatte Spindelegger als Ministersekretär zu bestehen. Im Jahr 1989 gab es eine Hausdurchsuchung in seiner Privatwohnung in Hinterbrühl. Es stand der Verdacht im Raum, sein Chef, Verteidigungsminister Lichal, habe über den CV-Bruder und Waffenhändler Walter Schön eine größere Menge an Munition stark überteuert für das Bundesheer ankaufen lassen. Ein Zettel war aufgetaucht, der Parteienfinanzierung vermuten ließ. Dem ermittelnden Staatsanwalt wurde der Fall entzogen, das Verfahren eingestellt. Es waren auch Aktenvermerke gefunden worden, die nichts mit der Affäre zu tun hatten, aber einen Eindruck geben von Spindeleggers Dienstauffassung. Der damals 28-jährige Ministersekretär pflegte für seinen Chef Notizen über Vorgänge im Haus anzulegen. Nach einem Treffen Lichals mit dem Autorennfahrer Gerhard Berger etwa hatte Spindelegger – im offenbar üblichen, seltsam intim-brutalen Ton – festgehalten: „Rennfahrer Berger war beim BM. Ich war beim Gespräch dabei. BM lässt Siegesgehabe vermissen. Er ist zu offen, zu solch einem ‚Gfrast‘.“

Nach einem Gespräch mit dem damaligen Milizsprecher der ÖVP, Michael Ikrath, heute Bankmanager und Nationalrat, berichtete Spindelegger an Lichal, dass Armeekommandant Hannes Philipp bei diesem „zu Kreuze gekrochen“ sei, sich an die ÖVP „anzubiedern versuche“. Er empfehle, dem General zu signalisieren, man würde ihm beistehen, wenn er sich „über eine gewisse Zeit bewährte“. Über Kollegen im Außenamt petzte Spindelegger, statt die Erdbebenhilfe in Armenien zu organisieren, gehe man „drei Stunden mittagessen …“

Spindelegger selbst galt damals schon als überaus fleißig. Sein Ehrgeiz und steter Aufstieg wurden erst später sichtbar.

Schießen im Wald

Zahlreiche Briefe schrieb Heinz-Christian Strache an Jörg und Claudia Haider, adressiert ans Bärental. Da war er 22 Jahre alt, freiheitlicher Bezirksrat in Wien-Landstraße und ein glühender Verehrer. Haider war eben wegen seines Lobes für die „ordentliche Beschäftigungspolitik des Dritten Reichs“ seines Amtes als Kärntner Landeshauptmann enthoben worden, und Strache zeigte sich voll solidarisch. Mit seiner Vergangenheit an der Seite von Neonazis konnte sich Strache in diesen Jahren in der FPÖ gut aufgehoben fühlen. Schon in jungen Jahren war Strache politisiert worden.

Mit der Schule war es zwar nicht so gut gelaufen, der Vater, ein Lebemann, der die Familie bald verließ, hatte noch am Lycée maturiert und war dann als Reiseleiter durch die Welt gezogen. Der Junior aber lernte bei einem Zahntechniker das Handwerk und holte die Matura später in einer Abendschule nach. Während seiner Lehrjahre war Strache Stammgast auf der Bude der Pennälerverbindung „Vandalia“. Man focht dort mit Gesichtsschutz. So blieb Strache von hässlichen Narben verschont, doch nicht von der Welt des Rechtsradikalismus. In diesen Kreisen lernte er den derzeit einsitzenden notorischen Neonazi Gottfried Küssel kennen, den Chef der NDP, Nobert Burger, und andere Jung-Nazi-Größen, die damals in Burgers Haus in Kirchberg am Wechsel verkehrten. Auch Strache gehörte bald zur Familie. Er war mit Burgers Tochter Grudrun verlobt.

In diesen Jahren nahm Strache einmal an einer der berüchtigten Wehrsportübungen von Küssel teil. Nach Videoaufnahmen wurden die Teilnehmer solcher Trainingslager unterwiesen, wie man einen Gegner durch Genickstich lautlos erledigen könne. Strache gab gegenüber den Journalistinnen Nina Horaczek und Claudia Reiterer („HC Strache“. Ueberreuter-Verlag, 2009) an, das sei „entsetzlich gewesen“ und er sei früher heimgefahren.

