SCHICKSALSBEGEGNUNG: Retter Marius mit profil-Redakteurin Christa Zöchling vor der Bar in der Rotenturmstraße
 

© Joachim Lottmann

Österreich
11/07/2020

Die Nacht des Terrors in Wien

Christa Zöchling über lange Stunden, in denen man dachte, draußen laufen mehrere Attentäter herum, die auf alles schießen, was sich bewegt.

von Christa Zöchling

So fühlt es sich also an: der Terror.

Er kam mit trockenen Peitschentönen und Geknatter, gefolgt von einer Stampede von Menschen, die mit aufgerissenen Mündern, Panik in den Augen und gellenden Schreien alles überrannten, was sich ihnen in den Weg stellte, und so schnell, wie sie gekommen waren, in alle Richtungen wieder verschwanden.

Verwirrt waren wir aufgesprungen. Unsere Räder lagen am Boden. Stühle waren umgefallen, Glas zersplittert, unsere Gläser am Tisch klirrten, ein Teller hatte einen kleinen Hüpfer gemacht. Aus der rasenden Menge hatte ich "Kalaschnikow, Kalaschnikow" vernommen, was ich lachhaft fand.

Ich glaubte nicht an einen Terroranschlag. Ich dachte an eine verfrühte Silvesterknallerei, an die coronamüde Jugend, die den letzten Abend, bevor wieder alles zusperrte, noch einmal so richtig feiern wollte, setzte mich wieder hin, nahm einen Schluck Wein und dann: Wieder ein Knall. Doch Schüsse? Nun brach eine gewisse Unruhe aus vor der Bar L'Ombra am Lugeck im 1. Wiener Gemeindebezirk. Mein Mann war stehen geblieben und blass um die Nase und sagte: "Hast du den Leuten nicht ins Gesicht geschaut, die an uns vorbeirannten? Die haben Schreckliches gesehen." - "Na, zahlen wir schnell und gehen vor zum Schwedenplatz! Ich will wissen, was los ist."-"Ein Terroranschlag." - "Blödsinn, doch nicht in Wien."

Wir verabschiedeten uns von unserem Freund, der noch irgendwo ein Fluchtachterl trinken wollte, und ich zog meinen widerstrebenden Mann die Rotenturmstraße hinunter Richtung Schwedenplatz. Die Straße war in grelles Licht getaucht. Blaue und rote Lichter blinkten, Scheinwerfer tasteten sich über Fassaden, offene Mannschaftswägen der Polizei fuhren an uns vorbei, Sirenen, Schreie, unbeschreiblicher Lärm, akustisches Chaos lag in der Luft. Ein schwarzer Wagen wie aus einem James-Bond-Film raste die Rotenturmstraße hinunter, gefolgt von einem Polizeiwagen, und eine Stimme aus einem Lautsprecher schrie: "Weg! Weg! Weg von der Straße!"

Wir waren auf dem rechten Trottoir unterwegs, als eine Glastür aufschwang. Eine Hand packte mich und meinen Mann und zog uns hinein. Da standen wir nun: die Barbetreiberin, ihr 17jähriger Sohn, mein Mann und ich. Draußen tobte weiter der Irrsinn. Nur eine Glasscheibe trennte uns davon.

Wir stolperten zwischen eng zusammengestellten Barhockern in den hinteren Teil eines winzig kleinen Raums und überlegten fieberhaft, wer sich unter welches Tischchen kauern könnte, wie man sich am besten unsichtbar machte, ob man sich hinter einer schmalen Stützmauer verstecken oder besser in der Kochnische verkriechen sollte und den Sichtschutz vorziehen. Wir brauchten vier Verstecke. Der Tresen verlief längs und bot keinerlei Schutz.

Jetzt dachte ich nicht mehr an Böller und Feuerwerke, sondern an das Video des Synagogen-Attentäters von Halle, der sich und seine Terrorfahrt mit einer Handy-Kamera gefilmt und ins Netz gestellt hatte; der, nachdem das Synagogentor standgehalten hatte, in einen Kebab-Laden gestürmt war und kaltblütig auf einen Menschen in einer Ecke schoss und nach ein paar Minuten wiederkam, um noch einmal auf das zuckende Bündel Mensch zu zielen, bis sich nichts mehr rührte.

Wir waren in einer Auslage. Man konnte uns von draußen sehen und drauflosballern. Wir waren hilflos. Die Angst kam und ging in Wellen. Es gab auch unheimlich coole Phasen. Dann ging ich auf die Straße, um die Lage zu sondieren und Fotos zu machen von den schwerst bewaffneten Einheiten, die sich im Gänsemarsch zum Fleischmarkt vorarbeiteten. Sonst war alles unverändert. Polizeiautos, Sirenen, Höllenlärm, Jugendliche, die vor-und zurückliefen und ihre Handys über den Kopf hielten, und eine brüllende Polizeistimme: "Sensationsgeile Idioten, es geht um euer Leben. Haut ab!"Es gab Minuten, in denen mich eine komatöse Müdigkeit befiel, in denen ich gelangweilt und voll Überdruss nach draußen stierte. Im aufgedrehten Zustand plapperte ich viel Unsinn.

