Der ehemalige Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) im Rahmen einer Sondersitzung des Nationalrates im Parlamentsausweichquartier in der Wiener Hofburg am Donnerstag, 14. Jänner 2021.

© APA/ROLAND SCHLAGER

profil-Morgenpost
10/14/2021

Wenn das Handy zum Feind wird

Wir sollten wieder mehr reden als chatten. Wenigstens das kann man aus dem tiefen Fall des Sebastian Kurz lernen.

von Rosemarie Schwaiger

Guten Morgen!

Mein Handy ist mir unheimlich geworden. Es liegt brav wie immer neben dem Laptop auf dem Schreibtisch, lässt sich ohne Widerworte in Betrieb nehmen und funktioniert auch sonst wie eh und je. Trotzdem: In unsere Beziehung hat sich ein gewisses Misstrauen eingeschlichen. Seit in der Politik reihenweise Karrieren zu Bruch gehen, weil Staatsanwälte auf diversen Handys (und dem Back-up von Handys) die unglaublichsten Infos gefunden haben, betrachte ich das Zusammenleben mit meinem Smartphone als Amour fou. Ich brauche und mag das hübsche kleine Ding, aber ich bin nicht mehr sicher, dass mir diese Beziehung gut tut. Eines Tages könnte es mit uns beiden böse enden.

Keine Sorge, ich habe nichts angestellt, das staatsanwaltliche Ermittlungen rechtfertigen würde. Aber die Erkenntnis, dass mein Handy alles über mich weiß (und sich bei Bedarf zuverlässig an alles erinnern wird), ist auch mit einem halbwegs reinen Gewissen beängstigend. Kennen Sie das leichte Zögern, das sich neuerdings beim Chatten via Smartphone einstellt, auch? Vielleicht sollten wir einfach wieder mehr miteinander reden, ganz altmodisch und mit echten Gefühlsäußerungen statt mit Emojis.

Von Ex-ÖBAG-Chef Thomas Schmid hat die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft nicht weniger als 300.000 Chatnachrichten sichergestellt. Die Auswertung eines Bruchteils davon genügte, um den Kanzler zu stürzen und die türkis-grüne Regierung in ihre bisher schlimmste Krise zu stürzen. Was kommt da noch alles? Das müssen sich nicht zuletzt die ÖVP-Nationalräte fragen, die Ex-Kanzler Sebastian Kurz mit dem sowjetisch anmutenden Wahlergebnis von 100 Prozent zu ihrem neuen Klubobmann kürten. Derzeit scheint die Regierung halbwegs stabilisiert: Gestern hielt Finanzminister Gernot Blümel seine Budgetrede. Heute soll Kurz als Nationalrat angelobt werden. Dennoch ist es äußerst unwahrscheinlich, dass Türkis-Grün bis zum regulären Wahltermin 2024 halten wird. Es spricht einfach zu vieles dagegen.

profil hält Sie seit Beginn dieser Krise auf dem Laufenden – online und in der Printausgabe. Wir haben den tiefen Fall des Sebastian Kurz analysiert und  die Hintergründe des Ermittungsverfahrens beleuchtet. Im nächsten Heft werfen wir einen Blick in die Zukunft: Wie soll oder wird es im Land weitergehen, wenn sich der erste Schreck über die Enthüllungen gelegt hat?

Sie können profil natürlich auch am Handy lesen. Das ist, Ehrenwort, auf jeden Fall erlaubt.

Rosemarie Schwaiger

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