"Da stinkt was": Wie Verschwörungstheorien entstehen

"Da stinkt was": Wie Verschwörungstheorien entstehen

Anatomie einer Falschmeldung: Wie Verschwörungstheorien entstehen und wer sie anfeuert, lässt sich anhand eines irreführenden Videos zur Bundespräsidentenwahl nachzeichnen.

Dies ist eine Geschichte von modernen Betrügern, wutentbrannten Nutzern, überforderten Journalisten und gleichgültiger Technik - es ist die Geschichte der Desinformation im 21. Jahrhundert, erzählt anhand einer weitverbreiteten Falschmeldung von vergangener Woche.

Am Abend der Bundespräsidentenwahl passierte dem TV-Kanal Euronews, der von Frankreich aus in 13 Sprachen sendet, ein Fehler: Um 17.01 erklärte der Moderator, die erste Hochrechnung sei eingetroffen und "Norbert Hofer von der rechtspopulistischen FPÖ“ liege "deutlich“ vorne. Die Information war falsch: Das Bild zeigte lediglich den Auszählungsstand des Innenministeriums von 16.54 Uhr - der keine Aussagekraft hatte, da er nur das Wahlverhalten in ländlichen Regionen abbildete. Der Sender stellte das kurz darauf richtig, identifizierte Alexander Van der Bellen als Sieger - doch der Schaden war angerichtet. Im Netz kursiert seither die Fake News "Wahlbetrug in Österreich“, basierend auf einem längst widerlegten Bericht. Etliche Medien warnten schon vor der Falschmeldung - mit weniger Reichweite als die Falschmeldung. Es lohnt sich, den Fall näher zu analysieren: Er verrät viel über digitale Propaganda und die Tricks der Fälscher. Das Ganze lässt sich als Drama in fünf Akten erzählen.

Akt 1: Die Genesis der Falschmeldung

Euronews passierte die Panne vor allem, weil es keine Journalisten in Wien hatte. Der kleine Sender macht sein Programm in Lyon, nutzt Live-Videos großer Agenturen und lokaler Sender, lässt diese live von 13 Moderatoren in 13 Sprachen kommentieren.

Am Abend des 4. Dezember war der deutschsprachige Moderator davon ausgegangen, dass er um 17 Uhr schon die erste Hochrechnung behandeln würde. Tatsächlich sahen er und das Publikum zu dieser Uhrzeit nur ein Bild aus der Hofburg: Das Innenministerium hatte dort den aktuellen Auszählungsstand an die Leinwand projiziert. Das wusste der Euronews-Journalist nicht, er saß weit entfernt in seiner Sprecherkabine in Lyon - und hielt das für eine "Hochrechnung“.

"Dieser Fehler ist uns sehr unangenehm“, sagt Kirsten Ripper, Chefin vom Dienst bei Euronews, zu profil. Gerade auf solche journalistische Pannen stürzen sich Betrüger, um online Wut zu schüren.

Akt 2: Die Propaganda beginnt

Prompt kopierten rechte Accounts das Video von Euronews - die spätere Richtigstellung des Senders interessierte sie nicht. Äußerst erfolgreich ist ein Artikel der Site anonymousnews.ru: Er wurde schon mehr als 14.000 Mal auf Facebook geteilt. Im Text heißt es: "Hat man die Österreicher erneut um einen legitimen Bundespräsidenten Norbert Hofer (FPÖ) betrogen? Ja!“

Anonymousnews.ru ist eine Desinformationssite, die oft Verschwörungstheorien und Halbwahrheiten verbreitet. Da ist von "Zwangsimpfungen von Patienten“ die Rede oder vom "Umerziehungsjournalismus deutscher Medien“. "Der Verdacht liegt nahe, dass hinter der Site Mario Rönsch steckt“, sagt Andre Wolf von der Faktenchecker-Plattform Mimikama.at. Rönsch ist ein berüchtigter Rechter im deutschsprachigen Web. Er gilt als mutmaßlicher Betreiber der Facebook-Site "Anonymous.Kollektiv“, einer notorischen Hetzsite, die mittlerweile gesperrt wurde. Die Staatsanwaltschaft Erfurt nennt keine Namen von Verdächtigen, bestätigt aber profil, dass die Justiz seit Monaten nach dem mutmaßlichen Betreiber von "Anonymous.Kollektiv“ fahndet - wegen des Verdachts auf Betrug, auf Volksverhetzung und auf öffentliche Aufforderung zu Straftaten im Zusammenhang mit Websites.

Falschmeldungen entstehen nicht durch Zufall: Oft betreiben Rechtsextreme derartige Sites, um Misstrauen in Politik und Medien zu schüren. Unliebsame Fakten unterschlagen sie: Leserkommentare, die die Euronews-Meldung korrigieren, werden auf anonymousnews.ru nicht freigeschaltet. Postings, die hingegen gegen den "Staatsbetrug“ wettern, dürfen erscheinen.