Strache trainierte mit seinesgleichen in den Kärntner Wäldern mit Gummiknüppeln und Paintball-Pistolen und war mit der neonazistischen Wiking-Jugend – entsprechend adjustiert – in Deutschland unterwegs. Als der britische Holocaust-Leugner David Irving 1989 in Wien einen Vortrag halten wollte, der in einem Haftbefehl mündete, dem sich Irving durch Flucht entzog, stand Strache unter den enttäuschten Adoranten.

Viele von Straches Parteifreunden in der heutigen FPÖ haben eine einschlägige Vergangenheit. Im Jahr 1993 wurde bei einer Hausdurchsuchung eines bekannten Rechtsextremisten ein Telefonverzeichnis gefunden. Straches Telefonnummer war unter seinem Verbindungsnamen „Heinrich“ angeführt. Aber auch der FPÖ-Bezirksrat Martin Hobek, der Wiener Landesparteisekretär Hans-Jörg Jenewein, der freiheitliche Klubdirektor Norbert Nemeth, der Nationalrat Harald Stefan und FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky finden sich in diesem Verzeichnis. Seinen Stellvertreter Johann Gudenus – Couleurname Wotan – holte Strache 1998 selbst in die „Vandalia“ und machte ihn zu seinem Leibfuchs.

Seit’ an Seit’ mit dem Wachtelkönig

Als Eva Glawischnig im Alter von 18 Jahren bei der Aufnahmeprüfung an der Grazer Jazz-Akademie durchfiel und stattdessen Jus inskribierte, war ihr Selbstvertrauen kaum beschädigt. Sie besaß die Zähigkeit junger Menschen, die sich gewiss sind, schon einiges durchgestanden zu haben: krakeelende Stammtischbrüder, familiäre Debatten über Nazis und zweisprachige Ortstafeln. In der Hochsaison im elterlichen Wirtshaus am Millstädter See in Kärnten hatte sie mit ihren Geschwistern an manchen Tagen 500 Menüs serviert und abgeräumt. Acht Jahre hindurch war sie Klassensprecherin gewesen und als Keyboarderin einer Rockband übers Land getingelt. Mit dem seichten Sommersong „Gelati“ war die Band, in der sie spielte, einmal sogar in die Top Ten der Ö3-Hitparade gekommen.
In Graz hatte sie noch einmal neu angefangen und sich während des Jus-Studiums mit ungebremstem Ehrgeiz bei der Umweltschutzorganisation Global 2000 engagiert und in den Kampf gegen die Ennstaltrasse geworfen.

Mehrere Jahre war es schon hin und her gegangen, für und wider den Bau einer 15 Kilometer langen Schnellstraße zwischen Liezen und Stainach, weil in dieser Region der Wachtelkönig brütet, ein häßlicher, schwerfälliger, scheuer und vor allem vom Aussterben bedrohter Vogel. 1993 hatte sich die Lage zugespitzt. Die Bürgerinitiative der Trassengegner organisierte Blockaden und Straßensperren. In Kompaniestärke war die Gendarmerie eines Tages angerückt, um die Demonstranten – Studenten aus Graz, Bauern aus der Umgebung – von Bauzäunen und Geräten loszuschweißen. Glawischnig verbrachte Tage und Wochen im Besetzer-Camp, gab rechtliche Tipps, was im Falle einer Räumung des Areals zu tun sei.