Susanne, die uns in ihre Bar gezogen hatte, stellte Wodka auf den Tresen und machte Käsetoast. Der 17-jährige Marius klebte an seinem Handy, simste mit Gott und der Welt, und die Informationen, die er daraus bezog, überschlugen sich. Heute weiß man, dass es ein Einzeltäter war, aber wir kauerten in unserem Glaskäfig, hatten keine Ahnung, was draußen los war, und die mediale Wirklichkeit begann zu tanzen. Wir hatten unzählige Fotos und Videos vor Augen, waren mittendrin im Geschehen, sahen uns umzingelt von drei, vier, fünf Terroristen, die um die Ecken schlichen und auf alles schossen, was sich bewegte. So hielten wir still und drehten das Licht ab.

Eines der Videos zeigte uns einen Mann in einer Art weißem Overall, der mit einem Gewehr in der Hand am jüdischen Stadttempel vorbei durch die Seitenstettengasse läuft und nach Opfern Ausschau hält. Eine Frau ist am unteren Bildausschnitt zu sehen. Sie verschwindet aus dem Bild. Ist sie jetzt tot? Oder ist sie davongekommen? Ein Mann drückt sich in eine Mauernische, ein Schuss, und er sinkt zu Boden. Es gab andere, ähnliche Szenen. Ist das nicht bei uns um die Ecke? Wie viele sind es? Kommen sie an der Bar vorbei? Wir sahen Videos von wilden Verfolgungsjagden, die in anderen Städten spielen, aber das wussten wir nicht. Wir glaubten, das ist draußen, vor der Glastür. Wir hörten, dass die Attentäter schon am Flughafen Schwechat um sich geschossen und eine Blutspur hinterlassen hatten. Dann: Eine Geiselnahme in der Mariahilfer Straße wird berichtet, auch von sonst seriösen Medien. Das ist der Tiefpunkt. "Jetzt ist es aus mit Wien", sagte Susanna und nahm ihren Sohn in die Arme. "Jetzt werden sie weiter morden."

Seelenqualen. Ich hab den enthaupteten Lehrer einer Schule in der Nähe von Paris im Kopf. Ich hoffe insgeheim, unsere Attentäter werden es schnell machen, schießen und nicht mit einer Machete hantieren. Ich denke an das Gemetzel in einer Kirche in Nizza, an Bataclan, an Sprengstoffattentäter und Amokfahrer. Mir kommen die österreichischen Dschihadistenprozesse in den Sinn, die ich für profil beobachtet habe-der Hochmut der vor Gericht stehenden Islamisten, ihre Selbstgerechtigkeit, ihr Hass auf diese Welt, in der wir leben, ihre Verachtung für Frauen und ihre muskelbepackten Körper, die alles auszuhalten scheinen. Ihre moralische Überheblichkeit, wenn sie sich unbeobachtet wähnten. Sätze aus den Telefon-Überwachungsprotokollen des angeklagten Hasspredigers Mirsad O. lassen mich nicht los. Wie sie da zu viert oder fünft im Auto saßen und über eine Sozialarbeiterin herzogen, die wolle man "aufreißen wie eine Chipstüte",wie viel man in Syrien für Sklavinnen bezahle und dass man ganz "heiß aufs Schlachten" sei. Ich weiß, dass von Fanatikern kein Mitleid zu erwarten ist, keine Bitte erhört werden wird, kein Flehen und Wimmern sie abhalten wird.

Susanna und Marius, unsere Retter, im Stillen nenne ich sie so, kennen andere Bar- und Ladenbetreiber aus dem Grätzel. Sie riefen an, berichteten Unfassbares, schickten Fotos.

Ein Freund der beiden klopfte draußen an die Glastür, stürmte herein. Leichenblass. Im Schock. Er konnte erst nicht sprechen. Er betreibt den Laden Ecke Fleischmarkt/Rotenturmstraße. Was hat er gesehen, dass seine Augen so aussehen? "Ich sah ihn Menschen erschießen", sagte er.

Stunden vergingen. Es wurde ruhiger, die Sirenen seltener. Wir erfuhren, dass ein Attentäter schon zehn Minuten nach acht Uhr von der Polizei erschossen worden war. Aber wie viele sind noch unterwegs? Nach Mitternacht wagten wir uns-gegen die Anweisungen der Polizei-vor die Tür. Wir hielten es nicht mehr aus in unserer gläsernen Falle. Wir machten uns zu viert auf den Weg, die Fahrräder als kleines Bollwerk an den Außenseiten, durch die stillen Straßen. Vorbei an Gruppen von schwer bewaffneten Polizisten und Soldaten. Sie ließen uns passieren. Sie schauten uns nicht an. Wir schauten sie nicht an. Wir bewegten uns angespannt von Straßenecke zu Straßenecke. Jeder überlegte für sich, was er tun würde, wenn ein Terrorist auftauchte. Marius sagte, er fühle sich wie in einem Computerspiel.

Jeder von uns weinte, als wir daheim waren. Marius erfuhr am nächsten Tag, dass ein guter Freund von ihm in dieser Nacht ermordet wurde. Kaum 40 Meter von uns entfernt.

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