Zeugen-Jehovas-Aussteiger: „Man hofft, dass bald das Ende kommt“

Zeugen-Jehovas-Aussteiger: „Man hofft, dass bald das Ende kommt“

Es war kein leichter Schritt: Sarah und Daniel Schwarz haben im August 2016 die Zeugen Jehovas verlassen. Im Gespräch mit profil geben die beiden Aussteiger einen Einblick in das strenge Leben der Religionsgemeinschaft.

profil: Im August seid ihr bei den Zeugen Jehovas ausgestiegen. Wie schwer war das?
Daniel: Sehr schwer. Zeugen sollen keine Freundschaften mit Leuten außerhalb der Gemeinschaft pflegen. Und die Aktiven dürfen mit Aussteigern keinen Kontakt haben.
Wir hatten fast nur Freunde, die ebenso Zeugen Jehovas waren.
Sarah: Bei mir ist ein Großteil der engsten Familie bei den Zeugen Jehovas. Einige haben sich seit unserem Ausstieg nicht mehr bei mir gemeldet. Bei einer Familienfeier wäre ich wahrscheinlich nicht eingeladen. Mitglieder der Zeugen Jehovas, die nicht zum Familienkreis gehören, gehen an mir vorbei, ohne mich zu grüßen.

profil: Wie wird in der Gemeinschaft über Aussteiger geredet?
Daniel: Über Aussteiger wird nie gut geredet. Aussteigern werden nur schlechte Beweggründe unterstellt. Während meiner Zeit bei den Zeugen habe ich noch kein gutes Wort über einen Aussteiger gehört. Man sagte über mich, ich wäre nun ein Diener des Teufels.

profil: Die Zeugen Jehovas glauben an Armageddon. Wie ist das Leben, wenn man ständig davon ausgeht, dass das Ende nahe ist?
Daniel: Man verdrängt seine Probleme, weil man ja hofft, dass bald das Ende kommt. Man geht keine Lebensziele an, man hat überhaupt keine Ziele außer dem Predigtdienst und Vorrechte in der Versammlung. Als Zeuge Jehovas denkt man sich nur: „Jehova (Gott, Anm.) wird’s schon richten.“ Das ist ein Satz, den man dort sehr oft hört.


Wenn man entgegen der Empfehlungen des „Wachtturms“ handelt, wird man relativ schnell von schlechtem Gewissen geplagt.

profil: Für einen Außenstehenden klingt das ziemlich wirr.
Sarah: Wenn du bei den Zeugen bist, siehst du das nicht. Für dich ist alles logisch erklärbar: Die ganze Welt, das Leben. Viele Menschen sagen, sie können nicht an Gott glauben, weil es auf der Welt so viele Kriege gibt. Wenn es einen Gott gäbe, hätte der doch schon was gemacht. Die Zeugen Jehovas haben eine schlüssige Erklärung, warum Gott dabei zusieht. Sie haben auf jede erdenkliche Frage nach dem Sinn des Lebens eine Antwort. „Warum werden Menschen krank und sterben?“, „Was passiert mit den Toten?“, das sind nur einige Fragen, welche Zeugen Jehovas meinen, beantworten zu können.

profil: Wie erklären die Zeugen Jehovas, dass Gott einfach zusieht?
Sarah: Satan hat damals im Paradies Gottes Souveränität angefochten. Adam und Eva haben sich gegen Gott aufgelehnt, indem sie von der verbotenen Frucht gegessen haben. Gott hat gesagt: „Okay, schaut doch wie ihr ohne mich zurecht kommt. Probiert alles aus und irgendwann komme ich wieder und greife ein.“ Gott will uns die Gelegenheit geben, zu beweisen, dass wir auch ohne ihn auskommen. Da die Menschen aber nicht fähig sind, sich selbst zu regieren, passieren so viele schlimme Dinge.
Daniel: Darum greift Gott in der Endschlacht von Armageddon ein und vernichtet alle Menschen, die gegen seine Herrschaft sind.