Später in Wien gehörte sie zur Kerntruppe von Global 2000. Die Umweltschützer brachten am Brüsseler Atomium ein Transparent gegen die Atompolitik der EU an und protestierten gegen den Transit, indem sie sich an Grenzübergängen anketteten. In ihrer Dissertation untersuchte Glawischnig die Chance einer Klage gegen das slowakische AKW Mochovce. Viele der damaligen Aktivisten heuerten wie Glawischnig in den 1990er-Jahren bei den Grünen an. Die kulturelle Kluft zwischen den aus linken Gruppierungen zu den Grünen gestoßenen Politikern und Umweltaktivisten ist bis heute immer wieder spürbar.
Lothar Lockl, der spätere Bundesgeschäftsführer der Grünen, damals Pressesprecher von Global 2000, sagt: „Wir waren naive Revoluzzer, chaotisch, basisdemokratisch, mit nächtelangen Sitzungen und Konsensprinzip.“ Am Beginn jeder Sitzung stand das Ritual, einen Stein, der in der Mitte des Tisches lag, in die Hand zu nehmen und zu erzählen, was einem am Herzen lag. Glawischnig lernte bei Global 2000 organisieren, verhandeln und nicht zuletzt, welche Geschichten sich in den Boulevardmedien am besten verkaufen. Ihre guten Kontakte zur „Kronen Zeitung“ stammen aus dieser Zeit. Politisch im engeren Sinn diskutiert wurde bei Global 2000 kaum. Die Begriffe der Generation, die noch die Gesellschaft verändern wollte, nahm hier keiner in den Mund. Auch das Fraktionieren, das Machtspiel der traditionellen Jugendorganisationen, war hier verpönt. „Da hatten wir wohl alle einen kleinen Startnachteil“, sagt Lockl, der 2009 bei den Grünen ausschied und sich als Berater selbstständig machte.

Der Wachtelkönig, der Glawischnigs Engagement begründete, hat bis heute den Bau der Ennstaltrasse verhindert.

Schaut's her

Die Demütigungen seiner Kindheit und Jugend hat Frank Stronach nicht vergessen. Wie mittlerweile allseits bekannt ist, wuchs Stronach als Franz Strohsack in den krisengeschüttelten 1930er-Jahren in einer Barackensiedlung bei Weiz auf. Seine Mutter, eine Fabriksarbeiterin bei Elin, hatte Stro-nachs Vater als „unbekannt“ eintragen lassen, doch jeder in der Elendssiedlung in „Kleinsemmering“ wusste, dass es sich um den braven Kommunisten Anton Adelmann, ebenfalls Arbeiter bei der Elin, handelte. In Stronachs ersten Lebensjahren lebte die Familie zusammen: Vater, Mutter, Schwester und Cousine. Als Stronach fünf Jahre alt war, trennten sich seine Eltern. Jeder fand einen neuen Partner und heiratete. Doch die alten Bande blieben bestehen. Die beiden Familien lebten in einem Haus friedlich vereint – das berichtet zumindest Stronachs Stiefbruder. Und beide Väter arbeiteten nach dem Krieg wieder bei der Elin. Auch Stronach war dort ins Berufsleben eingestiegen. Als der 14-Jährige seine Lehre als Werkzeugmacher begann, hatten sich die Chefs der Elin, die 1938 arisiert worden war, bereits auf und davon gemacht, und die Arbeiter hatten die Produktion selbstständig wieder aufgenommen. 1946 wurde die Elin verstaatlicht. Es herrschte Aufbruchsstimmung. Doch der Verdienst war schmal. Stronach ging 1952 in die Schweiz, kehrte nach einem Jahr schon zurück, angeblich um einen „verantwortungsvollen Posten in Graz“ zu übernehmen. Doch daraus wurde nichts, auch nicht bei der Elin. 1954 wanderte Stronach nach Kanada aus.

Im Jahr 1961, nach einem Großauftrag von General Motors, der seinem neu gegründeten eigenen Unternehmen eine Zukunft gab, kam Stro-nach abermals in seine Heimat zurück, nicht als armer Mann, sondern damals schon wie ein Millionär. In einem schwarz glänzenden Pontiac Parisienne mit roten Ledersitzen fuhr er vor. Er hatte kein Geld und keine Mühe gescheut und war mit dem Straßenkreuzer per Schiff übers Meer gekommen und von Le Havre in einem durch nach Weiz gefahren. Heute noch erinnern sich die älteren Weizer an den Aufruhr. Mit quietschenden Reifen war Stronach durch die verwinkelte Altstadt gekurvt, sodass jeder es sehen und hören musste – vorbei an der Elin, wo die Angestellten in Trauben an den Fenstern hingen. Stronach war damals 28 Jahre alt, und das Gerücht ging um, er habe sich das Auto nur geborgt. Sein nie gestilltes Verlangen nach Anerkennung trieb ihn 50 Jahre später dazu, sich in die Politik einzukaufen.