Akt 3: Der Kampf gegen die Fälscher

Ein positives Detail: Die Öffentlichkeit reagierte rasch. Das Innenministerium und die Faktencheckersite Mimikama sowie die "Zeit im Bild“ korrigierten noch am Montag die Meldung auf Facebook. Diese Richtigstellungen erzielten jedoch weniger Reichweite als die Fälscher - während die unseriöse Site anonymousnews.ru rund 14.000 Mal geteilt wurde, erhielt das Innenministerium nur 45 Shares, die "Zeit im Bild“ wurde 103 Mal und Mimikama 706 Mal geteilt. Das ist ein vielfach dokumentiertes Problem: Die emotionalisierende, aufwühlende Falschmeldung wird rasanter auf Facebook verbreitet als die vergleichsweise nüchterne Richtigstellung. Die breite Berichterstattung in Medien führte immerhin dazu, dass diese Verschwörungstheorie aus gemäßigteren Foren verschwand - nicht jedoch aus einschlägigen Facebook-Gruppen.

Akt 4: Im digitalen Bunker der Wutbürger

In extrem wutgeladenen Facebook-Gruppen versuchten Gutmeinende vereinzelt, auch die Richtigstellung zu dem Video zu posten. Viele Nutzer ließen sich nicht davon beirren, schrieben etwa: "trotzdem dubios,verdächtige gschicht, das ganze“. Oder antworteten - ohne jegliches Gegenargument: "Fakt ist, da stinkt was gewaltig.“ Selbst mit der Korrektur konfrontiert, beharren Nutzer also darauf, dass die Falschmeldung weiterhin "dubios“ klinge. Ein zutiefst "postfaktischer“ Zugang - viele Hofer-Wähler wollen die Wahl nicht wahrhaben. Einer von ihnen lädt ein Video hoch, in dem jemand auf eine Wahlbroschüre von Van der Bellen pinkelt, man sieht, wie der Urin auf das Gesicht des neuen Bundespräsidenten plätschert. 288 Menschen liken das.

Es wird noch skurriler: Das Euronews-Video wird als Beleg für eine weitere Verschwörungstheorie herangezogen. Ein deutscher YouTuber namens Hagen Grell nutzt die Aufnahme, um Zweifel am ORF zu säen. Er argumentiert: Wenn Euronews um 17 Uhr nahezu nichts wusste, wie konnte der ORF kurz darauf die erste Hochrechnung bringen? "Sehr, sehr suspekt“, meint Grell - was ihm an Wissen fehlt, kompensiert er mit wilden Spekulationen. Womöglich weiß der Deutsche wirklich nicht, dass die Meinungsforscher von SORA an ORF-Wahlabenden stets ab 17 Uhr Hochrechnungen liefern. Sein Video feiert 85.000 Zugriffe, es "trendet“ sogar auf YouTube und wird Nutzern vorgeschlagen.

Akt 5: Die Technik nützt Verschwörern

Das tragische Ende der Geschichte: Wenige Tage nach der Wahl scheint die Falschmeldung aus dem Sichtfeld verschwunden - wäre da nicht YouTube. Am Freitag liegt das Euronews-Video noch immer auf Platz 3 der Rubrik "Trending“ auf YouTube und wird Benutzern vorgeschlagen. Ein Account namens "Aufklärungspartei Deutschland“ verbucht damit 160.000 Aufrufe. Wieso landet ausgerechnet ein irreführendes Video in den YouTube-Trends? Zu einzelnen Videos gibt das Unternehmen keine Stellungnahme ab, sagt aber zu profil: "YouTube nutzt viele unterschiedliche Faktoren, unter anderem Aufrufzahlen, um herauszufinden, was im Trend liegt. Dabei wird versucht, eine Balance zwischen Beliebtheit und Neuheit der Videos zu finden.“ Die Plattform betont, dass strafbare oder rassistische Inhalte nach Meldung unverzüglich entfernt würden. Jedoch ist das Schüren von Misstrauen in die Demokratie kein Straftatbestand. Einige Experten fordern derzeit: Die Technikunternehmen könnten mehr tun, um Falschmeldungen nicht so vielen Menschen einzublenden. Unter dem Stichwort "Fake News“ ist eine Debatte entbrannt - inklusive Lösungsideen. So könnten Plattformen wie YouTube die Glaubwürdigkeit von Accounts in ihre Rankings miteinbeziehen. Wessen Videos häufig wegen übler Nachrede oder Hetze gelöscht werden, sollte womöglich nicht in den Trends landen und Usern vorgeschlagen werden. Es ist unrealistisch, dass Falschmeldungen zur Gänze aus dem Netz verschwinden - aber immerhin könnten Technikplattformen den Fälschern weniger Publikum verschaffen.