profil: Die Zeugen Jehovas sind für ihren strengen Lebensstil bekannt. Warum macht man da mit?
Sarah: Die Botschaften werden unterschwellig formuliert. Im wöchentlichen Studium des „Wachtturms“ (die Zeitung der Zeugen Jehovas, Anm.) wird immer ein Artikel durchgenommen. Aufgebaut ist das als Frage-und-Antwort-Spiel. Die Fragen sind suggestiv. Wenn es zum Beispiel darum geht, ob eine gewisse Handlungsweise vor Gott richtig ist und in der Bibel kein klares Verbot beschrieben ist, werden Fragen gestellt wie: „Bestimmt möchten wir auf unser biblisch geschultes Gewissen hören, nicht wahr?“. Du denkst dir nur: Stimmt eigentlich. Und dann übernimmst du das in dein Denken. Die Fragen sind nicht nur manipulativ gestellt, es wird auch viel mit Triggern gearbeitet. Ein Trigger ist das oben genannte „biblisch geschulte Gewissen“. Ein Wort, mit dem ein Außenstehender nichts anfangen kann, löst bei Mitgliedern der Zeugen sofort eine innere Reaktion aus: „Tu, was im ‚Wachtturm’ steht“. Wenn man entgegen der Empfehlungen des „Wachtturms“ handelt, wird man relativ schnell von schlechtem Gewissen geplagt. Hält man sich daran, fühlt man sich gut. Hinterfragt wird nichts, denn Zeugen Jehovas sagen: „Wir leben in der Wahrheit“.

profil: Habt ihr auch Verbote gebrochen?
Sarah: Ein Zeuge Jehovas soll keine Bücher lesen und keine Computerspiele spielen, in denen Gewalt oder Zauberei vorkommen. Das haben wir trotzdem gemacht. Ich hatte dann aber ein schlechtes Gewissen. Sehr oft habe ich Computerspiele entsorgt, wenn der „Wachtturm“ dieses Thema wieder einmal ansprach. Das Gewissen ließ einem dann keine Ruhe mehr.


Es macht Spaß, sich mit Menschen zu unterhalten, ohne daran denken zu müssen, dass ich sie bekehren muss.

profil: Was hat sich seit eurem Ausstieg verändert?
Sarah: Ich gehe einfach nicht mehr mit dem Gedanken schlafen, dass ich schon wieder aufs Beten oder aufs Bibel lesen vergessen habe. Oft konnte ich mich nach der Arbeit nicht motivieren, die wöchentlichen Zusammenkünfte zu besuchen. Die Zusammenkünfte zu versäumen war nicht gern gesehen. Da habe ich mich oft schlecht gefühlt. Es wird auch immer verdeutlicht, wie wichtig es ist, Schul- und Arbeitskollegen zu missionieren. Das hab ich nie gemacht, weil ich mich dabei nicht wohl gefühlt hätte. Jemanden nicht zu missionieren, obwohl man die Gelegenheit dazu hätte, kann einem das ewige Leben kosten. Diese ganzen Schuldgefühle sind nun weg. Ich mache alles mit einer anderen Einstellung. Es macht Spaß, sich mit Menschen zu unterhalten, ohne daran denken zu müssen, dass ich sie bekehren muss.

profil: Und hat sich an eurer Einstellung auch etwas verändert?
Sarah: Jetzt geht es erst einmal darum, herauszufinden, wer ich bin und was eigentlich meine Meinung zu vielen Dingen ist. Davor wurde mir das immer von den Zeugen Jehovas vorgegeben. Manches weiß ich immer noch nicht. Freunde erzählen mir oft Sachen, zu welchen ich früher wegen meiner Religion gesagt hätte, dass ich das nicht gutheißen kann. Und jetzt mache ich mir meine eigenen Gedanken darüber.

profil: Zum Beispiel?
Sarah: Homosexualität. Bei den Zeugen lernt man, dass das eine Sünde ist, so wie Ehebruch. Jetzt kann ich Toleranz gegenüber homosexuellen Menschen zeigen. Ich will niemanden mehr dafür verurteilen, wen er liebt.

profil: Zeugen Jehovas feiern ja keine Geburtstage. Feierst du jetzt?
Sarah: Ja. Im Jänner habe ich zum ersten Mal meinen Geburtstag gefeiert. Es war sehr ungewohnt, im Mittelpunkt zu stehen. Aber ich habe mich sehr über die Glückwünsche gefreut.


