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Österreich
11/07/2020

Wie der Wien-Attentäter im Deradikalisierungs-Programm eingestuft wurde

Über eineinhalb Jahre sprach K. F. jede zweite Woche mit Pädagogen des Vereins Derad – bis zuletzt, vier Tage vor dem Attentat. F.s persönlicher Betreuer gibt nun Einblicke zu dessen Entwicklung.

von Thomas Hoisl

Als klar wurde, dass es sich bei dem Attentäter von Wien um einen einschlägig vorbestraften Dschihadisten handelte, hagelte es (vor allem politisch motivierte) Schuldzuweisungen. Bundeskanzler Sebastian Kurz schoss sich auf die Justiz ein: Ohne die vorzeitige, bedingte Entlassung von K.F. im Dezember 2019 hätte das Attentat „so nicht stattfinden können.“ Auch ein Versagen des Deradikalisierungs-Programms wurde diskutiert. Die Enthaftung F.s folgte jedenfalls einer üblichen Justiz-Praxis - in die Entscheidung des Landesgerichtes Krems vom 3. Oktober 2019 waren Einrichtungen wie der Verein Derad nicht eingebunden.

Gegenüber profil legt Derad nun erstmals offen, wie das Betreuungsverhältnis mit K. F. konkret aussah. Dieses begann bereits im April 2019, kurz nach der Verurteilung am Landesgericht Wien. Über eineinhalb Jahre hinweg – bis zuletzt wenige Tage vor dem Attentat – habe es mindestens alle zwei Wochen ein neunzigminütiges Gespräch gegeben. Sein persönlicher Betreuer erinnert sich: „Er war zurückhaltend, nicht sehr gesprächig. Im Gegensatz zu anderen Klienten wurde er auch nie emotional oder aufbrausend. Er hielt keine Monologe, wenn ihm Aussagen von mir einmal nicht passten.“

Derad kümmert sich um ideologische Härtefälle. Im Gegensatz zu psychosozialer Betreuung oder klassischer Bewährungshilfe setzt der Verein beim Thema politischer Bildung im religiös-extremistischen Bereich an – mit dem Ziel, etwa das verkappte Weltbild der Dschihadisten zu widerlegen. Aber auch Neonazis oder  „Reichsbürger“ sind Klienten des Vereins, der zumeist auf Weisung eines Strafgerichtes tätig wird.

In den ersten Monaten der Betreuung K.s sei es vor allem um die damalige Verurteilung gegangen. Eine, wie es der Betreuer nennt, „existenzielle Frage“ sei für K. gewesen, wieso seine „Bittgebete“ nicht erhört wurden. „Er hatte eine völlig rudimentäre, naive Vorstellung von Religion. Er glaubte, dass bei einem wahren Muslim jedes Gebet erhört würde. Deshalb zweifelte er auch an sich selbst. Er verstand nicht, wieso er trotz seiner Gebete im Gefängnis saß.“ Die unerhörten Bittgebete seien bei K. bis zuletzt Thema gewesen.

Als K.s bedingte Enthaftung im Herbst 2019 in Aussicht stand, habe sich dieser geläutert gegeben: „Er ist unauffälliger aufgetreten, kein markanter Bart, keine hochgekrempelten Hosenbeine“, erinnert sich der Pädagoge. K. F. habe angegeben, seinen HTL-Abschluss nachholen zu wollen. „Es hat positive Signale gegeben, für uns war aber klar, dass er nach wie vor problematisch ist.“

Danach dockte K. F. wieder in seinem früheren sozialen Umfeld an. Er begann, sich äußerlich zu verändern – der Bart und die Haare wurden länger, die Hosen wurden wieder über die Knöchel gekrempelt. „Bei diesen Jugendlichen ist das natürlich ein gewisses Zeichen, dazuzugehören. Eine Art Popkultur.“

Die Rückkehr ins alte Milieu stellt aber ein zentrales Problem für die Deradikalisierung dar: „Wir sehen unsere Klienten nur alle zwei Wochen, ihre Freunde treffen sie alle paar Tage. Da entstehen Echokammern, die sich gegenseitig bestärken und beeinflussen.“ In der Vergangenheit schlug Derad vor, in einer Art „teilnehmenden Beobachtung“ auch Moscheen zu besuchen; oder zentrale Plätze, die für die Klienten wichtig sind. Doch weder gebe es dafür aktuell ein Mandat noch finanzielle Mittel.