Wenn man zu den Zeugen Jehovas geht, muss man seinen kritischen Geist komplett aufgeben.

profil: Bekannt ist die Gemeinschaft für ihre aufdringlichen Hausbesuche. Wie war das Missionieren für euch?
Daniel: Die meisten Menschen reagieren negativ auf die Besuche. Man ist insgeheim froh, wenn niemand zuhause ist. Die Zeit, in der man von Tür zu Tür geht, kann man trotzdem auf den monatlichen Bericht schreiben. Je mehr Stunden man missionieren ging, umso mehr Anerkennung bekam man.

profil: Dürfen Zeugen Jehovas zu politischen Wahlen gehen?
Sarah: Man ist als Christ nicht neutral, wenn man sich für eine Partei entscheidet. Jeder Zeuge wird dir das so erklären: Ich habe für mich persönlich schon meine beste Regierung gewählt: Nämlich Gott. Ich hoffe auf Gottes Königreich.

profil: Kennt ihr irgendeinen Zeugen, der wählen war?
Daniel: Nein. Das ist sehr verpönt. Das hätte sich nie einer zuzugeben getraut.

profil: Was hat euch dann dazu gebracht, die Lehren der Zeugen Jehovas zu hinterfragen?
Daniel: Wenn man zu den Zeugen Jehovas geht, muss man seinen kritischen Geist komplett aufgeben. So war das auch bei mir: Ich habe deren Lehren in mein Denken übernommen. Aber irgendwann habe ich festgestellt: Die nehmen beliebige Bibelzitate und missbrauchen das als Grundlage für ihre Lehren. Oft sind die Zitate komplett aus dem Zusammenhang gerissen. Da wurde ich zum ersten Mal skeptisch. Eigentlich ist es ja verboten, Literatur von Aussteigern zu lesen – da ist schon eine gewisse Hemmschwelle da. Ich habe es trotzdem gemacht. Und das hat mir dann so richtig die Augen geöffnet.

profil: Wie haben die Ältesten der Zeugen Jehovas darauf reagiert?
Daniel: Nachdem ich sie immer mit kritischen Fragen gelöchert habe, sind sie eines Tages vor unserer Wohnung gestanden. Sarah musste den Raum verlassen – und sie haben mich vor einen Ältestenrat (konfessionelles Rechtskomitee, Anm.) geladen.

profil: Wie schaut sowas aus?
Daniel: Du wirst in einem Nebenraum von drei Ältesten verhört. Du darfst niemanden mitnehmen und das Gespräch auch nicht aufzeichnen. Sie sind natürlich gut vorbereitet und du hast keine Ahnung, was auf dich zukommt.

profil: Und, was ist auf dich zugekommen?
Daniel: Das war extrem unangenehm. Die Ältesten sind extrem freundlich aber immer mit Hintergedanken. Sie verfolgen immer das Ziel, dass sie dich irgendwie rumkriegen und zur Umkehr bewegen. Das Ganze hat circa drei Stunden gedauert. Sie haben gesagt, sie würden mich nicht als Gegner sondern als verlorenen Sohn betrachten. Sie müssten mich aber aus Schutz vor den anderen Schafen ausschließen, damit ich die anderen nicht mit meinem vergifteten Geist infiziere.
Sarah: Ich habe ihnen dann hinterher einen Brief geschrieben, dass ich mich der Meinung vom Daniel anschließen und daher austreten möchte. Daraufhin ist dann ein Antwortbrief gekommen, der meiner Meinung nach eine Frechheit war: „Es gibt in Jehovas Volk keinen ‚Eintritt’ und somit auch keinen ‚Austritt’. Mit der Taufe bekennt jemand öffentlich ein Zeuge Jehovas zu sein.“ Die haben also behauptet, ich kann gar nicht austreten – letztlich haben sie es dann doch akzeptiert.

profil: Der Brief ist zerknittert.
Sarah: Der Brief sieht schon etwas aus, weil ich ihn schon ein paar Mal durch die Gegend geschmissen habe.

Die Zeugen Jehovas wurden Ende des 19. Jahrhunderts in den USA gegründet. Heute ist die bibeltreue Bewegung, die an die baldige Apokalypse glaubt, weltweit aktiv. In Österreich zählen die Zeugen Jehovas gut 21.000 Mitglieder und sind seit 2009 anerkannte Religionsgesellschaft.

Foto: Michael Rausch-Schott