Eine gelungene Deradikalisierung liege jedenfalls erst dann vor, wenn sich die Personen über längere Zeit aus ihrem alten Umfeld lösen. Erst dann werden auch die Intervalle der Betreuungstermine ausgeweitet.

Bei K. F. blieb die Betreuungsstruktur jedenfalls engmaschig – auch während des ersten Lockdown gab es zweiwöchige Sitzungen per Videochat.

K. F. zog aus seinem Elternhaus aus, bekam mit Unterstützung der Bewährungshilfe eine Wohnung samt Zuschüssen für Möbel und Einrichtung. Der arbeitslos Gemeldete bezog Mindestsicherung, hielt sich nach Angaben des Betreuers stets penibel an alle Vereinbarungen; absolvierte Workshops und schrieb Bewerbungen im Bereich Mechatronik und IT.

Am 23. Juli, zwei Tage nachdem F. in die Slowakei gefahren war, um sich Munition zu besorgen, saß der 20-Jährige wieder bei seinem Betreuer. „Mir fiel auf, dass der Bart länger war und dass er enorm an Muskelmasse zulegte.“ F. habe vor allem in Outdoor-Fitnessparks trainiert, wegen seines schnellen Muskelwachstums gingen Bekannte davon aus, dass er zudem Anabolika nahm. Ab dem Sommer arbeitete K. F. geringfügig für ein Security-Unternehmen.

Ende September schickte Derad wie jedes Quartal einen Zwischenbericht an die Justiz: K. F. würde pünktlich zu allen Sitzungen erscheinen. Positiv hob man ein Mindestmaß an Akzeptanz hervor, was Rechtsstaat und Demokratie anging. „Viele Klienten lehnen politische Wahlen oder Gesetze völlig ab, weil diese nicht von Gott kommen. Da war er durchaus gemäßigter.“ Zwar habe F. nicht an der Wien-Wahl teilgenommen, eine Stimmabgabe als „kleineres Übel“ hätte er aber als durchaus legitim betrachtet.

K. F. habe religiöse Inhalte vor allem im Netz konsumiert, meint sein Betreuer. Fundiertes, theologisches Wissen sei bei ihm nicht vorhanden gewesen. Dschihadistische Inhalte zirkulieren in Chats auf Telegram – für Außenstehende schwer einsehbar. Eine Website im „offenen“ Netz tat es F. aber ebenfalls an: Die Plattform „Im Auftrag des Islam.“ „Diese Seite vertritt durchaus problematische Inhalte, was die theoretische Einstellung zum Dschihadismus angeht“, bemerkt der Betreuer F.s. Dort auftretende Personen, die radikale Inhalte vereinfacht in deutscher Sprache wiedergeben, erachtete K. F. als „authentisch“ und brachte die Seite gegenüber seinem Betreuer  ins Gespräch ein – auch beim letzten Meeting. „Diese Protagonisten von ‚Im Auftrag des Islam‘ liefern sich auf YouTube richtige ‚Battles‘, was denn der richtige Islam sei. Das findet bei Jugendlichen großen Anklang.“

Am 29. Oktober, vier Tage vor dem Attentat, saß K. F. zum letzten Mal vor seinem Betreuer. „Es ging um seinen Stellungstermin, der hätte in der kommenden Woche stattfinden sollen.“ F. hätte sich laut seinem Betreuer durchaus für das Bundesheer entschieden; ein potenzielles Problem habe er nur darin gesehen, gegen Muslime zu kämpfen. Drängendes Thema sei zuletzt auch der Konflikt rund um Mohammed-Karikaturen in Frankreich gewesen. „Die Karikaturen lehnte er natürlich ab. Er sagte, dass es verantwortungslos sei, diese zu zeigen – weil dann ,gewisse Personen‘, ‚gewisse‘ Handlungen setzen könnten.“ Die jüngsten Attentate habe er aber nicht gutgeheißen. Am Ende vereinbarte man einen nächsten Termin für den 10. November, Mitte des Monats wäre K. F. für einen Workshop im Bereich Maschinenbau angemeldet gewesen.

 

Diese Geschichte ist Teil der aktuellen profil-Titelgeschichte.

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